M+E-Strukturbericht (Teil 3) Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Europäische Verflechtungen

Die Metall- und Elektro-Industrie beeinflusst durch ihre internationalen Handelsbeziehungen nicht nur die heimische Wirtschaft positiv, sondern auch die Wirtschaftsleistung anderer europäischer Staaten: Sie beflügelt dort die Produktion von Vorleistungen, was erhebliche Beschäftigungseffekte hat. Besonders stark profitiert der Osten der EU.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Lieferverflechtungen der deutschen Metall- und Elektro-Industrie mit dem Ausland sind in den vergangenen Jahren deutlich enger geworden - vor allem innerhalb der EU.
  • Die wichtigsten Partner für Deutschland sind Italien, Frankreich und die Niederlande. Mittel- und osteuropäische Staaten gewinnen zunehmend an Bedeutung.
  • Durch den Einkauf von Vorleistungen ist die deutsche M+E-Industrie indirekt verantwortlich für rund 2,5 Millionen Jobs innerhalb der EU.
Zur detaillierten Fassung

Die Unternehmen der deutschen Metall- und Elektro-Industrie sind eine wichtige Stütze der heimischen Wirtschaft und beschäftigen 3,9 Millionen Menschen. Die M+E-Industrie stemmt außerdem einen Großteil des deutschen Exportgeschäfts.

Das Wirken der M+E-Industrie geht jedoch über die Landesgrenzen hinaus. Grund dafür sind die seit Jahren steigenden internationalen Lieferverflechtungen der Branche – vor allem innerhalb der Europäischen Union (Grafik):

Während deutsche Firmen im Jahr 2000 Vorleistungen im Wert von gerade einmal 79 Milliarden Euro aus dem EU-Ausland bezogen, waren es 2014 nominal bereits 161 Milliarden Euro. Vorleistungsbezüge der deutschen M+E-Industrie in Milliarden Euro

Auch die Vorleistungsbezüge aus dem weiteren Ausland haben in diesem Zeitraum deutlich zugenommen, allerdings nicht ganz so kräftig: Sie wuchsen um gut 67 Prozent auf 81 Milliarden Euro.

Damit profitieren ausländische Vorleistungslieferanten immer stärker von den Erfolgen der deutschen M+E-Industrie. Zwar steuern heimische Firmen mit 444 Milliarden Euro noch immer den Großteil der Vorleistungen bei. Doch seit dem Jahr 2000 ist der Wert dieser Bezüge nur um knapp ein Viertel gestiegen.

Die deutsche Metall- und Elektro-Industrie stärkt durch ihre internationalen Verflechtungen die Wirtschaftskraft der anderen EU-Staaten und sorgt indirekt für viele Arbeitsplätze.

Die gewachsene Bedeutung der Zulieferer aus der EU lässt sich auch am Produktionswert ablesen: Im Jahr 2014 basierten fast 15 Prozent des Outputs der deutschen M+E-Unternehmen auf Vorleistungen aus dem europäischen Ausland. Zur Jahrtausendwende lag der Anteil erst bei gut 10 Prozent. Der Beitrag der Vorleistungsbezüge aus dem sonstigen Ausland stieg dagegen nur um einen Punkt auf 7,3 Prozent.

Mit Ausnahme Zyperns hat der Import von Vorleistungen aus allen Ländern Europas deutlich zugenommen. Besonders enge Verflechtungen bestehen dabei zu Italien: Laut der World Input-Output Database bezogen die deutschen M+E-Betriebe von dort Vorleistungen im Wert von mehr als 19 Milliarden Euro. Aus Frankreich, den Niederlanden und Polen importieren die deutschen Unternehmen ebenfalls in großem Umfang.

Mittel- und Osteuropa gewinnen an Bedeutung

Prozentual konnten sich vor allem Länder aus Mittel- und Osteuropa seit dem Jahr 2000 steigern. Aus Bulgarien kamen zuletzt Vorleistungen in Höhe von 693 Millionen Euro – ein Plus gegenüber der Jahrtausendwende von mehr als 1.700 Prozent. Ebenfalls vierstellige Wachstumsraten verzeichneten Rumänien und die Slowakei.

Im Jahr 2014 stammten bereits über 30 Prozent der Vorleistungen, die deutsche M+E-Firmen innerhalb Europas geordert haben, aus den Staaten Mittel- und Osteuropas. Zum Vergleich: 14 Jahre zuvor waren es bei einem geringeren gesamten Vorleistungsbezug nur 17,5 Prozent.

Zum einen hat dies mit der EU-Erweiterung zu tun. Durch die Aufnahme der Staaten im Osten sind Handelsbeziehungen deutlich leichter geworden. Zum anderen sind die Lohnkosten in diesen Ländern niedriger. Einfache Tätigkeiten konnten die Unternehmen somit an Firmen in den östlichen Nachbarländern abgeben.

Der gewachsene Warenverkehr zwischen den EU-Staaten und Deutschland wirkt sich sehr positiv auf den Arbeitsmarkt in den anderen EU-Ländern aus (Grafik):

Indem sie vermehrt Vorleistungen in Europa einkauft, sorgt die deutsche M+E-Industrie dort für rund 2,5 Millionen Jobs. So viele Arbeitsplätze waren 2014 in diesen Ländern auf indirekte Beschäftigungseffekte der deutschen M+E-Industrie zurückzuführen

Der größte Effekt ist in Polen zu beobachten. Im östlichen Nachbarland hängen rund 459.000 oder 2,9 Prozent der Arbeitsplätze am Wohl und Wehe der Metall- und Elektro-Industrie in Deutschland. In Tschechien basieren rund 276.000 Jobs auf den direkten oder indirekten Vorleistungskäufen deutscher Unternehmen, das entspricht jedem 20. Arbeitsverhältnis.

Ungewisse Zukunft in Großbritannien

Doch auch in den etablierten Industrieländern Europas hat die deutsche M+E-Industrie durch ihre Geschäfte großen Einfluss auf die Lage am jeweiligen Arbeitsmarkt: So lassen sich in Italien 274.000 Jobs auf die Verflechtungen zurückführen, in Frankreich sind es 217.000 und im Vereinigten Königreich 158.000.

Wie sich der Vorleistungshandel mit Firmen von der Insel und damit auch die indirekten Beschäftigungsverhältnisse im Zuge des Brexits entwickeln werden, ist momentan nicht abzuschätzen. Arbeitgeberverband BDA und Industrieverband BDI haben vor kurzem in einem Gespräch mit Premierministerin Theresa May vor einem unkoordinierten EU-Austritt Großbritanniens gewarnt. Das Vereinigte Königreich muss sich nun noch stärker um eine einvernehmliche Lösung bemühen, damit unter anderem die Arbeitsplätze in der M+E-Industrie erhalten bleiben.

 

Gutachten

Dieser Beitrag basiert auf dem Gutachten „Vierter Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland“, das die IW Consult im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall erstellt hat. Download unter gesamtmetall.de

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