Regionale Armut 23.08.2016 Lesezeit 6 Min. Lesezeit 1 Min.

Einkommensarmut in München und Tirschenreuth

Dass man mit 1.000 Euro irgendwo auf dem Land wesentlich besser zurechtkommen kann als in Hamburg oder München, leuchtet ein. In der Diskussion um die Einkommensarmut spielt das aber keine Rolle. Deshalb hat das IW Köln den einheitlichen Schwellenwert für Einkommensarmut um die unterschiedlichen Preisniveaus bereinigt – und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt in Deutschland als einkommensarm.
  • Diese Definition berücksichtigt allerdings nicht, dass es bundesweit sehr große Preisunterschiede gibt.
  • Rechnet man die unterschiedlichen Preisniveaus aus den offiziellen Armutsquoten heraus, ergeben sich ganz andere Werte.
Zur detaillierten Fassung

Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt nach amtlicher Definition als einkommensarm. Im Jahr 2013 traf das laut Statistischem Bundesamt auf 15,5 Prozent der Bundesbürger zu.

Schon diese eine Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn sie ist lediglich ein Durchschnittswert – je nachdem, wohin man schaut, ergeben sich ganz andere Werte: In Westdeutschland ist die Quote mit 14,4 Prozent etwas niedriger als im Durchschnitt, in Ostdeutschland mit 19,9 Prozent wesentlich höher. Auch zwischen Stadt (19,1 Prozent) und Land (14,5 Prozent) gibt es eine erhebliche Kluft.

Die offiziellen Armutsquoten lassen einen wichtigen Faktor außer Acht – die regional höchst unterschiedlichen Preisniveaus.

Doch egal, welche dieser Quoten man nimmt, eine grundsätzliche Schwäche haben alle: Sie suggerieren, dass das Leben überall in Deutschland gleich teuer ist. Tatsächlich aber klaffen die Lebenshaltungskosten weit auseinander:

In München – Deutschlands teuerster Region – sind die Lebenshaltungskosten 37 Prozent höher als im oberpfälzischen Tirschenreuth, dem preisgünstigsten Kreis.

Berücksichtigt man diese Preisunterschiede, wird aus der Einkommensarmut eine Kaufkraftarmut. Ein Single in München ist dann bis zu einem Monatseinkommen von 1.106 Euro kaufkraftarm, während ein Alleinstehender in Tirschenreuth schon ab 818 Euro nicht mehr dazu zählt.

Dieses Beispiel lässt ahnen, wie stark die preisbereinigte Sicht der Dinge die regionalen Armutsgefährdungsquoten beeinflusst (Tabelle):

Die Ost-West-Unterschiede schmelzen. Nach herkömmlicher Lesart – also ohne Preisbereinigung – hat Ostdeutschland eine um 5,5 Prozentpunkte höhere Quote an Einkommensarmen als Westdeutschland. Da aber das Preisniveau im Westen fast 6 Punkte höher ist als im Osten, schmilzt der Unterschied bei der Kaufkraftarmut auf 2,8 Punkte zusammen.

Das Stadt-Land-Gefälle wächst. Lässt man die unterschiedlichen Preise für Mieten, Lebensmittel und Dinge, die der Mensch sonst noch so braucht, außer Acht, ist die Quote der Einkommensarmen in Städten 4,6 Prozentpunkte höher als auf dem Land. Aufgrund der im Schnitt um 7 Prozent teureren Lebenshaltung in den Städten wächst der Unterschied zum Land nach der Preisbereinigung auf fast 8 Prozentpunkte.

Das hohe urbane Preisniveau sorgt dafür, dass sogar vermeintlich wohlhabende Städte eine überdurchschnittlich hohe Armutsquote haben:

Die Autostadt Stuttgart, die Handelsmetropole Hamburg, die Modestadt Düsseldorf und die Bankenhochburg Frankfurt am Main liegen mit Quoten von 20 bis 22 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 15,4 Prozent.

Kaufkraftarmut: Die Top 5 und die Flop 5

Die insgesamt 402 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland werden zur Berechnung der Einkommensarmut in 130 Regionen zusammengefasst, die von der Größenordnung her zumindest einigermaßen vergleichbar sind (Grafik). Dahinter stecken vor allem Datenschutzgründe: Denn würde man zum Beispiel die Einkommensdaten von sehr kleinen Kreisen veröffentlichen, ließen sich unter Umständen Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen. Im Folgenden einige Gründe, warum bestimmte Regionen eine besonders niedrige beziehungsweise eine besonders hohe Quote an Kaufkraftarmen haben.

Die Top 5

1. Bodenseekreis, Landkreise Sigmaringen und Ravensburg (Quote: 8,3 Prozent). Die Region am Bodensee gehört dank zahlreicher Industriebetriebe – etwa im innovativen Maschinenbau – zu den wirtschaftlich stärksten in Deutschland. Durch die Nähe zur prosperierenden Schweiz profitiert die Wirtschaft zusätzlich, nicht zuletzt durch Tagestouristen und Einkäufer. Die Arbeitslosenquote liegt nur bei rund 3 Prozent, und durch die ländlich-kleinstädtische Struktur sind alleinstehende Nichterwerbstätige Studenten und Alleinerziehende als Risikogruppen unterrepräsentiert.

