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Veränderte Familienverhältnisse

Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen nicht mit beiden Elternteilen auf. Rund 26 Prozent der zwischen 1996 und 1998 Geborenen wurden in den ersten 15 Lebensjahren zumindest zeitweise von einem Elternteil allein erzogen. Jeder Zehnte hat einen Teil seiner Kindheit in Stief- und Patchworkfamilien verbracht. Einflussfaktoren sind unter anderem der Wohnort, Nationalität und Bildungsgrad der Eltern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Familienkonstellationen in Deutschland haben sich verändert, Kinder leben immer seltener bei verheirateten Eltern.
  • In Ostdeutschland wachsen Kinder häufiger mit einem alleinerziehenden Elternteil auf als in Westdeutschland.
  • Die Politik muss auf die veränderten Bedingungen reagieren und die Betreuungsstruktur verbessern.
Zur detaillierten Fassung

Die Familienkonstellationen, in denen Kinder in Deutschland aufwachsen, haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Lebten im Jahr 1996 noch knapp 84 Prozent der Minderjährigen mit ihren verheirateten Eltern zusammen, sank dieser Anteil laut Mikrozensus bis 2015 um mehr als 10 Punkte auf nur noch 73 Prozent. Gleichzeitig wuchsen mehr Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil auf. Die Quote stieg von knapp 12 Prozent im Jahr 1996 auf fast 18 Prozent im Jahr 2015. Nicht eheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern nahmen ebenfalls zu – von rund 4 auf gut 9 Prozent.

Beim Blick auf die einzelnen Bundesländer fällt ein Ost-West-Gefälle auf (Grafik):

In den neuen Bundesländern leben Kinder deutlich häufiger bei Alleinerziehenden oder in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften.

Sortiert man die Städte und Gemeinden nach ihrer Größe, so gibt es auch hier deutliche Unterschiede (Grafik):

Während in Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern 77 Prozent der Kinder bei Ehepaaren leben, sind es in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent.

Auch die Nationalität spielt bei den Familienverhältnissen eine Rolle. Zuwandererkinder mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben mit einem Anteil von 78 Prozent deutlich häufiger bei einem verheirateten Elternpaar als deutsche Kinder (72 Prozent).

Allerdings sind in der Datenerfassung nicht nur die leiblichen Eltern ein Ehepaar, sondern auch verheiratete Stiefeltern. Inwiefern dies der Fall ist, lässt sich auf Basis der amtlichen Statistik nicht ermitteln, da die entsprechenden Angaben fehlen.

Die Politik muss auf die veränderten Familienverhältnisse mit einer besseren Betreuungsstruktur reagieren.

Zur genaueren Auswertung der Familienverhältnisse sind die Daten des Sozio-oekonomischen Panels hilfreich. Darin wurden 17-Jährige befragt, bei wem sie während ihrer ersten 15 Lebensjahre wie lange gelebt haben – bei beiden Elternteilen, nur bei Vater oder Mutter, in Stieffamilien, in denen der leibliche Vater oder die Mutter mit einem neuen Partner zusammenwohnt, oder außerhalb der Kernfamilie, also bei Verwandten, in Pflegefamilien oder Heimen.

Aufgewachsen bei beiden Elternteilen. Von den Befragten, die zwischen 1996 und 1998 geboren wurden, haben 70 Prozent ihre gesamte Kindheit mit Mutter und Vater verbracht. Allerdings bestehen große Unterschiede zwischen Einheimischen und Migranten. So lebten vier von fünf Kindern von Ausländerinnen ihre ersten 15 Lebensjahre bei den Eltern, aber nur 69 Prozent der Kinder von Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Unterschiede zeigen sich auch, wenn man nach dem Bildungshintergrund der Mütter differenziert:

Kinder mit beruflich qualifizierten Müttern haben etwas häufiger bei beiden Eltern (72 Prozent) gelebt als Kinder von Müttern ohne Abschluss (70 Prozent). Für Akademikerinnen lag die Quote bei knapp 68 Prozent.

Noch deutlicher wird das Bild, wenn man nur die einheimischen Familien betrachtet. Knapp 72 Prozent der Kinder von Müttern mit Berufsabschluss verbringen demnach ihre ersten 15 Lebensjahre bei beiden Eltern. Wenn die Mutter einen Hochschulabschluss besitzt, sind es noch zwei Drittel, ist kein berufsqualifizierender Abschluss vorhanden, sinkt der Wert auf knapp 60 Prozent.

Aufgewachsen bei einem Elternteil. Mehr als ein Viertel der Befragten lebte bis zum 16. Geburtstag zumindest zeitweise nur mit einem Elternteil zusammen. Für 3 Prozent war dies sogar ein Dauerzustand.

Die Dauer unterscheidet sich allerdings, wenn man wiederum den Bildungsgrad der Mütter einbezieht: Ohne berufsqualifizierenden Abschluss betrug sie 7,7 Jahre, mit beruflichem Abschluss sank sie auf 7,3 Jahren, bei Müttern mit Hochschulabschluss lag sie nur noch bei 6,1 Jahren.

Aufgewachsen in Patchworkfamilien. Jedes zehnte Kind ist zeitweise in einer Stieffamilie aufgewachsen – im Durchschnitt 7 Jahre lang. In ausländischen Familien kam dies mit knapp 3 Prozent deutlich seltener vor als in deutschen Familien (12 Prozent).

Die Politik ist gefragt

Die Politik muss auf die veränderten Familienverhältnisse reagieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen:

Die Betreuungsstruktur muss – wie von den Parteien im Wahlkampf versprochen – insbesondere für Alleinerziehende verbessert werden.

Außerdem wird ein stimmiges Gesamtkonzept benötigt, wie die Einkommen von getrennt lebenden leiblichen Eltern oder Stiefeltern bei der Gewährung von staatlichen Leistungen berücksichtigt werden. Derzeit gibt es große Unterschiede: Während für die Leistungen nach ALG II und den Kinderzuschlag das Haushaltseinkommen und somit der neue Partner relevant ist, wird der Kinderfreibetrag dem leiblichen Elternteil gewährt und der Unterhalt um den entsprechenden Anteil am Kindergeld gekürzt.

Bei der Berechnung von Kita- und Kindergartengebühren werden häufig weder das Einkommen des getrennt lebenden leiblichen Elternteils noch das Einkommen des neuen Partners berücksichtigt.

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