Gesundheitswirtschaft Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Eine Branche mit Zukunft

Einerseits wird die demografische Entwicklung in der gesetzlichen Krankenversicherung zu höheren Kosten führen. Andererseits entstehen in der Gesundheitswirtschaft neue Jobs – für Akademiker ebenso wie für im Beruf ausgebildete Fachkräfte.

Kernaussagen in Kürze:
  • Einerseits wird die demografische Entwicklung in der gesetzlichen Krankenversicherung zu höheren Kosten führen - andererseits entstehen in der Gesundheitswirtschaft neue Jobs.
  • Weil die Bevölkerung schrumpft, sinken ab 2050 auch die Gesamtausgaben der Krankenkassen – sie liegen 2060 nur noch rund 10 Prozent über dem heutigen Niveau.
  • Die demografische Entwicklung wird nicht nur zu steigenden Kosten für die GKV-Versicherten führen, sondern mittelbar über das Wachstum der Gesundheitswirtschaft auch die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme stützen.
Zur detaillierten Fassung

Die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kannten in den vergangenen Jahren eigentlich nur eine Richtung – nach oben. Damit stand die Frage nach der Kostendämpfung im Gesundheitswesen weit oben auf der politischen Agenda. Zuletzt allerdings hat sich die Situation der Kassen so weit entspannt, dass sogar die Praxisgebühr abgeschafft werden konnte.

Mittel- bis langfristig dürfte es wieder enger werden. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung drohen die Ausgaben der Krankenversicherung in den nächsten Jahrzehnten aus dem Ruder zu laufen – und die Einnahmen sinken, so eine Modellrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Die Ausgabenseite

Die Krankenkassen müssen im Jahr 2060 allein aus demografischen Gründen pro Kopf voraussichtlich 20 bis 30 Prozent mehr für ihre Schäfchen berappen als heute. Wohlgemerkt: Kostensteigerungen und medizinischer Fortschritt sind dabei nicht einmal eingerechnet (Grafik).

Verantwortlich für diese Entwicklung ist der höhere Anteil älterer Kassenmitglieder, die typischerweise auch höhere Ausgaben verursachen. Denn ob Kreislauf oder Rücken, zahlreiche behandlungsintensive Leiden treten erst in der zweiten Lebenshälfte auf.

Insgesamt wird die gesetzliche Krankenversicherung in Zukunft aber finanziell nicht so beansprucht werden, wie es die Pro-Kopf-Betrachtung suggeriert:

Weil die Bevölkerung schrumpft, sinken ab 2050 auch die Gesamtausgaben der Krankenkassen – sie liegen 2060 nur noch rund 10 Prozent über dem heutigen Niveau.

Die Einnahmenseite

Ungemach droht der beitrags­finanzierten GKV auch auf der Einnahmenseite. Insbesondere um 2030 herum gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Die Senioren zahlen dann den Beitrag nur noch als Anteil vom Altersruhegeld. Doch gesetzliche Rente plus betriebliche und private Vorsorge fallen in der Regel niedriger aus als das Monatsgehalt. Das hat zur Folge, dass mit einem steigenden Rentneranteil die Krankenkassen bei unveränderten Finanzierungsbedingungen immer weniger einnehmen:

Mit den Versicherten des Jahres 2030 würden bei unveränderten Löhnen und unveränderter Erwerbsbeteiligung nur 95 Prozent der heutigen Beitragseinnahmen erzielt, mit denen des Jahres 2060 sogar nur 90 bis höchstens 94 Prozent.

Allerdings ist in diesen Berechnungen nicht berücksichtigt, dass die folgenden Generationen möglicherweise vermehrt arbeiten und höhere Einkommen erwirtschaften. Gerade die wachsende Gesundheitswirtschaft bringt auch neue Jobs und Einkommen mit sich – und damit zusätzliche Kasseneinnahmen:

  • Bereits heute arbeitet fast jeder siebte Erwerbstätige im Bereich der pflegerischen und medizinischen Versorgung sowie in der Produktion von Medikamenten und medizintechnischen Geräten.
  • Mehr als 10 Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland trägt die Gesundheitswirtschaft bei – Tendenz steigend.

Dabei entpuppt sich nicht nur die alternde Bevölkerung als Wachs­tums­treiber. Auch die Pharmaindus­trie und die Medizintechnik sind hochinnovativ und exportstark, generieren also Jobs und Einkommen:

Forschungsstärke. Branchen, die mindestens jeden 12. Umsatzeuro für die eigene Forschung ausgeben, gehören zur Spitzentechnologie. Die Pharmaunternehmen gaben im Jahr 2009 sogar jeden 11. Euro für die hauseigene Forschung aus. Auch in der Medizintechnik geht ein ähnlich hoher Anteil des Umsatzes in die Forschung.

Zum Vergleich: Im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt landete lediglich jeder 25. Euro in den Forschungsabteilungen der Firmen.

Und gerade Deutschland ist auf starke Spitzentechnologiesektoren angewiesen – nur mit innovativen Produkten und Dienstleistungen kann sich ein rohstoffarmes Land im internationalen Wettbewerb auch mittel- bis langfristig behaupten.

Stabilitätsanker. In der Vergangenheit zeigte sich gerade die Pharmaindustrie auch in Krisenzeiten als sehr robust. Selbst im Rezessionsjahr 2009 schrumpfte ihre Bruttowertschöpfung um weniger als 7 Prozent. Im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes dagegen brach der Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen abzüglich der Vorleis­tungen um rund 20 Prozent ein.

Jobmotor. Von einer wachsenden Pharmaindustrie profitieren nicht nur Akademiker. Im Vergleich zu anderen hochinnovativen Branchen ist der Anteil der Kräfte mit beruflicher Ausbildung im Pharmasektor fast so hoch wie im gesamten Verarbeitenden Gewerbe (Grafik).

Exportstärke. Pharmaunternehmen sind besonders exportorientiert – fast drei Viertel ihres Umsatzes erwirtschafteten sie 2011 außerhalb Deutschlands. In der Medizintechnik liegt die Exportquote bei zwei Dritteln, im Verarbeitenden Gewerbe bei insgesamt knapp 50 Prozent.

Damit wird – anders als oft behauptet – der überwiegende Teil des Umsatzes mit Medikamenten eben nicht über das deutsche Gesundheitssystem finanziert, sondern über Kunden und Unternehmen aus dem Ausland, die so in Deutschland Arbeitsplätze sichern und schaffen.

Die demografische Entwicklung wird also nicht nur zu steigenden Kosten für die GKV-Versicherten führen, sondern mittelbar über das Wachstum der Gesundheitswirtschaft auch die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme stützen.

Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.):Wirtschaftswachstum?! Warum wir wachsen sollten und warum wir wachsen könnenIW-Studie, Köln 2012, 286 Seiten, 42,00 EuroVersandkostenfreie Bestellung unter: www.iwmedien.de/bookshopWeitere Informationen: www.w-wie-wachstum.de

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