2. Ingolstadt und Landkreise Eichstätt, Neuburg-Schrobenhausen, Pfaffenhofen (Quote: 9,0 Prozent). Ingolstadt und die angrenzenden Landkreise sind ebenfalls stark industriell geprägt, vor allem durch den Autobauer Audi und seine Zulieferer. Die Wirtschaftskraft der Region ist hoch – mit 122.000 Euro je Einwohner erreicht Ingolstadt den zweithöchste BIP-Wert in Deutschland – und die Arbeitslosigkeit ist die niedrigste Deutschlands: Ingolstadt selbst mit seinen immerhin 133.000 Einwohnern liegt unter 3 Prozent und im Kreis Eichstädt herrscht mit einer Quote von 1,3 Prozent Vollbeschäftigung.

3. Die Landkreise Erlangen-Höchstadt, Fürth, Nürnberger Land und Roth (Quote: 9,0 Prozent). Diese Region beherbergt viele Industriebetriebe, vor allen Metall- und Elektro-Unternehmen, aber auch die Zentralen von zwei globalen Marktführern im Sportartikelbereich. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt nur bei rund 2,5 Prozent, da die regionale Wirtschaft und die nahen Großstädte viele Arbeitsmöglichkeiten bieten.

4. Die Landkreise Augsburg, Dillingen, Donau-Ries und Aichach-Friedberg (Quote: 9,2 Prozent). Die Arbeitslosenquote in diesen vier Kreisen liegt im Schnitt nur bei rund 2,5 Prozent. Neben der intraregionalen, meist mittelständischen Wirtschaft bietet auch Augsburg selbst viele Arbeitsplätze. Da das Preisniveau nicht an das der Großstädte heranreicht, ist die Kaufkraft entsprechend hoch.

5. Landau in der Pfalz mit den Landkreisen Südliche Weinstraße und Germersheim (Quote: 9,4 Prozent). Hier zeigt sich, dass auch in weniger wirtschaftsstarken Regionen die Armutsquoten sehr gering sein können. Das gute Abschneiden erklärt sich nicht dadurch, dass die Region kaum sogenannte Risikogruppen beheimatet. Der Anteil der Migrantenhaushalte ist mit einem Viertel zwar überdurchschnittlich hoch. Doch diese Menschen weisen eine geringe Armutsquote auf, da die meisten von ihnen erwerbstätig sind. Die Arbeitslosenquote in Landau liegt bei 5 Prozent, in den Landkreisen bei 4 Prozent. Zu den größten Arbeitgebern der Region gehören die Holdinggesellschaft einer Baumarktkette und ein Möbelhersteller.

Die Flop 5

1. Bremerhaven (Quote: 29,3 Prozent). Die zum Land Bremen gehörende Hafenstadt mit 114.000 Einwohnern hat die höchste Armutsquote Deutschlands und mit zuletzt 14,6 Prozent auch die zweithöchste Arbeitslosenquote. Versuche, die durch das Ende der Fischerei und den Verlust von Werftarbeitsplätzen gebeutelte Wirtschaft auf Tourismus und Dienstleistungen umzustellen, haben bislang kaum gefruchtet.

2. Köln (Quote: 26,9 Prozent). Dass die Domstadt deutschlandweit den zweithöchsten Anteil relativ kaufkraftarmer Personen hat, überrascht. Denn die Arbeitslosigkeit ist mit knapp 9 Prozent nicht auffällig hoch und die Wirtschaftskraft ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von 51.000 Euro je Einwohner sogar überdurchschnittlich. Offenbar ist die Einkommensspreizung in Köln sehr hoch – nicht zuletzt wegen der vielen Studenten, die meist wenig Geld zur Verfügung haben. Hinzu kommt das – wie in den meisten Metropolen – hohe Preisniveau.

3. Die Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald (Quote: 25,7 Prozent). Während die Arbeitslosenquote fast überall in Ostdeutschland nur noch einstellig ist, verharrt sie in den beiden nordöstlichsten Kreisen Deutschlands deutlich über 10 Prozent. Da zudem die Einkommen niedrig sind und das Preisniveau aufgrund der Touristen etwas höher ausfällt als sonst in der ostdeutschen Provinz, ist die Armutsquote die höchste aller ländlichen Regionen in Deutschland.

4. Westberlin (Quote: 25,0 Prozent). Berlin wird aufgrund seiner Größe und Historie in der Statistik in Ost und West geteilt, wobei die grenzübergreifenden Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg dem Westteil zugeschlagen wurden. In Westberlin konzentrieren sich Problemkieze mit hohen Migrantenanteilen und Arbeitslosenquoten. Das ehemalige Ostberlin dagegen ist in Sachen Kaufkraftarmut unauffällig: Mit einer Quote von 18,6 Prozent steht der Stadtteil kaum schlechter da als München. Seit 2013 könnte sich die Situation in beiden Teilen Berlin etwas verbessert haben, da die Arbeitslosigkeit stark gesunken ist.

4. Gelsenkirchen (Quote: 24,8 Prozent). Die Stadt mit 260.000 Einwohnern am Nordrand des Ruhrgebiets hält mit einer Arbeitslosenquote von 14,9 Prozent im Juli 2016 die rote Laterne in Deutschland. Der früher führende Kokereistandort hat sich bis heute nicht vom Niedergang der Kohle- und Montanindustrie erholt. Mit einem verfügbaren Einkommen von 15.900 Euro je Einwohner hat Gelsenkirchen den niedrigsten Wert aller Städte. Dass sie trotzdem eine geringere Armutsquote als zum Beispiel Köln aufweist, dürfte auf die höhere Kaufkraft aufgrund des niedrigen Preisniveaus zurückzuführen sein.

IW-Kurzbericht 49/2016

Klaus-Heiner Röhl, Christoph Schröder: Welche Regionen sind in Deutschland besonders von Armut betroffen?

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de