Zuwanderung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Erfolgsfaktor Arbeitsmarkt

Aufgrund der demografischen Entwicklung ist die deutsche Wirtschaft für künftiges Wachstum auf Zuwanderer angewiesen. Diese müssen sich allerdings möglichst gut in den Arbeitsmarkt integrieren können. Die Voraussetzungen dafür sind in den einzelnen Zuwanderergruppen unterschiedlich.

Kernaussagen in Kürze:
  • Um die Einwohnerzahl in Deutschland auf dem 2014er Stand von 80,6 Millionen zu halten, müssten bis 2035 per saldo mehr als sieben Millionen Menschen zuwandern,
  • Von den im Jahr 2013 nach Deutschland Zugewanderten waren mehr als 77 Prozent zwischen 18 und 49 Jahre alt – in der Gesamtbevölkerung machte diese Altersgruppe nur knapp 42 Prozent aus.
  • Die Chancen, den Sprung auf den Arbeitsmarkt zu schaffen, sind für Zuwanderer aus der EU besonders gut – bei den Flüchtlingen ist die Arbeitsmarktlage nicht ganz so rosig.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland altert und schrumpft schon seit einer Weile. Doch richtig dramatisch wird die Lage, wenn die Babyboomer – also die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1969 – demnächst in Rente gehen. Denn derzeit leben in Deutschland beispielsweise rund 1,4 Millionen Menschen, die im geburtenstärksten Jahrgang – 1964 – zur Welt kamen. Im Jahr 2014 wurden hierzulande dagegen gerade einmal 715.000 Kinder geboren.

In den kommenden Jahren wird die deutsche Bevölkerung per se folglich auch nicht mehr genügend Fachkräftenachwuchs für die Unternehmen stellen können. Ohne ausreichend qualifizierte Mitarbeiter bleiben jedoch Produktions- und Innovationsspielräume ungenutzt, was am Ende Wachstum und Wohlstand kostet.

Um dies zu verhindern oder zumindest die Folgen des demografischen Wandels abzumildern, ist Deutschland auf Zuwanderer angewiesen – und zwar in steigendem Maße (Grafik):

Um die Einwohnerzahl in Deutschland auf dem 2014er Stand von knapp 80,6 Millionen zu halten, müssten bis 2035 per saldo mehr als sieben Mil­lionen Menschen zuwandern.

Bereits heute tragen aus anderen Ländern zugezogene Mitbürger dazu bei, die Fachkräftebasis zu stabilisieren. Im Jahr 2011 waren beispielsweise 5,7 Prozent der hierzulande tätigen Ärzte und 3,6 Prozent der Altenpfleger erst nach dem Jahr 2000 eingewandert.

Die Immigranten sind für den deutschen Arbeitsmarkt auch deswegen von Vorteil, weil sie im Durchschnitt verhältnismäßig jung sind (Grafik):

Von den im Jahr 2013 nach Deutschland Zugewanderten waren mehr als 77 Prozent zwischen 18 und 49 Jahre alt – in der Gesamtbevölkerung dagegen machte diese Altersgruppe nur knapp 42 Prozent aus.

Jung zu sein, genügt jedoch nicht: Sollen die Zuwanderer einen substanziellen Beitrag zur Wachstums- und Wohlstandssicherung leisten, müssen sie den Einstieg in den Arbeitsmarkt schaffen – möglichst als gut ausgebildete Fachkräfte.

Die Chancen dafür sind allerdings in den einzelnen Zuwanderergruppen unterschiedlich gut:

  1. Zuwanderer aus der Europäischen Union. Wer aus einem der 27 anderen EU-Länder nach Deutschland kommt, schafft meist den Sprung auf den deutschen Arbeitsmarktzug:

Im Jahr 2014 waren etwas mehr als 76 Prozent der in Deutschland lebenden EU-Ausländer im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig – von den Zuwanderern aus Drittstaaten dagegen nur knapp 58 Prozent.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Bildungsabschlüsse, die die EU-Zuwanderer mitbringen, den deutschen oft ähnlich sind – auch infolge der EU-Harmonisierungsmaßnahmen. Daher werden viele der im EU-Ausland erworbenen Qualifikationen hierzulande anerkannt. Zudem schließen die Regelungen zur Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU aus, dass Zuwanderer gezielt nach Deutschland kommen, um Sozialleistungen zu beziehen.

Dennoch dürften Arbeitnehmer aus der EU die deutsche Fachkräfte­lücke nur begrenzt schließen können, da die anderen EU-Länder ebenfalls stark vom demografischen Wandel betroffen sind.

  1. Erwerbsmigranten. Wer aus Drittstaaten nach Deutschland kommen will, um hier zu arbeiten, muss in der Regel schon ein Stellenangebot für eine gehobene Tätigkeit in der Tasche haben. Zu dieser Gruppe gehören etwa Hochschulabsolventen, die die Bedingungen für eine Blue Card der EU erfüllen. Folglich haben Erwerbsmigranten kaum Probleme, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Allerdings ist ihre Zahl bislang gering: 2014 kamen nur 27.100 Nicht-EU-Fachkräfte und -Hochqualifizierte mit einem entsprechenden Aufenthaltstitel nach Deutschland. Das waren lediglich 3,4 Prozent aller Zugewanderten.
  2. Bildungsmigranten. Im Jahr 2014 nahmen knapp 48.000 junge Leute aus Drittstaaten ein Studium in Deutschland auf. Bleiben diese Zuwanderer hier, sind ihre beruflichen Chancen sehr gut – diese Gruppe ist daher ebenso wie die der Erwerbsmigranten besonders wichtig für die künftige Fachkräftesicherung.
  3. Flüchtlinge. Für sie ist die Arbeitsmarktlage besser, als man vermuten könnte, aber eben auch nicht ganz so rosig. So waren 2013 nur 63 Prozent der nach 1985 als Flüchtlinge zugewanderten 25- bis 64-Jährigen erwerbstätig – verglichen mit 74 Prozent aller anderen Zuwanderer. Ein Grund ist das geringere Bildungsniveau der Flüchtlinge – was auch für die derzeit Einreisenden gilt. Zwar sind wohl nicht wenige der syrischen Flüchtlinge relativ gut qualifiziert (vgl. iwd 38/2015). Insgesamt aber hatten im Juni 2015 nur 8 Prozent der aus den aktuellen Kriegs- und Krisenländern stammenden 25- bis 64-Jährigen einen Hochschulabschluss und 8 Prozent eine berufliche Qualifikation. Entsprechend sind noch erhebliche Anstrengungen erforderlich, damit möglichst viele Flüchtlinge eine Ausbildung absolvieren und in den Arbeitsmarkt integriert werden können.
  4. Nachziehende Familienmitglieder. Zu dieser Gruppe von Zuwanderern zählten allein im Jahr 2014 fast 64.000 Personen, vor allem nachziehende Ehefrauen und Kinder. Sie streben allerdings oft nicht unmittelbar selbst eine Erwerbstätigkeit an, sodass ihr Integrationserfolg maßgeblich vom Arbeitsmarkteinstieg desjenigen Familienmitglieds abhängt, das zuerst nach Deutschland gekommen ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de