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Ein Land am Tropf

Das Land kämpft nicht nur politisch ums Überleben, ihm droht auch der wirtschaftliche Zusammenbruch. Woher die Finanzhilfen kommen sollen, um den Staatsbankrott abzuwenden, weiß niemand so recht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Ukraine kämpft nicht nur politisch ums Überleben, ihr droht auch der wirtschaftliche Zusammenbruch.
  • Der wichtigste europäische Lieferant ist Deutschland mit einem Einfuhranteil von 8 Prozent – vor allem chemische Erzeugnisse, Maschinen und Autos made in Germany sind in der Ukraine begehrt.
  • Deutsche Investoren finden die Ukraine insbesondere aufgrund der geringen Arbeitskosten von 3 Euro pro Stunde (Deutschland: 37 Euro) attraktiv.
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Jahrelang hat die Ukraine eine laxe Fiskalpolitik betrieben – das rächt sich nun. Starke Renten- und Lohnsteigerungen sowie Subventio­nen für die inländischen Gasverbraucher haben das Budgetdefizit in die Höhe getrieben – von 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung 2011 auf heute geschätzte 5,1 Prozent. Parallel dazu ist die Staatsverschuldung von 37 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 46 Prozent gestiegen.

Nun braucht die Ukraine dringend Geld – nicht zuletzt, um die in diesem Jahr fällig werdenden Fremdwährungsschulden von 10 Milliarden Dollar zu begleichen. Die drohende Staatspleite abzuwenden ist aber gar nicht so einfach. So wollte das Land Ende Februar einen Kredit über 2 Milliarden Dollar aufnehmen. Das Geld hätte aus Russland kommen sollen, doch der große Nachbar hat seine Zahlungen aus politischen Gründen gestoppt.

Und auch der Westen hielt sich bedeckt: Kredite der EU und des Internationalen Währungsfonds waren in der Vergangenheit schon daran gescheitert, dass die Regierung in Kiew die damit verbundenen schmerzhaften Reformen wie den Stopp der Subventionierung der inländischen Erdgaspreise nicht akzeptieren wollte. Die EU-Kommission will allerdings jetzt der vom Staatsbankrott bedrohten Ukraine mit mindestens 11 Milliarden Euro beistehen, aber gestreckt über mehrere Jahre. Die Weltbank hat angekündigt, die Ukraine zusätzlich mit 3 Milliarden Dollar zu unterstützen.

Dass sich das Land selbst aus dem Sumpf zieht, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Die Wirtschaft wuchs 2012 und 2013 nur um magere 0,2 bzw. 0,4 Prozent. Für 2014 sind zwar 1,5 Prozent vorhergesagt, in Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklung dürfte die Prognose aber längst Makulatur sein.

Die Ukraine sitzt auch wirtschaftlich zwischen den Stühlen:

Russland-Handel. Ein gutes Viertel der ukrainischen Exporte geht nach Russland – insbesondere Maschinen und andere Erzeugnisse des Verarbeitenden Gewerbes (Grafik). Noch wichtiger ist der große Nachbar aber als Lieferant für die Ukraine. Die Warenimporte aus Russland machten 2012 ein knappes Drittel aller Importe aus – 2009 waren es erst 23 Prozent. Zwei Drittel der Importe aus Russland entfallen auf Energielieferungen, die Hälfte allein auf Gaslieferungen.

EU-Handel. Die Union ist für die Ukraine der zweite, nicht minder wichtige Handelspartner. Das Land verkaufte 2012 ein Viertel seiner Exporte an die EU. Davon wiederum entfiel gut ein Fünftel auf Produkte der Eisen- und Stahlindustrie. Umgekehrt kam ein Drittel aller Importgüter der Ukraine aus der EU.

Der wichtigste europäische Lieferant ist Deutschland mit einem Einfuhranteil von 8 Prozent – vor allem chemische Erzeugnisse, Maschinen und Autos made in Germany sind in der Ukraine begehrt.

Für den deutschen Außenhandel ist die Ukraine jedoch kein allzu großes Schwergewicht. Bei den Ausfuhren rangiert das Land auf Platz 37, bei den Einfuhren auf Platz 54.

Deutsche Investoren finden die Ukraine insbesondere aufgrund der geringen Arbeitskosten von 3 Euro pro Stunde (Deutschland: 37 Euro) attraktiv. Laut Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags sind dort mehr als 2.000 deutsche Unternehmen aktiv. Die Direktinvestitionen aus der Bundesrepublik beliefen sich bis einschließlich des Jahres 2011 auf 2,8 Milliarden Euro – weltweit haben Deutsche 1.100 Milliarden Euro in ausländische Firmenbeteiligungen und Niederlassungen gesteckt.

Ob die Ukraine vor einer politischen Spaltung steht, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Wirtschaftlich ist das Land längst dreigeteilt. Die starken Regionen befinden sich eindeutig im Osten des Landes und im Umfeld der Hauptstadt. Die fünf östlichsten Regionen erwirtschaften mehr als ein Drittel des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts (BIP), die fünf westlichsten nur 10 Prozent. Einzig die Hauptstadt Kiew trägt noch nennenswert zum BIP bei, nämlich zu einem Fünftel.

Ähnlich sieht es bei der Arbeitslosigkeit aus. Im östlichen Dnipropetrowsk betrug die Arbeitslosenquote im Jahr 2012 nur 6,8 Prozent, auf der Krim 5,9 Prozent und in Kiew 5,8 Prozent. Westlich der Hauptstadt ist dagegen jeder zehnte Erwachsene ohne Job.

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