Verteilung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Einkommen und Vermögen: Weniger blinde Flecken

Vermögen hat eine besonders wichtige Funktion: die Absicherung von unerwarteten Einkommensausfällen. Eine neue IW-Studie zeigt, wie sich die Einkommensverteilung und Armutsrisiken verändern, wenn die Vermögen berücksichtigt werden – und liefert Erkenntnisse, die viele überraschen dürften.

Kernaussagen in Kürze:
  • Eine neue IW-Studie zeigt, wie sich Einkommensverteilung und Armutsrisiken verändern, wenn die Vermögen berücksichtigt werden.
  • Wird neben dem Einkommen auch das Vermögen miteinbezogen, zählen statt 3 gut 9 Prozent der Bundesbürger zu den relativ Reichen, verfügen also netto über mehr als 250 Prozent des mittleren Einkommens.
  • Da Vermögen meist über Jahre angespart wird, erhöht sich vor allem das verfügbare Monatseinkommen der über 65-Jährigen – im Schnitt um 73 Prozent von 2.066 auf 3.574 Euro.
Zur detaillierten Fassung

Gerade in einer Zeit, in der die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie groß ist und viele Menschen Existenzängste plagen, wird in Deutschland hitzig über die Verteilung von Einkommen und Vermögen diskutiert.

Doch die meisten Debatten zu diesem Thema haben eine entscheidende Schwäche: Es wird wahlweise das ungleich verteilte Vermögen angeprangert oder aber das Einkommen, das nach allgemeinem Dafürhalten ebenfalls nicht fair verteilt ist. Doch diese Zweiteilung hilft wenig:

Eine kombinierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen liefert ein vollständigeres Bild des materiellen Wohlstands und lässt bessere Rückschlüsse auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in Deutschland zu.

Die IW-Studie nutzt diesen Ansatz (siehe Kasten) und die Ergebnisse sind eindeutig: Die Zugehörigkeit zu den unverändert definierten Einkommensschichten verschiebt sich deutlich nach oben, wenn die Vermögen berücksichtigt werden (Grafik):

Wird neben dem Einkommen auch das Vermögen berücksichtigt, zählen statt 3 gut 9 Prozent der Bundesbürger zu den relativ Reichen, verfügen also netto über mehr als 250 Prozent des mittleren Einkommens – das sind für einen Single 4.713 Euro monatlich.

So viel Prozent der Einwohner Deutschlands zählten 2017 zu dieser Schicht gemäß der entsprechenden Einkommensdefinition

Gleichzeitig reduziert sich gemäß der ursprünglichen Schichtgrenzen der Anteil der relativ Armen sowie derjenigen, die zur unteren Mittelschicht zählen, zusammen um rund 4 Prozentpunkte.

Was allerdings auch die kombinierte Betrachtung nicht erfasst, ist das sogenannte implizite Vermögen all jener, die erwerbstätig sind und sich bereits einen Anspruch auf eine gesetzliche Rente erarbeitet haben. In aller Regel geht davon ein die Ungleichheit reduzierender Effekt aus.

Viele Senioren sind vermögend

Weiterhin erfassen die Daten nur unzureichend die Vermögen in Form von (Lebens-)Versicherungen, die eine verbreitete Altersvorsorge der Mittelschicht darstellen.

Als Schönfärberei der tatsächlichen Lage darf die kombinierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen trotz ihres positiven Gesamtergebnisses nicht abgetan werden. Denn während die auf die restliche Lebenszeit aufgeteilten Vermögen das laufende Einkommen in vielen Fällen erhöhen, können Schulden es in einigen Fällen reduzieren – der erste Effekt wirkt über alle Haushalte betrachtet jedoch deutlich stärker.

Dennoch gehen höhere Einkommen auch in dieser Betrachtungsweise tendenziell mit höheren Vermögen einher – und am anderen Ende der Skala gilt, dass viele Menschen mit geringem Einkommen auf kein nennenswertes Vermögen zurückgreifen können.

Besonders aufschlussreich ist die gemeinsame Betrachtung der Einkommen und Vermögen nach Altersgruppen (Grafik):

Das verfügbare Monatseinkommen der über 65-Jährigen erhöht sich nach Berücksichtigung der Vermögen im Schnitt um 73 Prozent – von 2.066 auf 3.574 Euro.

So hoch war das monatliche Haushaltsnettoeinkommen der verschiedenen Altersgruppen nach der entsprechenden Einkommensdefinition im Jahr 2017 in Euro

Bei den 50- bis 64-Jährigen sind es 19 Prozent mehr, bei den unter 25-Jährigen indes nur 9 Prozent. Das macht deutlich, dass Ältere häufiger über nennenswerte Vermögen verfügen, da diese normalerweise im Lebensverlauf erst langsam angespart werden.

All das hat erheblichen Einfluss darauf, welche Altersgruppen sich wie oft in den verschiedenen Einkommensschichten wiederfinden.

Die klassische Betrachtung der Nettoeinkommen liefert zunächst weitgehend erwartbare Ergebnisse:

Mit Blick allein auf die Einkommen stellt die Generation der 50- bis 64-Jährigen fast 45 Prozent der relativ Reichen, während die über 65-Jährigen nur 17 Prozent dieser Schicht ausmachen.

Die Erwerbseinkommen sind hier der entscheidende Faktor. Wird dagegen die gesamte finanzielle Situation betrachtet, wandelt sich das Bild:

Unter Berücksichtigung des Vermögens stellt die Altersgruppe ab 65 mit gut 45 Prozent die größte Gruppe der relativ Reichen. Auch in der oberen Mittelschicht legt der Anteil dieser Altersgruppe deutlich zu – von 18 auf 25 Prozent.

Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es gerade bei alternden Gesellschaften ist, Lebenszykluseffekte zu berücksichtigen. Gerade bei Senioren hängt die finanzielle Lage häufig nicht allein vom klassischen Einkommen ab.

Schon der isolierte Blick aufs Einkommen zeigt allerdings, dass die Diskussion um Altersarmut differenzierter geführt werden müsste: Nach der klassischen Definition zählen 12,5 Prozent der Generation 65 plus zu den relativ Armen, verfügen also über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens; die Quote in der Gesamtbevölkerung beträgt 16,2 Prozent.

Schaut man auf den erweiterten Einkommensbegriff inklusive Vermögen, verbessert sich die relative Situation der Senioren weiter – dann sind 9,9 Prozent von ihnen relativ arm, liegen also unterhalb der Armutsschwelle von 1.131 Euro – während das auf 15,2 Prozent der Gesamtbevölkerung zutrifft.

Im Ergebnis liegt das höchste Armutsrisiko also keinesfalls bei der Altersgruppe ab 65 Jahren – auch wenn die mehrheitliche Wahrnehmung der Bevölkerung hier eine andere ist.

Zudem sollte in der aktuellen Corona-Situation nicht vergessen werden, dass das wichtigste Einkommen der Älteren – die Rente – zunächst von der Krise unberührt bleibt. Die Einkommen aus Erwerbstätigkeit dagegen sind derzeit erheblich unter Druck.

Allerdings verbleibt auch in der kombinierten Betrachtung eine Gruppe Älterer, die sowohl über geringe Einkommen als auch über geringe Vermögen verfügen – und die gegenüber den jüngeren Bevölkerungsgruppen weniger Möglichkeiten haben, ihre finanzielle Situation noch merklich zu verbessern.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene