Einkommensverteilung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Ungleichheit: Auf die Daten kommt es an

Ob in den Medien oder in der Politik – die Themen Armut und Ungleichheit sind auch nach der Bundestagswahl allgegenwärtig. Das ist verständlich, da die diskutierten Befunde alarmierend klingen. Doch viele Szenarien stellen sich deutlich positiver dar, wenn man die genutzten Datensätze kritisch hinterfragt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die aktuelle Armutsdiskussion krankt an einem fahrlässigen Umgang mit unterschiedlichen Datenquellen.
  • Wegen zusätzlich ins Sozio-oekonomische Panel aufgenommener Migrationsstichproben ist eine Betrachtung der Einkommensentwicklung einzelner Bevölkerungsgruppen nur eingeschränkt sinnvoll.
  • Auch die Armutsgefährdungsquoten variieren – insbesondere die EU-Statistik erlaubt keine Zeitvergleiche, weil sie Strukturbrüche aufweist.
Zur detaillierten Fassung

Für Schwarzmaler sind diese Meldungen ein gefundenes Fressen: Zum einen heißt es, die ärmeren 40 Prozent der Deutschen hätten seit der Wiedervereinigung nahezu keine realen Einkommenszuwächse verbucht und würden kaum vom aktuellen Wachstum profitieren; zum anderen soll die Armutsgefährdung sowohl der jüngeren als auch der älteren Bevölkerung gefährlich hoch sein.

Doch mit der Realität haben die Ergebnisse nur bedingt zu tun. Die Gründe dafür sind allerdings nicht so einfach zu verstehen – die Probleme einer differenzierten Betrachtung fangen nämlich schon bei den Datensätzen an (Kasten unten):

Um Ungleichheit, Einkommen und Armut in Deutschland jährlich zu analysieren, stehen zuvorderst drei Datenquellen zur Verfügung – und alle haben ihre Stärken und Schwächen.

Für wissenschaftliche Analysen der Ungleichheit ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) die erste Wahl, da es die Einkommen detailliert aufschlüsselt und die Daten seit der Wiedervereinigung verfügbar sind.

Weil sie die gleiche Quelle nutzen, kommen auch ganz unterschiedliche Studien zu ein und demselben Befund:

Seit 2005 pendelt der Gini-Koeffizient – das ist das zentrale Maß der Ungleichheitsmessung – jedes Jahr unauffällig zwischen 0,28 und 0,29.

Die Ungleichheit hat sich also seit mehr als zehn Jahren nicht verändert. Zuvor ist sie indes gestiegen.

Migration drückt Einkommen der unteren 10 Prozent

Nichtsdestotrotz weisen Kritiker auf den ersten Blick zu Recht darauf hin, dass die unteren Einkommen seit der Wiedervereinigung in realer Rechnung nichts dazugewonnen, sondern sogar etwas verloren haben – während die oberen 10 Prozent davongeeilt sind.

Grundlage dieser Befunde ist wiederum das SOEP. Doch die Daten sind mit Vorsicht zu genießen: Von 1993 auf 1994 sind die Realeinkommen der ärmsten 10 Prozent laut SOEP dramatisch eingebrochen. In den Folgejahren mussten sie dieses Minus also erst einmal wieder wettmachen. Wie es zu diesem Einbruch kam, lässt sich nicht vollständig klären. Ein Faktor ist zweifelsfrei eine neue Migrationsstichprobe, die 1994 im SOEP dazukam und einen deutlich negativen Einfluss auf die Einkommen der unteren 10 Prozent hatte (Grafik):

Wenn man nicht 1991, sondern 1994 als Startjahr nimmt, haben die unteren 10 Prozent der Bevölkerung bis 2014 leichte Einkommensgewinne verbucht. Mit dem Basisjahr 1991 zeigt die Statistik dagegen deutliche Realeinkommensverluste.

Auch in den Folgejahren haben die ärmsten 10 Prozent beim Realeinkommen kaum Boden gutgemacht – und auch hier lohnt es sich, die Gründe dafür zu klären: Das SOEP ist seit 2010 um weitere Stichproben ergänzt worden, hinzugekommen sind Daten für Alleinerziehende und Familien im kritischen Einkommensbereich sowie eine umfangreichere Migrationsstichprobe. Folglich sind die Daten von vor 2010 nur noch eingeschränkt mit den aktuellen zu vergleichen.

Ohne die Migrationsstichprobe sind die Einkommen der unteren 10 Prozent 2012 und 2013 leicht gestiegen.

Das zeigen auch Berechnungen des IW Köln: Ohne den Sondereffekt der Migrationsstichprobe, die zwischen 2012 und 2013 ins SOEP aufgenommen wurde, wird aus dem Rückgang der Realeinkommen um 3,2 Prozent bei den ärmsten 10 Prozent ein Anstieg um 0,5 Prozent. Ähnliches gilt für die Einkommensschichten darüber:

Inklusive der neuen Migrationsstichprobe haben sich die Realeinkommen der unteren 40 Prozent um 2,3 Prozent reduziert – ohne diese Stichprobe wäre ein Plus von 0,7 Prozent herausgekommen.

Wird dieser Struktureffekt statistisch ausgeblendet, zeigt sich, dass sich die Einkommen der oberen 60 Prozent und der unteren 40 Prozent seit 2005 praktisch parallel entwickelt haben.

Setzt man als Startjahr darüber hinaus 1994 und nicht 1991 – um den ersten Bruch in der Statistik zu eliminieren –, haben sich die Realeinkommen der unteren 40 Prozent seither um knapp 8 Prozent erhöht.

Armutsgefährdung durch Strukturbruch in der EU-Statistik verzerrt

Noch vertrackter wird die Sache, wenn es um die Armutsgefährdung geht. Denn hierfür liefern alle drei Datensätze Kennzahlen – und die unterscheiden sich teils diametral (Grafik):

SOEP und Mikrozensus weisen für Personen unter 18 Jahren und Mehrkindfamilien ein überdurchschnittliches Armutsrisiko aus. Die EU-SILC attestieren beiden Gruppen dagegen ein unterdurchschnittliches Risiko – demnach wäre fast eine Million Kinder weniger armutsgefährdet als im SOEP.

Genau umgekehrt verhält es sich bei den Personen von 50 bis 64 Jahren: Hier geben SOEP und Mikrozensus Entwarnung, während die EU-SILC Alarm schlagen.

Betrachtet man die Armutsgefährdung im Zeitablauf, zeigt sich vor allem bei den EU-SILC ein deutlicher Strukturbruch. Einige Kritiker hält das jedoch nicht davon ab, die Zeitreihe durchgängig zu interpretieren und dadurch wissenschaftlich kaum haltbare Schlüsse zu ziehen.

Das gilt auch für die Armutsgefährdung insgesamt: Die unterschiedlichen Datensätze bieten die Gelegenheit, die Armutsgefährdung der Jungen auf Grundlage der einen Datenreihe zu thematisieren, um dann mit einer anderen Quelle die Altersarmut anzuprangern. Aussagekräftig wären die Befunde aber nur dann, wenn sie auf Basis mehrerer Datensätze belegbar sind.

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