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Eine Nicht-Wachstumsgesellschaft ist kein soziales Paradies

Welche Ursachen, Wirkungen und Grenzen hat Wachstum? Darüber diskutierte Michael Hüther mit Ralf Fücks und Uwe Schneidewind am 26. September im Rahmen der Berliner Gespräche des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Die Moderation übernahm Knut Bergmann.

Kernaussagen in Kürze:
  • Welche Ursachen, Wirkungen und Grenzen hat Wachstum?
  • Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, dass diese ökologischen Grenze per se auch die Grenzen der ökonomischen Wertschöpfung bestimmen.
  • Wir als Volkswirtschaft sind mit unseren ökologischen Ergebnissen nicht schlechter als die Länder, die weniger Industrie haben.
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Der Leiter des Hauptstadtbüros des IW Köln, Knut Bergmann, erinnert in seinem Eingangsstatement daran, dass Skepsis und Kritik beim Thema wirtschaftliches Wachstum in den Industrieländern eine lange Tradition haben.

IW-Direktor Michael Hüther weist in seinem Statement allerdings darauf hin, dass bei aller Wachstums­kritik eines nicht vergessen werden dürfe: dass Wachstum und Lebenserwartung eng zusammenhängen. Beide seien zuletzt auf breiter Front gestiegen.

Ralf Fücks, Chef der Heinrich-Böll-Stiftung, sorgt sich indes um das Erdklima und um zwei andere große Ökosysteme, die gegenwärtig überstrapaziert würden, nämlich die Bodenfruchtbarkeit und die Süßwasservorräte. „Es ist aber ein großer Irrtum, anzunehmen, dass diese ökologischen Grenzen per se auch die Grenzen der ökonomischen Wertschöpfung bestimmen.“

Der Vordenker der Grünen-nahen Böll-Stiftung hält es für unabdingbar, die Güter- und Dienstleistungsproduktion vom Naturverbrauch abzukoppeln. Das sei eine gewaltige historische Herausforderung. Diese grüne industrielle Revolution müsse zweigleisig fahren – Ressourceneffizienz und Ersatz fossiler durch erneuerbare Energien.

Dafür brauche es in Deutschland allerdings einen grundlegenden Mentalitätswandel der Bevölkerung. Bislang stoße man aber noch allzu häufig auf Zukunfts- und Zivilisa­tionspessimismus.

Uwe Schneidewind, Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ und Präsident des Wuppertal Instituts wirft die Frage auf, wie man für 9 Milliarden Menschen Wohlstand innerhalb der Grenzen unseres Planeten organisiert. Er setzt bei der Beantwortung der Frage den Fokus aber anders als Fücks. Es gehe eben nicht nur um technologische Herausforderungen, sondern auch um institutionelle und soziale Innovationen.

Michael Hüther macht deutlich, dass wir bei der Lösung der Probleme vielfach noch im Nebel stochern. Aber der technische Fortschritt habe auch bisher zu Lösungen geführt, die sich zuvor kein Mensch vorstellen konnte.

Die Lösungen für die zukünftigen Anforderungen seien bereits in den Köpfen der Menschen angelegt, da müsse man ran. Aber wie?, fragt der IW-Chef und gibt gleich die Antwort: „Da gelten immer noch die Ausführungen von Hayek – am bes­ten über ein System, das über Preissignale Anreize setzt.“

Fücks fordert indes mehr Begeisterung für die nächste industrielle Revolution: „Statt immer vor dem Machbarkeitswahn zu warnen, brauchen wir so was wie eine Kultur des Machens.“

Der ehemalige Bremer Umweltsenator kann die weit verbreitete Wachstumsskepsis und Wachstumsmüdigkeit allerdings auch begründen. Das habe viel mit dem Eindruck der Leute zu tun, die Früchte des Wachstums würden völlig einseitig verteilt. Und wenn das nicht korrigiert werde, dann verliere dieses Modell immer stärker an Akzeptanz.

Die Wachstumskritiker würden ihrerseits aber auch immer verdrängen, dass eine Nicht-Wachstumsgesellschaft alles andere als ein soziales Paradies sei. „Das wäre eine Gesellschaft mit brutalen Verteilungskonflikten.“

Man müsse sich doch nur die Debatte um die Eurokrise vergegenwärtigen, in der alle Beteiligten auf Wirtschaftswachstum setzen, weil natürlich klar sei, dass sich Europa aus dieser Schuldenkrise nicht einfach heraussparen könne. Fücks plädiert aus diesem Grund für ein Wachstumsmodell, das auf Nachhaltigkeit setzt.

IW-Chef Hüther fügt hinzu, Deutschland sei hier auf einem guten Weg, denn die deutsche Volkswirtschaft habe keine schlechteren ökologischen Ergebnisse als Länder, die viel weniger Industrie haben: „Wir haben eine hoch effiziente Industrie, die sich jedoch immer noch weiterentwickeln kann und muss“, sagt Hüther – die Frage sei nun, in welcher Form. Wir bräuchten beispielsweise Techniken, die uns etwa in der Energieproduktion andere Möglichkeiten bieten.

Fücks ist sich allerdings nicht so sicher, ob die Bundesbürger bei all dem mitziehen: „Wir haben einen dramatischen Wertewandel.“ Die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft wolle weg vom Wachstum, dafür dominierten zwei andere Werte: Stabilität und Sicherheit.

Mit dem demografischen Wandel, der Alterung der Gesellschaft, träten Sicherheitsbedürfnisse in den Vordergrund, glaubt Fücks. Die Verunsicherung durch die Globalisierung habe darüber hinaus das Gefühl des Kontrollverlusts über das eigene Leben verstärkt. Deshalb gebe es kein Vertrauen mehr, dass die nächste Generation besser leben wird als die heutige.

Michael Hüther stimmt dem zu. Um die gleiche Wachstumsdynamik zu erreichen wie vor 30 oder 40 Jahren, müssten sich die Menschen inzwischen viel mehr anstrengen. Zudem müsse man sich heute selbst um die Absicherung mancher Risiken kümmern. In der Frage des Bildungssparens müsse jeder aktiv werden oder sich über Zusatzelemente in der Rente Gedanken machen.

Das sei zwar der richtige Weg, aber es führe natürlich dazu, dass die Menschen möglicherweise mit dem Wunsch reagieren, doch in irgendeiner Form eine höhere Stabilität und Sicherheit zu haben, räumt der IW-Direktor ein.

Der Chef der Böll-Stiftung ergänzt, dass sich dieses Gefühl ausbreite, man müsse sich immer mehr anstrengen, um noch bescheidene Zuwächse an Einkommen und Lebensstandard zu erzielen: „Und das wirft natürlich Fragen auf. Lohnt sich das noch oder will ich nicht lieber umschalten auf ein beschaulicheres Leben, in dem es viel weniger um materielle Güter geht, sondern um eine Lebensqualität, die möglicherweise auch mit einem geringeren Einkommen möglich ist?“

Ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen postmateriellen Werten und der Notwendigkeit und vielleicht sogar der Freude an Entwicklung, Modernisierung und Innovation, das ist für Fücks ein Prozess, der gerade erst angefangen hat.

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