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„Entwicklungshilfe dient eher den Interessen der Geber als den Empfängern“

Die Länder Afrikas erhalten jährlich mehr als 30 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe. Dieses Geld bewirke allerdings kaum etwas in den Empfängerländern, sagt Axel Dreher, Professor für internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er plädiert dafür, nur demokratische Länder zu unterstützen und die Zahlungen nicht an Bedingungen zu knüpfen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die westlichen Geber zahlen pro Jahr etwa 130 Milliarden Euro an weltweiter Entwicklungshilfe aus. Trotzdem gibt es kaum Anhaltspunkte, dass die Hilfe spürbar zur Entwicklung der Empfängerländer beiträgt.
  • Die Geber verfolgen mit ihrer bilateralen Hilfe meist kommerzielle oder eigene politische Ziele.
  • Budgethilfe sollte über einen längeren Zeitraum und ohne Bedingungen an demokratische Staaten geleistet werden. Auf lange Sicht werden deren Regierungen dadurch stärker an ihren Erfolgen gemessen.
Zur detaillierten Fassung

Die westlichen Geber von Entwicklungshilfe zahlen pro Jahr etwa 130 Milliarden Euro an weltweiter Hilfe aus. Trotzdem gibt es kaum Anhaltspunkte, dass die Hilfe spürbar zur Entwicklung der Empfängerländer beiträgt. Dafür gibt es gute Gründe. Der wichtigste: Ein Gutteil der Hilfe wird nicht für die Entwicklungsförderung verwendet. Ungefähr 15 Prozent der „Hilfe“ sind administrative Kosten oder verbleiben aus anderen Gründen in den Geberländern. Die Gelder, die an die Empfängerländer fließen, sollen oftmals eher den geostrategischen oder kommerziellen Interessen der Geber als der Entwicklung der Empfänger dienen. Sie sollen Stimmen in internationalen Organisationen kaufen, den Terror bekämpfen oder Flüchtlinge abwehren.

Ein Großteil der Hilfe ist bilateral und dient der Finanzierung von Einzelprojekten. Weniger als 30 Prozent werden über multilaterale Organisationen vergeben. Wenn wirklich die Interessen der Empfänger und nicht die der Geber im Vordergrund stünden, hätte die bilaterale Hilfe ausgedient. Das würde auf beiden Seiten Kosten sparen. Die Geber könnten die Gelder dann aber weniger gut für ihre eigenen Ziele nutzen und stünden nicht mehr als „Wohltäter“ im Mittelpunkt.

Die Geberregierungen ziehen die Projekthilfe den direkten Zahlungen an Empfängerregierungen – der sogenannten Budgethilfe – vor. Sie können damit ihren Wählern Vorzeige-Projekte als Erfolg verkaufen und vermeiden es, mit den Misserfolgen der Empfängerländer in Verbindung gebracht zu werden.

Demokratische Länder in Afrika sollten Entwicklungshilfe über einen längeren Zeitraum und ohne Bedingungen erhalten.

Den vermeintlichen Erfolgen einzelner Projekte liegt allerdings ein Trugschluss zugrunde. Erstens hätte das Empfängerland das Projekt vielleicht auch ohne die Hilfe umgesetzt – die durch die Gelder freigewordenen Mittel können nun an anderer Stelle verwendet werden. Tatsächlich haben die Geber die Gelder dann für ein anderes, ihnen unbekanntes und vielleicht wenig sinnvolles Projekt bereitgestellt. Zweitens ignoriert der Fokus auf einzelne Projekte die Nebenwirkungen der Hilfe auf das Land insgesamt. Wenn Staatsbedienstete für die Durchführung der Projekte abgeworben werden oder Gelder die Korruption fördern - beispielsweise weil Regierungsbeamte bestochen werden müssen, um erforderliche Genehmigungen zu erhalten -, schwächt die Hilfe die Institutionen des Landes. Wenn gut ausgebildete Arbeiter aus dem Unternehmenssektor abgeworben werden, schwächt das die Wirtschaft.

In Ländern mit demokratisch legitimierten Regierungen sollte zur Entwicklungsförderung daher die Budgethilfe als Standardinstrument verwendet werden. Um die Zahlungen planbar zu machen, sollte Budgethilfe über einen längeren, aber begrenzten Zeitraum fest zugesagt werden und nicht an Bedingungen geknüpft sein. Einige Empfänger werden die Zahlungen für andere Zwecke als für die Entwicklung verwenden. Auf längere Sicht werden die Wähler dann aber die ausbleibenden Erfolge ihrer Regierung anlasten und sich nach Alternativen umsehen.

In Diktaturen sieht das anders aus. Hier kann die Budgethilfe nicht wirken. Sie wird eingesetzt, um die Macht der Diktatoren zu stärken und die Bevölkerung zu unterdrücken. Dies gilt für die Projekthilfe allerdings genauso, auch wenn das weniger offensichtlich ist. Diese Länder sollten daher gar keine Entwicklungshilfe erhalten, wohl aber humanitäre Unterstützung.

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