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„Fachkräfte wachsen ja nicht auf Bäumen“

Die Ergebnisse der jüngsten IW-Verbandsumfrage klingen fast zu schön, um wahr zu sein: 33 der 48 befragten Verbände erwarten für 2018 bessere Produktionsergebnisse ihrer Mitgliedsunternehmen als 2017, nur zwei sind pessimistisch. IW-Direktor Michael Hüther erklärt im iwd-Interview, wie die Umfrageergebnisse im Detail zu bewerten sind und warum die deutsche Erfolgsstory ernsthaft bedroht ist.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Weltkonjunktur hat weiter Fahrt aufgenommen, das wirkt sich positiv auf die exportorientierte deutsche Wirtschaft aus.
  • Über alle Branchen hinweg treibt die Digitalisierung die Investitionsprozesse an.
  • Der Arbeitsmarkt entwickelt sich angesichts einer historisch hohen Erwerbstätigenquote von 78 Prozent stark in Richtung Mangelverwaltung.
Zur detaillierten Fassung

Die Stimmung ist blendend: 26 Verbände sprechen von einer besseren Lage ihrer Unternehmen als vor einem Jahr, 20 bezeichnen sie als gleich gut und nur zwei als schlechter. Woran liegt das?

Die Weltkonjunktur hat weiter Fahrt aufgenommen, das wirkt sich positiv auf unsere exportorientierte Wirtschaft aus. Auch der hohe Konsum und die steigenden Investitionen im Inland treiben die Konjunktur. Das hilft vor allem der hiesigen Industrie, aber auch Dienstleister im Investment-, Leasing- und Immobilienbereich profitieren. Auf der Verliererseite stehen die Banken, die mit den niedrigen Zinsen, hoher Regulierungsintensität und niedrigen Margen in hartem Wettbewerb zu kämpfen haben. Der Ernährungsindustrie macht die starke Konkurrenz ebenfalls zu schaffen. Außerdem hat sie steigende Kosten zu bewältigen.

Sie sprachen gerade die inländischen Investitionen an …

… die 2017 deutlich zugelegt haben. Das hatte zum Jahreswechsel 2016/2017 so deutlich keiner erwartet – auch die Verbände nicht. Jetzt sind sie sich allerdings einig, dass es mit den Investitionen der Firmen weiter aufwärts geht.

Um den Fachkräftebedarf zu decken, sollte Deutschland das Renteneintrittsalter erhöhen, die Bildung verbessern und ein gutes, transparentes Einwanderungsgesetz schaffen.

Ist absehbar, wer besonders viel Geld in die Hand nehmen wird?

Wenn die Umfrage recht behält, werden es die großen Industriebranchen sein: der Maschinen- und Anlagenbau, die Elektroindustrie, die Automobilindustrie, die Chemische Industrie. Über alle Branchen hinweg treibt die Digitalisierung die Investitionsprozesse an, übrigens auch im Bankensektor. Denn die Finanzdienstleister wollen allesamt mehr investieren, obwohl sie mit Blick auf die Beschäftigung und die allgemeine Stimmung eher verhalten sind.

Apropos Beschäftigung: Auch hier ist das Bild positiver als in der Umfrage vor einem Jahr. Nur noch neun Verbände – also weniger als ein Fünftel – erwarten, dass ihre Mitgliedsunternehmen unterm Strich Personal abbauen.

Das ist richtig und natürlich sehr beruhigend für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland. Doch auch diese Medaille hat zwei Seiten: Oft ist nämlich nicht sicher, dass die Suche der Unternehmen nach Arbeitskräften erfolgreich ist. Da stößt die deutsche Erfolgsstory an ihre Grenzen.

Sie sprechen vom Fachkräftemangel – gerade im mathematischen, naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich und in der Informatik. Doch wie konkret sind die Probleme wirklich?

