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Erasmus: Ein Ticket für neun Millionen Menschen

Das europäische Erasmus-Programm, das in diesem Juni seinen 30. Geburtstag feiert, hat zunächst nur Studenten finanziell unterstützt, die ein Auslandssemester absolvieren wollten. Mittlerweile fördert das zu Erasmus+ umgetaufte Projekt nicht nur einen deutlich größeren Personenkreis, sondern umfasst auch sämtliche Bildungsbereiche. Allein 2015 investierte Brüssel dafür mehr als 2,1 Milliarden Euro.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das europäische Studentenaustauschprogramm Erasmus feiert im Juni seinen 30. Geburtstag.
  • Seit 1987 hat Erasmus 9 Millionen Menschen mobilisiert – darunter nicht nur Studenten, sondern auch Auszubildende und Lehrende.
  • In das deutsche Hochschulsystem sind im Jahr 2015 rund 106 Millionen Euro aus dem heute unter „Erasmus+“ firmierenden Fördertopf geflossen.
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Der Name ist Programm: Erasmus von Rotterdam setzte sich bereits im 16. Jahrhundert zusammen mit den Humanisten für eine grenzüberschreitende Wissenschaft ein. „Ich habe die ganze Welt als mein Vaterland betrachtet“, schrieb der Philosoph, der an vielen Orten in Europa tätig war.

So einen reisenden Wissenschaftler müssen auch die zwölf europäischen Bildungsminister vor Augen gehabt haben, als sie am 15. Juni 1987 grünes Licht für ein Mobilitätsprogramm gaben, das europäische Studenten bei Auslandsaufenthalten unterstützen sollte. Das war die Geburtsstunde von Erasmus – ein Akronym für „European Community Action Scheme for the Mobility of University Students“.

Dabei waren ausgerechnet die Mobilität und damit die Internationalität die Knackpunkte in den jahrelangen, oft mühsamen Verhandlungen über das Erasmus-Projekt. Etliche Länder, allen voran Deutschland, befürchteten damals, dass sich Brüssel zu viel in die nationale Bildungspolitik einmischt.

Erasmus und das daraus entstandene Erasmus+ können mit Fug und Recht als europäische Erfolgsstory bezeichnet werden.

Der anfänglichen Skepsis ist längst eine europaweite Begeisterung gefolgt. Mittlerweile nehmen außer den 28 EU-Mitgliedsländern auch Island, Liechtenstein, Norwegen, die Republik Mazedonien und die Türkei teil. Zudem sind nach und nach alle Bildungsprogramme der EU zusammengeführt worden – und firmieren seit 2014 unter dem Titel Erasmus+.

Das übergeordnete Ziel von Erasmus+ besteht darin, das Engagement der Mitgliedsländer für eine gut ausgebildete Bevölkerung zu unterstützen.

Für Erasmus+ stellte die EU-Kommission 2015 rund 2,1 Milliarden Euro zur Verfügung.

Gut die Hälfte davon (57 Prozent) wird für die grenzüberschreitende Mobilität von Schülern, Studenten, Dozenten und Professoren aufgewendet, der Rest wandert in Kooperationsprojekte. Zum Programm-Portfolio von Erasmus+ zählen nämlich nicht nur Förderangebote im Bereich der Hochschulbildung, sondern auch in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, der Schulbildung, der Erwachsenenbildung sowie für Jugend und Sport. Zudem stehen in den jeweiligen Programmen seit kurzem auch Fördergelder zur Integration von Flüchtlingen und zur Bekämpfung politischer Radikalisierung bereit.

Die Resonanz auf die Mobilitätsangebote kann sich sehen lassen:

Seit 1987 haben neun Millionen Menschen an Erasmus-Austauschprogrammen teilgenommen.

Bis 2020 sollen weitere vier Millionen Lernende, Lehrende und Jugendbetreuer gefördert werden. Dafür sind im Etat von Erasmus+ zwischen 2014 und 2020 insgesamt 18,2 Milliarden Euro vorgesehen.

Und wie steht es um den Kern von Erasmus, die Förderung des Hochschulbereichs? Derzeit fließen rund 40 Prozent des Jahresbudgets in den Hochschulbetrieb – und jedes Jahr absolvieren fast 300.000 Studenten ein Auslandssemester oder ein Auslandspraktikum (Grafik):

Die meisten Erasmus-Studenten kommen aus Frankreich, gefolgt von Deutschland und Spanien.

Beliebtestes Gastland ist mit Abstand Spanien. Auf den folgenden Rängen finden sich Deutschland und das Vereinigte Königreich, dessen Verbleib im Erasmus-Programm nach dem Brexit aber nur bis 2018 gesichert ist. Wenn Großbritannien dann vom internationalen Austausch abgekoppelt werden sollte, müssten europäische Gaststudenten die dortigen hohen Studiengebühren bezahlen.

Als das Erasmus-Programm 1987 startete, war die Begeisterung dafür in Deutschland noch recht überschaubar: Im ersten Jahr erhielten 657 Studenten ein Erasmus-Stipendium – 2014 waren es fast 40.000.

Seit 1987 waren mehr als eine halbe Million deutscher Studenten mithilfe der Erasmus-Förderung in Europa unterwegs.

Zurzeit werden Auslandssemester oder -praktika in jedem Studienzyklus bis zu ein Jahr lang mit 150 bis 700 Euro im Monat gefördert, je nach Gastland. Damit die erbrachten Studien- oder Praktikumsleistungen anerkannt werden, gibt es Kooperationsverträge zwischen den Gast- und den Heimathochschulen.

Die Kosten des europäischen Studentenaustauschs

Das alles kostet Geld – allein für die Förderung der Mobilität im deutschen Hochschulsystem überwies Brüssel im Jahr 2015 rund 86 Millionen Euro (Grafik):

Nimmt man auch noch die Mittel für die internationale Vernetzung sowie die Einbeziehung der Wirtschaft hinzu, dann flossen 2015 rund 106 Millionen Euro über Erasmus+ ins deutsche Hochschulsystem.

Der Vernetzung dienen beispielsweise die Erasmus Mundus Joint Masterdegrees – internationale Masterstudiengänge, die von mindestens drei Hochschulen aus drei europäischen Ländern gemeinsam angeboten werden. Diese Studiengänge, für deren Aufbau und Evaluierung 2015 rund 6 Millionen Euro an die deutschen Hochschulen gingen, stehen exzellenten Studenten aus aller Welt offen.

Im Rahmen von strategischen Partnerschaften werden aber auch Kooperationen zwischen Hochschulen und anderen Institutionen wie beispielsweise Unternehmen gefördert. Fast 9 Millionen Euro standen 2015 für diese Initiativen zur Verfügung. Unterstützt werden außerdem Lehre und Forschung zur europäischen Integration. Dafür gab es im Rahmen des Jean-Monnet-Programms zuletzt 700.000 Euro für die deutschen Hochschulen.

Erasmus und das daraus entstandene Erasmus+ können folglich mit Fug und Recht als europäische Erfolgsstory bezeichnet werden. Doch wie in fast jeder schönen Geschichte gibt es auch in dieser einen Wermutstropfen: Denn der Bedarf an Mitteln aus dem Brüsseler Fördertopf ist wesentlich größer als das vorhandene Budget – in Deutschland kommt derzeit nur jeder zweite interessierte Student und Hochschulmitarbeiter in den Genuss eines Erasmus-Stipendiums.

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