Wirtschaftsethik Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

„Ethik muss zentrales Thema unserer Gesellschaft werden“

Kardinal Reinhard Marx ist Erzbischof von München und Freising sowie Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Der gebürtige Westfale studierte Theologie und Philosophie in Paderborn, Paris, Münster und Bochum. Im Rahmen der Max-Weber-Preisverleihung 2016 sprach der iwd mit Kardinal Marx über das Thema "Integer Wirtschaften".

Kernaussagen in Kürze:
  • Ein vernünftiger Mensch richtet sein wirtschaftliches Verhalten an langfristigen, nachhaltigen Zielen aus.
  • Wer politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich eine wichtige Position bekleidet, von dem erwarten die Menschen hoheTransparenz über das, was er tut.
  • Die Grundlage ist die Familie, aber wir brauxchen auch Vorbilder in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche.
Zur detaillierten Fassung

Wir brauchen integre Persönlichkeiten - mit dem Willen, anständig zu handeln.

Kardinal Marx, der Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik des IW Köln steht in diesem Jahr unter dem Schwerpunkt „Integer Wirtschaften – Werteorientierung in Kirche und Finanzwirtschaft“. Wie wichtig ist dieses Thema für Sie in der heutigen Zeit?

Es ist nicht nur eine moralische Frage, sondern eine Frage langfristiger ökonomischer Vernunft. Denn alle Erfahrungen zeigen, dass immer dort, wo Menschen nicht vertrauensvoll miteinander umgehen, der Erfolg ausbleibt. Bestes Beispiel ist die Finanzkrise 2007/2008: Misstrauen und unglaubwürdiges Verhalten haben hier zu großen finanziellen und ökonomischen Schwierigkeiten geführt. Ich glaube, dass man nicht nur aus moralischen Gründen sagen sollte, es ist gut, ein integrer Mensch zu sein, sondern ein vernünftiger Mensch richtet auch sein wirtschaftliches Verhalten an langfristigen, nachhaltigen Zielen aus, die er glaubwürdig vertritt.

Durch die Panama Papers hat gerade diese Glaubwürdigkeit gelitten. Wie hoch schätzen Sie den Imageschaden, der Deutschland und der deutschen Wirtschaft dadurch entstanden ist?

Hier muss es eine gesellschaftliche Debatte geben: Was erwarten die Menschen in einer freien und offenen Gesellschaft von den Akteuren in Wirtschaft, Politik und Kirche an Transparenz und Offenheit? Das ist die Kernfrage und der sollte sich niemand entziehen. Das heißt nicht, dass nicht jeder ein Recht auf Privatsphäre und private Aktivitäten hat, aber wer politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich eine wichtige Position bekleidet, von dem erwarten die Menschen hohe Transparenz über das, was er tut. Das gehört zum Wert Verantwortung als Führungskraft dazu.

Wünschen Sie sich mehr Regeln und Gesetze, die eine solche Transparenz sicherstellen?

Regeln regeln nicht alles. Es besteht schon die Gefahr, dass man meint, mit Regeln hätte man dann das Problem gelöst, so nötig sie natürlich sind. Es braucht einfach auch integre Persönlichkeiten, das heißt den Willen, anständig zu handeln. Das wird man nie alles so in Gesetze fassen, dass man sagen könnte: Jetzt kann nichts mehr passieren. Wir brauchen beides: ordentliche, nachvollziehbare Gesetze, die eingehalten werden und ansonsten zu Sanktionen führen. Aber wir brauchen auch mehr moralische Sensibilität bei den Akteuren. Wo die nicht vorhanden ist und wo nur noch gilt, Hauptsache, ich komme durch, Hauptsache, keiner merkt, dass ich meinen Profit mache auf Kosten anderer - das wird nicht gutgehen. Bei einer solchen Haltung helfen auch die besten Gesetze nicht. Wer so denkt, wird immer irgendein Schlupfloch finden. Auch früher schon gab es das Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“. Das braucht es auch heute.

Was müsste denn geschehen, damit sich jeder Einzelne mehr verantwortlich fühlt?

Die Grundlage ist die Familie, unsere konkreten Beziehungen sind wichtig, unsere Sozialisation, wo wir Vorbilder und Orientierungen erfahren. Aber nötig sind auch Vorbilder in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche. Das Lernen von ethischen Grundnormen findet wesentlich in der Familie, der Kultur, der Religion statt. Da lernen wir, dass es gut ist, gut zu sein, und nicht etwa, dass der Ehrliche der Dumme ist. Wenn ich das in meinem Umfeld, in meinem Betrieb nicht vorgelebt bekomme, dann fällt eine dauerhafte ethische Orientierung schwer.

Aber ist das nicht genau das, was uns die Panama Papers gerade zeigen – Profit für den Einzelnen, vorbei an Staat und Gesellschaft und sozialen Verpflichtungen, Deutschland als Steueroase?

Das ist der Eindruck. Aber ich bin froh, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der solche Dinge auch ans Licht kommen und wir sie kritisch diskutieren – und nicht in einer Diktatur oder gelenkten Demokratie, wo die Pressefreiheit behindert wird und wo im Grunde genommen alles getan wird, damit die, die falschspielen, nicht entdeckt werden.

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