Sehr konkret. Das hat uns auch unsere Konjunkturumfrage im Herbst 2017 vor Augen geführt. Da wollten wir wissen, ob die deutsche Wirtschaft überhitzt – schließlich wächst sie seit Jahren. Tatsächlich sagte gut ein Drittel der rund 2.900 Firmen, dass ihre Kapazitäten überausgelastet sind. Als wir dann genauer nachgehakt haben, wurde deutlich: 66 Prozent der überausgelasteten Unternehmen fehlen Fachkräfte, um der Nachfrage Herr zu werden (Grafik). In der Gesamtwirtschaft gilt das immerhin für 47 Prozent der Firmen. Kein Wunder also, dass in diesen Tätigkeitsbereichen Überstunden angehäuft und Zusatzschichten gefahren werden.

Die Wirtschaftstheorie sagt, dass knappe Güter teurer sind. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten: Es braucht höhere Löhne, dann gibt es auch genügend Fachkräfte.

In der Theorie ist diese Logik bestechend. Doch die Praxis sieht anders aus. Nehmen wir beispielsweise die Metall- und Elektro-Industrie. Sie zahlt im Vergleich zu anderen Branchen und trotz starker Internationalität hohe Löhne, die in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich gestiegen sind. Doch Fachkräfte wachsen nicht auf Bäumen, deshalb helfen höhere Löhne hier nur sehr bedingt. Außerdem gilt: Wenn die einen für Fachkräfte mehr zahlen, fehlen die guten Leute an anderer Stelle. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich angesichts einer historisch und international hohen Erwerbstätigenquote von 78 Prozent aktuell stark in Richtung Mangelverwaltung.

So viel Prozent der Unternehmen in Deutschland sind von diesen Indikatoren für Überhitzung stark betroffen

Zu den Forderungen der IG Metall in der aktuellen Tarifrunde muss man Sie also gar nicht erst befragen, oder?

Sie meinen die Forderung nach 6 Prozent mehr Geld sowie ein Recht auf Teilzeit mit Rückkehrrecht in Vollzeit bei teilweisem Lohnausgleich? Mit alldem habe ich tatsächlich eine Menge Probleme. Gerade weil viele Firmen heute schon überausgelastet sind, sollte es erstens darum gehen, wie Arbeitnehmer – natürlich freiwillig – vielleicht sogar mehr arbeiten können. Da passt der Gegenentwurf der IG Metall so gar nicht ins Bild.

Zum zweiten das Rückkehrrecht von Teil- in Vollzeit: Wie soll das funktionieren? Die Unternehmen müssen Personal verbindlich ein- oder ausplanen. Sie können doch nicht einfach so Stellen freihalten, bis Mitarbeiter ihre Stundenzahl vielleicht wieder aufstocken. Die einzige Möglichkeit, die ich hier eventuell sähe, wäre, dass die Beschäftigten die Befristung ihrer Teilzeitabsenkung akzeptieren. Und dann der teilweise Lohnausgleich bei reduzierter Arbeitszeit. Das ist unfair. Denn finanzieren müssten den Ausgleich all jene, die selbst nicht in Teilzeit gehen. Oder anders betrachtet: Es wäre ein Anreiz für alle, nur noch Teilzeit zu arbeiten.

Aber es ist doch eine berechtigte Forderung der Arbeitnehmer, ein Stück vom Erfolgskuchen abzubekommen.

Natürlich. Dafür gibt es die Tarifparteien und Tarifverhandlungen. Nach meinem Eindruck haben die Arbeitnehmer in Deutschland aber in der Regel ein angemessenes Stück vom Kuchen abbekommen – gerade in der Industrie.

Wenn also Geld nicht hilft, wie können wir den Fachkräftebedarf dann decken?

Es klingt unpopulär, aber ab 2030 muss es mit der schrittweisen Erhöhung des Rentenzugangsalters weitergehen. Entscheiden müssen wir das schon heute. Zudem müssen wir unser Bildungssystem weiter verbessern und Ausbildungszeiten verkürzen. Und wir sollten weiterhin im Ausland um Fachkräfte werben. Dafür brauchen wir schnellstmöglich ein gutes, transparentes Einwanderungsgesetz, das den Bedarf im Land und das Potenzial der Zuwanderer in Einklang bringt.

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