Fachkräftemangel 20.04.2017 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Fachkräftemangel: Starkes regionales Gefälle

Die Fachkräfteengpässe auf dem deutschen Arbeitsmarkt nehmen zu, sie sind aber nicht flächendeckend. Tatsächlich entscheiden die Region, die gewünschte Fachrichtung und das Qualifikationsniveau darüber, ob ein Unternehmen Schwierigkeiten hat, passende Bewerber für offene Stellen zu finden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2016 waren im Durchschnitt aller Monate in Baden-Württemberg über 70 Prozent der Stellen schwer zu besetzen, in Berlin betrug die Engpassquote lediglich 35 Prozent.
  • Im vergangenen Jahr waren gut 61 Prozent aller Stellen für Akademiker schwer zu besetzen – 2012 traf dies erst auf rund die Hälfte der Expertenjobs zu.
  • Die meisten schwer zu besetzenden Stellen – mehr als 240.000 – entfielen im Jahr 2016 auf Jobs für beruflich Qualifizierte.
Zur detaillierten Fassung

Der Fachkräftemangel, der lange nur für Berufe im mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Bereich ausgerufen wurde, erfasst inzwischen immer mehr Branchen: Ingenieure, Pflegekräfte und Lehrer fehlen ja schon länger, doch mittlerweile sind in einigen Regionen Deutschlands auch Fachkräfte in der öffentlichen Verwaltung, Softwareentwickler und Speditionskaufleute knapp. Garten- und Landschaftsbauer sucht so mancher Arbeitgeber derzeit ebenfalls vergeblich.

Rein rechnerisch liegt ein Fachkräfteengpass vor, wenn das Verhältnis von Arbeitslosen zu gemeldeten Stellen weniger als zwei zu eins beträgt. Klingt unlogisch, ist aber der Tatsache geschuldet, dass die Unternehmen der Bundesagentur für Arbeit nur etwa jede zweite vakante Stelle melden.

Engpassquoten nach Regionen

Nun sagt allerdings die Engpassrelation für einzelne Berufe noch nichts darüber aus, wie groß die Besetzungsprobleme der Unternehmen in einer Region oder in Deutschland insgesamt sind. Darüber informiert die sogenannte Engpassquote. Sie gibt an, wie viele Stellen innerhalb einer Region in Engpassberufen im Verhältnis zu Nicht-Engpassberufen ausgeschrieben wurden.

Blickt man auf die Quote in den einzelnen Bundesländern, dann zeigt sich, dass vor allem viele Arbeitgeber im Süden Deutschlands händeringend nach Arbeitskräften suchen (Grafik):

Im Jahr 2016 waren im Durchschnitt aller Monate in Baden-Württemberg über 70 Prozent der Stellen schwer zu besetzen, in Bayern wurden fast zwei Drittel aller Jobs in Engpassberufen ausgeschrieben.

Ganz anders in Berlin: In der Hauptstadt betrug die durchschnittliche Engpassquote im vergangenen Jahr lediglich 35 Prozent – somit war es nur bei jeder dritten Vakanz schwierig, einen geeigneten Bewerber zu finden.

In Baden-Württemberg waren im Monatsdurchschnitt 2016 über 70 Prozent der Stellen schwer zu besetzen, in Berlin galt dies nur für 35 Prozent.

Auch im Ost-West-Vergleich gibt es Unterschiede. Aktuell ist die Situation für Arbeitgeber im Osten etwas weniger angespannt als in Westdeutschland. Doch das wird nicht so bleiben. Bereits in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Situation deutlich verschärft. Und innerhalb der nächsten zehn Jahre wird in Ostdeutschland fast eine halbe Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigter das gesetzliche Rentenalter erreichen – das ist jeder fünfte Arbeitnehmer.

Hinzu kommt, dass junge Leute aus ländlichen Regionen vermehrt in größere Städte ziehen. Für ostdeutsche Betriebe abseits der Ballungszentren dürfte die Personalgewinnung also zusehends schwieriger werden.

Engpassquoten nach Qualifikationsniveaus

Eine große Rolle für die künftige Engpassentwicklung spielt aber auch das Qualifikationsniveau. Obwohl immer mehr junge Leute einen Hochschulabschluss erwerben, ist der Stellenmarkt für Akademiker aus Arbeitgebersicht besonders angespannt (Grafik):

Gut 61 Prozent aller Stellen für Akademiker waren im Monatsdurchschnitt 2016 schwer zu besetzen – 2012 traf dies erst auf rund die Hälfte der Expertenjobs zu.

Noch schneller ist in den vergangenen vier Jahren allerdings die Lücke für Fachkräfte gewachsen, also für jene Personen, die einen Ausbildungsabschluss haben. In diesem Segment vergrößerte sich der Engpass bundesweit um fast 13 Prozentpunkte auf nunmehr rund 60 Prozent.

Betrachtet man nicht den Anteil, sondern die Zahl der Stellen, die schwer zu besetzen sind, entfielen die meisten – mehr als 240.000 – im Jahr 2016 auf Jobs für beruflich Qualifizierte.

Doch auch nach Spezialisten wie Meistern und Technikern halten viele Unternehmen vergeblich Ausschau: Auf diesem Qualifikationsniveau wird mittlerweile rund die Hälfte aller offenen Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben.

Mit 240.000 entfielen die meisten schwer zu besetzenden Stellen im Jahr 2016 auf Jobs für beruflich Qualifizierte.

Insgesamt waren im Jahr 2016 deutschlandweit im Schnitt 269 Berufe von Fachkräfteengpässen betroffen, 58 Berufe mehr als noch vor fünf Jahren. Besonders groß sind die Engpässe in technischen Berufen wie dem Elektrotechniker und in Gesundheitsberufen wie dem Hörgeräteakustiker. Doch auch in den Sicherheitsberufen fehlen Bewerber, zum Beispiel als Detektive und im Brandschutz.

Drei Kriterien ergeben vollständiges Bild

Um Fachkräfteengpässe vollständig darzustellen, sind also drei Kriterien nötig: die Region, die Qualifikation und die Fachrichtung. Dies zeigt folgendes Beispiel in Schleswig-Holstein: In Elmshorn kamen im Monatsdurchschnitt 2016 auf 100 gemeldete Stellen in der Metallerzeugung und -bearbeitung 69 Arbeitslose mit einer passenden beruflichen Qualifikation, im nur etwa zwei Autostunden entfernten Flensburg waren es 652 Arbeitslose je 100 gemeldete Arbeitsstellen. Dennoch herrscht in Elmshorn kein berufsübergreifender Fachkräftemangel, wie der Blick auf eine andere Berufsgruppe zeigt: In der Touristik- und Hotelwirtschaft standen dort nämlich je 100 Stellen 397 Arbeitslose gegenüber, in Flensburg hingegen nur 190, was einem leichten Engpass entspricht.

Wer gegen den Fachkräftemangel vorgehen möchte, muss also je nach Region und Beruf nach passgenauen Lösungen suchen. So empfiehlt es sich für Unternehmen, die in ihrer näheren Umgebung keine Fachkräfte finden, Stellen auch überregional auszuschreiben. Bewerbungsgespräche mit Kandidaten, die weiter entfernt wohnen, können über Videotelefonie realisiert werden. Wird ein Bewerber tatsächlich eingestellt, bietet sich für die Arbeitsorganisation das fallweise Arbeiten von Zuhause an, um den Pendelaufwand zu reduzieren.

Wie Betriebe die Mobilität ihrer Mitarbeiter bestmöglich unterstützen können und welche externen Angebote es gibt, zeigt das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung.

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