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Es ist gut so, wie es ist

Die Lohnpolitik seit Mitte der 1990er Jahre hat das deutsche Export- und Jobwunder erst ermöglicht. Die Bundesbank und die Europäische Zentralbank (EZB) plädieren gleichwohl für ein Ende der Lohnzurückhaltung – und beschwören damit eine Entwicklung wie Anfang der 1990er Jahre herauf, als Deutschland zum kranken Mann Europas wurde.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesbank und die Europäische Zentralbank (EZB) plädieren gleichwohl für ein Ende der Lohnzurückhaltung – und beschwören damit eine Entwicklung wie Anfang der 1990er Jahre herauf, als Deutschland zum kranken Mann Europas wurde.
  • Legen die Löhne stärker zu als die Produktivität, dann steigt der Druck auf die Unternehmen, die höheren Kosten auf die Preise zuüberwälzen – was die Nachfrage und den Umsatz schrumpfen lässt.
  • Die Gewerkschaften nahmen damals bewusst in Kauf, dass die Lohnerhöhungen nicht immer die Teuerung ausgleichen konnten.
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Gemäß der produktivitätsorientierten Lohnformel sollen die Löhne im Gleichklang mit der Produktivität steigen. Das sorgt dafür, dass die Lohnstückkosten konstant bleiben. Dieses Konzept ist in den 1960er Jahren entwickelt worden.

Legen die Löhne aber stärker zu als die Produktivität, dann steigt der Druck auf die Unternehmen, die höheren Kosten auf die Preise zu überwälzen – was die Nachfrage und den Umsatz schrumpfen lässt. Am Ende droht der Verlust von Arbeitsplätzen.

Ein Blick auf die Lohnentwicklung nach der Wiedervereinigung macht deutlich, was passiert, wenn die Tarifparteien den Bogen überspannen. Obwohl die Produktivität damals nur um 1,4 bis 3,5 Prozent zulegte, stiegen die Löhne teils zweistellig – mit der Folge, dass auch die Zahl der Arbeitslosen mit zweistelligen Zuwachsraten anstieg.

Mitte der 1990er Jahre merkten auch die Gewerkschaften, dass es so nicht weitergehen konnte. Fortan wurden verstärkt betriebliche Bündnisse für Arbeit geschlossen, bei denen Lohnverzicht gegen Standort- und Beschäftigungsgarantien getauscht wurden.

Diese moderate Lohnpolitik zeichnete sich dadurch aus, dass die Löhne meist parallel zur Produktivität stiegen und die Lohnstückkos­ten recht stabil blieben. Das verbesserte die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft und half, Wertschöpfung am Standort D zu halten. Der kranke Mann gesundete.

Die Gewerkschaften nahmen damals bewusst in Kauf, dass die Lohn­erhöhungen nicht immer die Teuerung ausgleichen konnten.

Gleichzeitig trug die produktivitätsorientierte Lohnpolitik dazu bei, die Preise in Schach zu halten. Dies wiederum erhöhte für die Zentralbank den Spielraum, die Zinsen niedrig zu halten – und damit Inves­titionen anzuschieben.

Diese Wirkungskette wird derzeit infrage gestellt. Nun soll die Lohnpolitik als Instrument zur Deflationsbekämpfung herhalten: Die Löhne sollen so stark steigen wie die Summe aus dem Produktivitätsfortschritt und der Zielinflationsrate der EZB in Höhe von 2 Prozent. Würde dagegen der bisherige Kurs beibehalten, nehme das Deflationsrisiko zu, sagen Bundesbank und EZB.

Der Blick zurück zeigt aber, dass dies nicht so sein muss. Denn in der Vergangenheit hat es wiederholt Phasen gegeben, in denen es beides zusammen gab: Inflationsraten von unter 2 Prozent und moderat steigende Löhne (Grafik). Nach keiner dieser Phasen kam es zur Deflation.

Handlungsbedarf besteht ohnehin nicht, denn zwischen Januar und Mai 2014 legten die Tariflöhne bereits um 3,3 Prozent zu. Und mit der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sind ab 2015 in vielen Dienstleistungsbereichen Preissteigerungen programmiert. Eine kleine Lohn-Preis-Spirale ist also schon in Gang gesetzt.

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