Arbeitslosigkeit Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

EU-Regionen driften auseinander

Die Unterschiede zwischen den Arbeitslosenquoten in den einzelnen Regionen der Europäischen Union haben sich in den vergangenen zehn Jahren vergrößert. Während die Zahl der Jobsucher vor allem in Deutschland und den osteuropäischen Ländern zurückgegangen ist, hat sich die Lage im Süden Europas zum Teil dramatisch verschlechtert.

Kernaussagen in Kürze:
  • Andalusien war 2014 mit 35 Prozent die Region mit der höchsten Arbeitslosenquote.
  • 9 der 10 EU-Regionen mit der niedrigsten Arbeitslosenquote liegen in Deutschland.
  • Neben deutschen Regionen zählen auch Prag sowie einige österreichische Regionen zu den Spitzenreitern mit Arbeitslosenquoten von unter 4 Prozent.
Zur detaillierten Fassung

Hilfen für die Krisenstaaten, Entwicklungsprogramme für strukturschwache Gebiete – die EU tut einiges, um die Gemeinschaft wirtschaftlich voranzubringen und die Lebensverhältnisse in den einzelnen Mitgliedsstaaten einander anzunä­hern. Trotzdem ist das Gefälle immer noch groß – das zeigt sich gerade auch beim Blick auf die Arbeitslosigkeit in den 276 Regionen der EU (Kasten).

So liegen die zehn Regionen mit den meisten Arbeitslosen allesamt in Griechenland und Spanien (Grafik):

Andalusien war 2014 mit 35 Prozent die EU-Region mit der höchsten Arbeitslosenquote – kaum besser schnitten unter anderem die Kanarischen Inseln sowie die spanischen Enklaven auf dem afrikanischen Kontinent ab.

Erst auf Platz 18 des Negativ-Rankings findet sich mit dem italienischen Kalabrien die erste Region außerhalb Spaniens und Griechenlands. Die höchste Arbeitslosenquote einer nicht südeuropäischen Region verzeichnet Brüssel auf Rang 35. Des Weiteren zählen zu den 50 schlechtesten Regionen auch solche in Kroatien, Portugal, der Slowakei sowie Zypern.

Wo die Arbeitslosigkeit insgesamt hoch ist, finden vor allem Jugendliche keine Stelle. In den spanischen Regionen Andalusien, Ceuta und Kastilien-La Mancha sind von allen unter 25-Jährigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, mehr als 60 Prozent ohne Job. Auch in zahlreichen italienischen Regionen ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch – selbst dort, wo die Arbeitslosenquote insgesamt moderat ist. In einigen rumänischen, belgischen und britischen Regionen stehen ebenfalls viele junge Menschen ohne Job da.

Im Vergleich dazu ist die Situation in der Bundesrepublik geradezu paradiesisch:

Neun der zehn EU-Regionen mit der niedrigsten Arbeitslosenquote liegen in Deutschland – mit 2,5 Prozent schneidet Oberbayern am besten ab.

Selbst die Region Berlin, die mit 9,8 Prozent zuletzt die höchste Quote innerhalb Deutschlands hatte, erreichte in der Rangliste der 276 Regionen in der EU immerhin noch Platz 95.

Neben deutschen Regionen zählen auch Prag sowie einige österreichische und britische Regionen zu den Spitzenreitern mit Arbeitslosenquoten von unter 4 Prozent – was unter Ökonomen als Vollbeschäftigung gilt.

In Deutschland, Österreich und den Niederlanden sind zudem relativ wenige Jugendliche ohne Arbeit – und zwar selbst dort, wo der Arbeitsmarkt insgesamt nicht so rundläuft. Im niederländischen Flevoland zum Beispiel war die Arbeitslosenquote zuletzt mit gut 10 Prozent ähnlich hoch wie im italienischen Ligurien. Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen betrug in Flevoland aber „nur“ 18 Prozent – gegenüber 45 Prozent in Ligurien.

Wenig überraschend: In Regionen mit geringer Arbeitslosigkeit sind die Beschäftigungsquoten oft hoch:

In Oberbayern beispielsweise sind 79 Prozent aller 15- bis 64-Jährigen erwerbstätig – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt von 65 Prozent.

Ein überdurchschnittlich hoher Beschäftigungsstand findet sich auch in Teilen Schottlands, in Mittelengland sowie in Schweden. In den süditalienischen Regionen Kalabrien, Kampanien und Sizilien dagegen stehen weniger als 40 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Beruf – zudem ist die Quote in den vergangenen zehn Jahren noch deutlich gesunken.

Vergleicht man die Arbeitsmarktsituation heute mit jener vor der Finanz- und Wirtschaftskrise, dann zeigt sich, dass der Süden Europas nicht immer das Sorgenkind war.

Im Jahr 2004 standen viele griechische Regionen recht gut da – mit 6 Prozent war die Arbeitslosenquote auf Kreta damals sogar niedriger als in Tübingen.

Seither allerdings hat sich die Quote in der schwäbischen Universitätsstadt mehr als halbiert, während sie auf der griechischen Insel auf 24 Prozent gestiegen ist – damit belegt Kreta heute Platz 260 im EU-Ranking der 276 Regionen.

Aragon in Spanien und die Algarve in Portugal gehören ebenfalls zu den Regionen, in denen sich die Arbeitslosenquote zuletzt dramatisch erhöht hat. Spanien hatte allerdings bereits in den 1990er Jahren mit Quoten von mehr als 20 Prozent zu kämpfen. Bis 2007 war es dann gelungen, die Arbeitslosigkeit auf 8 Prozent zu drücken – bevor die Schuldenkrise den spanischen Arbeitsmarkt wieder um Jahrzehnte zurückgeworfen hat.

Nordwesteuropa dagegen ist – mit Ausnahme Irlands – in letzter Zeit von einer größeren Arbeitsmarktkrise verschont geblieben. Zwar ist die Arbeitslosenquote auch in einigen britischen Regionen – Wales und Yorkshire – sowie in Teilen der Niederlande – etwa in Zuid-Holland – seit 2004 spürbar gestiegen. Doch aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus liegen die Arbeitslosenquoten dieser Regionen nach wie vor unter dem EU-Mittelwert.

Einen kräftigen Rückgang der Quote verzeichneten neben den deutschen vor allem viele polnische Regionen:

Am deutlichsten verbessert hat sich die westpolnische Region Lubuskie – dort ging die Arbeitslosenquote von 25 Prozent im Jahr 2004 auf 8 Prozent im Jahr 2014 zurück.

Ähnlich stark rückläufig war die Arbeitslosenrate in Niederschlesien und Westpommern. Merklich verringert hat sich die Arbeitslosigkeit aber auch in anderen Regionen Osteuropas – zum Beispiel im tschechischen Prag, im Westen Rumäniens und in Teilen der Slowakei.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de