Interview 05.08.2016 Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

„Ein Stresstest ohne richtigen Stress“

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) und die Europäische Zentralbank (EZB) haben gerade 51 europäische Banken einem Stresstest unterzogen. Der hat zwar erst einmal keine Konsequenzen, entfaltet aber trotzdem eine gewisse Wirkung, sagt Markus Demary, Finanzmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der jüngste Banken-Stresstest der EZB zeigt einige Ungereimtheiten – so konnte von vornherein keine Bank durchfallen.
  • Die Deutsche Bank und die Commerzbank haben schlecht abgeschnitten.
  • Insgesamt sind die Banken aber wesentlich besser aufgestellt als bei der Finanzkrise 2008.
Zur detaillierten Fassung

Herr Demary, das Ergebnis des Stresstests ist, dass einige Banken große Eigenkapitallücken haben – das gilt vor allem für die italienischen. Hat Sie das überrascht?

Die Aktienkurse der europäischen Banken sind schon seit langem im freien Fall. Dahinter steckt die Sorge der Börsianer, dass die Banken nicht mehr ausreichend profitabel sind – das ist alles andere als eine Überraschung.

Außerdem stand von vornherein fest, dass keine Bank durchfallen konnte.

Über diesen Stresstest muss man sich in der Tat ein bisschen wundern. Beim letzten Test im Jahr 2014 waren es 128 Banken, dieses Mal nur 51, das ist schon eine selektive Auswahl. Vor allem stellt sich die Frage, warum die griechischen, portugiesischen und zypriotischen Banken nicht dabei waren, denn bei denen dürfte noch einiges im Argen liegen.

Hinzu kommt, dass der Test nur einen Konjunktureinbruch simuliert hat, nicht aber das Nullzinsumfeld, also das derzeit größte Problem der Banken. Es war eine Art Stresstest ohne richtigen Stress.

Also hätte man sich das Ganze sparen können?

Nein, man muss den Stresstest eher als politisches Instrument verstehen. Denn damit die Bankenaufsicht überhaupt eingreifen kann, braucht sie harte Fakten. Immerhin haben die Aufseher jetzt eine ganze Menge detaillierte Informationen – während den Marktteilnehmern nur Bilanzdaten und Pressemitteilungen zur Verfügung stehen.

Es war ein Stresstest ohne Stress: Das Nullzinsumfeld wurde nicht simuliert, außerdem waren die griechischen, portugiesischen und zypriotischen Banken nicht dabei.

Der Stresstest als politisches Instrument – sollte die Notenbank nicht unabhängig sein?

Die EZB betreibt ja schon lange nicht mehr nur Geldpolitik und die Bankenaufsicht ist politisch nie unabhängig, denn die nationalen Finanzminister machen immer Druck, so wie jetzt der italienische Regierungschef Matteo Renzi. Und was wäre wohl, wenn die EZB die deutschen Banken an die Kandare nehmen wollte – da würde die Bundesregierung bestimmt auch dagegenhalten.

Apropos: Die Deutsche Bank und die Commerzbank haben schlecht abgeschnitten. Muss Bundeskanzlerin Merkel den Deutschen jetzt wieder versprechen, dass ihr Geld sicher ist?

Das ist nicht nötig. In Deutschland gibt es rund 2.000 Banken, darunter über 400 Sparkassen und gut 1.000 Kreditgenossenschaften, also Volksbanken und Raiffeisenbanken. Probleme gibt es aber nur bei den wenigen Großbanken.

Der IWF bezeichnet die Deutsche Bank sogar als „gefährlichste Bank der Welt“.

Die Aussage des Währungsfonds ist stark übertrieben. Klar, es stimmt schon, dass die Deutsche Bank sehr groß und global vernetzt ist, also systemrelevant. „Gefährlich“ wird sie allerdings erst, wenn sie in eine Schieflage gerät – das ist aber nicht der Fall.

Hand aufs Herz: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Finanzkrise?

Im Moment neigen alle zu Übertreibungen. Nach dem Brexit-Referendum dachte man auch, dass es jetzt an den Kapitalmärkten zu großen Verwerfungen kommt. Tatsächlich sind die Kurse auch gesunken, aber eher, weil die Entscheidung der Briten doch eine Überraschung war. Die Banken sind heute jedoch wesentlich besser aufgestellt als 2008, sie können deutlich größere Verluste auffangen. Die Gefahr einer Bankenkrise à la Lehman ist derzeit nicht gegeben.

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