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Ein Land zerstört sich selbst

Nach mehr als zwei Jahren Bürgerkrieg liegt die syrische Wirtschaft am Boden. Die Kosten des Kriegs übersteigen längst die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes, Millionen Menschen fliehen ins Ausland. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich das Land von den ökonomischen Schäden des Kriegs erholt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Nach mehr als zwei Jahren Bürgerkrieg liegt die syrische Wirtschaft am Boden: Die Kosten des Kriegs übersteigen längst die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes.
  • Fast 60 Prozent der Syrer leben heute in Armut – doppelt so viele wie vor dem Bürgerkrieg.
  • Der Wert der deutschen Importe aus Syrien sank binnen zwei Jahren um 90 Prozent, die deutschen Exporte nach Syrien gingen um etwa 70 Prozent zurück.
Zur detaillierten Fassung

Schon vor Beginn des Bürgerkriegs galten fast 30 Prozent der gut 21 Millionen Syrer als arm, die Mittelschicht ist in der 13-jährigen Amtszeit von Präsident Baschar al-Assad deutlich geschrumpft. Doch seinem Regime war es immerhin gelungen, eine gewisse Balance zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen zu schaffen, sodass Spannungen zunächst ausblieben.

Das änderte sich im März 2011 schlagartig. Was zunächst als relativ harmlose Demonstration begann – die Menschen forderten bessere wirtschaftliche Verhältnisse, weniger Korruption und die Beschränkung der Macht der Geheimdienste –, hat sich nach der brutalen militärischen Reaktion des Regimes innerhalb von wenigen Monaten zu einem Bürgerkrieg entwickelt. Inzwischen zählt Syrien mehr als 100.000 Opfer. Und auch die sozioökonomischen Folgen des Kriegs sind für das Land immens (Grafik):

Fast 60 Prozent der Syrer leben heute in Armut – doppelt so viele wie vor dem Bürgerkrieg.

Wirtschaftliche Kennzahlen Syriens vor dem Krieg und aktuell.

Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Syriens in den zehn Jahren vor dem Krieg um real jahresdurchschnittlich knapp 5 Prozent gestiegen war, schrumpfte die Wirtschaftsleistung – so schätzt das unabhängige Syrische Zentrum für Politikforschung – allein im vergangenen Jahr um nahezu 30 Prozent.

Um die bisherigen ökonomischen Verluste durch den Bürgerkrieg auszugleichen, müsste die syrische Wirtschaft 30 Jahre lang um durchschnittlich 5 Prozent wachsen.

Mittlerweile ist ein großer Teil der Infrastruktur Syriens zerstört und viele Unternehmen haben ihre Produktion nach Ägypten oder in die Türkei verlagert. Die Industrie ist allein im vergangenen Jahr um 70 Prozent geschrumpft. Auch die Investitionen sind zwischen 2010 und 2012 um mehr als die Hälfte zurückgegangen, das Gros der Maschinen und Anlagen ist zerstört worden oder steht ungenutzt herum.

Angesichts des Ausmaßes an Zerstörung

ist es kein Wunder, dass die syrische Wirtschaft in veraltete Strukturen zurückfällt: Der Anteil der Landwirtschaft ist in

nerhalb von gerade einmal zwei Jahren von 17 auf 27 Prozent gestiegen.

Auch der internationale Handel Syriens ist drastisch zurückgegangen. Sowohl die Exporte als auch die Importe des Landes sind zwischen 2010 und 2012 um jeweils mehr als die Hälfte eingebrochen. Wichtige Handelspartner haben in vielen Bereichen Lieferstopps ausgerufen – darunter auch die Türkei, die vor der Krise mit einem Anteil von nahezu 10 Prozent der größte Lieferant Syriens war.

Auch die EU hat „angesichts der fortwährenden gewaltsamen Repressionen und Menschenrechtsverstöße der syrischen Regierung“ eine Reihe von Sanktionen verhängt. So verbietet Europa unter anderem den Import von Rohöl und Erdölerzeugnissen aus Syrien sowie den Export von Schlüsseltechnologien, die zur Erkundung oder Förderung von Erdöl und Erdgas oder zum Bau von Kraftwerken zur Stromgewinnung verwendet werden können. Das Ziel ist, die finanziellen und materiellen Ressourcen der syrischen Regierung einzuschränken.

Aufgrund dieser EU-Verordnungen ist zwangsläufig auch d

er Handel zwischen Deutschland und Syrien eingebrochen (Grafik):

Der Wert der deutschen Importe aus Syrien sank binnen zwei Jahren um 90 Prozent, die deutschen Exporte nach Syrien gingen um etwa 70 Prozent zurück.

Deutsche Importe und Exporte aus und nach Syrien.

Die Bundesrepublik war 2010 mit 13 Prozent nach Italien das zweitwichtigste Abnehmerland für syrische Produkte und importierte hauptsächlich Erdöl und Erdölerzeugnisse. Umgekehrt kamen mehr als 4 Prozent der syrischen Importe aus Deutschland – darunter vor allem Maschinen, chemische Erzeugnisse, Autos und Kfz-Teile.

Das Syrische Zentrum für Politikforschung in Damaskus schätzt die Kosten des Bürgerkriegs für die gesamte Wirtschaft Syriens bis zum ersten Quartal 2013 auf umgerechnet mehr als 80 Milliarden Dollar. Damit entsprechen die Kosten fast dem Anderthalbfachen des syrischen BIP im Jahr 2010.

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