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Fast überall eitel Sonnenschein

Dank der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften steigt die Beschäftigung und auch die Arbeitslosigkeit geht wieder stärker zurück. Der deutsche Arbeitsmarkt ist allerdings nicht erst neuerdings in hervorragender Verfassung, sondern gedeiht schon seit Jahren.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Zahl der Beschäftigten eilt von einem Rekord zum anderen
  • Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosigkeit
  • Es gibt keine Umwandlung von "guten" in "schlechte" Jobs
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Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland eilt von einem Rekord zum nächsten. Im Mai 2015 waren 42,8 Millionen Menschen erwerbstätig – rund 200.000 mehr als im Mai 2014 und mehr als je zuvor.

Auch die langfristige Bilanz ist beeindruckend: Seit 1994 sind in Deutschland rund fünf Millionen neue Jobs entstanden. Und das Arbeitsvolumen, das jahrzehntelang gesunken war und im Jahr 2003 mit 55,9 Milliarden Stunden seinen Tiefpunkt erreichte, ist mittlerweile wieder auf 58,5 Milliarden Stunden angewachsen. Während vor den Agenda-­Reformen nur die Zahl der Jobs, nicht aber die Zahl der gearbeiteten Stunden zugenommen hatte, wachsen seitdem beide.

Der Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass vor allem reguläre, also sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen wurden. Deren Zahl ist von Dezember 2005 bis Dezember 2014 um fast vier Millionen gestiegen – und der Trend setzt sich fort. Hinzu kommt (Grafik):

Während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – sowohl in Vollzeit als auch in Teilzeit – in den Jahren 2013 und 2014 kräftig zugenommen hat, ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten leicht gesunken.

 

Die Klage, die Agenda-Reformen hätten zwar zu mehr Jobs geführt, diese seien aber von schlechterer Qualität, erweist sich also als unbegründet. Im Jahr 2005 arbeiteten 40,2 Prozent der Menschen im Erwerbsalter in einem Normalarbeitsverhältnis, also einer unbefristeten, abhängigen Vollzeitbeschäftigung außerhalb der Zeitarbeit, 2013 waren es schon 45,5 Prozent.

Die Zunahme der atypischen Beschäftigung von 12,4 auf 14,5 Prozent in diesem Zeitraum ging also keineswegs auf Kosten der Normalarbeitsverhältnisse. Rückläufig war vielmehr der Anteil jener, die gar nicht arbeiten – weil sie beispielsweise arbeitslos, in Frührente oder Hausfrau/-mann waren.

Während die Beschäftigung in Deutschland schon seit Jahren boomt, verläuft der Abbau der Arbeitslosigkeit zäher (Grafik). Im Jahr 2013 ist die Zahl der Arbeitslosen sogar leicht gestiegen, obwohl im selben Jahr fast 250.000 neue Stellen geschaffen wurden. Die Erklärung für dieses Phänomen liegt im steigenden Arbeitskräfteangebot:

Mehr Zuwanderung. Abzüglich der Menschen, die das Land verlassen haben, kamen 2013 fast 440.000 Personen nach Deutschland, davon allein 189.000 aus Osteuropa und 85.000 aus den südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten.

Gestiegene Erwerbsquote. Im Jahr 2013 hat sich die Erwerbsquote von 76,9 auf 77,4 Prozent erhöht. Das klingt nicht besonders beeindruckend, hat aber große Auswirkungen, denn 0,5 Prozentpunkte bedeuten immerhin fast 270.000 zusätzliche Erwerbspersonen. Insbesondere Ältere sind vermehrt auf dem Arbeitsmarkt aktiv.

Dank des zusätzlichen Angebots an Arbeitskräften konnten im Jahr 2013 neue Stellen entstehen, ohne dass die Arbeitslosigkeit gesunken ist – was allerdings nicht heißt, dass die neuen Stellen ausnahmslos von Zuwanderern und bisher nicht Erwerbstätigen besetzt worden sind.

Im Jahr 2014 ist die Zahl der Arbeitslosen trotz weiterhin hoher Zuwanderung um rund 50.000 gesunken und 2015 wird der Rückgang wohl sogar doppelt so hoch ausfallen.

Ungeachtet dieser Erfolge sind noch nicht alle Probleme gelöst. Das zeigt etwa die Zahl von 3,6 Millionen Unterbeschäftigten, das sind Arbeitslose und jene Menschen, die zwar ohne Job sind, aus verschiedenen Gründen aber nicht in der Statistik auftauchen (Kasten).

Unbefriedigend ist auch die nach wie vor hohe Langzeitarbeitslosigkeit. Zwar ist die Zahl derer, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, von 1,7 Millionen im Jahr 2007 auf 1,04 Millionen im Juni 2015 gesunken. Doch dieser Rückgang fand ausschließlich bis 2011 statt – seitdem gab es trotz der guten Rahmenbedingungen kaum Fortschritte.

Um auch dieses Problem zu lösen oder zumindest besser angehen zu können, brauchen die zuständigen Ämter vor allem mehr Personal. Viele Jobcenter halten nicht einmal den gesetzlich vorgegebenen Betreuungsschlüssel ein. Um das Konzept des „Fördern und Forderns“ glaubhaft umzusetzen, müssen die Job­center aber regelmäßig mit den Arbeitslosen sprechen.

Wenig hilfreich ist jedoch der Vorschlag, Langzeitarbeitslose in einen „sozialen Arbeitsmarkt“ abzuschieben – damit würden sie faktisch in den Staatsdienst übernommen.

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