Chemische Industrie Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Ein industrieller Kern Deutschlands

Mit 147 Milliarden Euro Jahresumsatz zählt die Chemie­industrie zu den Schwergewichten im Verarbeitenden Gewerbe. Mehr als 300.000 Beschäftigte haben gut bezahlte und zukunftsfeste Arbeitsplätze – sofern die Politik die Qualität der Standortbedingungen im Blick behält. Die Top-Chemiestandorte in Deutschland sind Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz.

Kernaussagen in Kürze:
  • Mit 147 Milliarden Euro Jahresumsatz zählt die Chemieindustrie zu den Schwergewichten im Verarbeitenden Gewerbe.
  • Die Chemie zählt zusammen mit dem Automobilbau und dem Maschinenbau zu den traditionell starken deutschen Industriezweigen, die regional fest verankert sind.
  • Die deutsche Industrie zahlt infolge der Energiewende und einer hohen Steuerbelastung einen der höchsten Strompreise in Europa.
Zur detaillierten Fassung

Das Jahr 2013 verlief für die Chemische Industrie eher durchwachsen. Mit einem Umsatzzuwachs von gerade einmal 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr schrammte die Branche nur knapp an der Stagnation vorbei (Grafik). Erfreulich ist, dass die Beschäftigung in den 1.600 Betrieben unter diesen Bedingungen nicht nur gehalten, sondern sogar um 1 Prozent erhöht werden konnte.

Als Stabilitätsanker erwies sich der Inlandsmarkt, der um annähernd 3 Prozent zulegte. Im Ausland sah es mit einem Zuwachs von nur 0,7 Prozent dagegen wenig erfreulich aus, die größeren Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten meldeten sogar einen leichten Absatzrückgang. Dabei legten die Ausfuhren in die Länder der kriselnden Eurozone noch wesentlich stärker zu als die Exporte in den Rest der Welt.

Im ersten Quartal 2014 hat die Chemieindustrie wieder mehr Rückenwind verspürt – so wie die Wirtschaft insgesamt. Das Inlandsgeschäft legte gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum immerhin um 3,4 Prozent zu und auch der Auslandsabsatz findet aus dem Tal heraus.

Die Chemie zählt zusammen mit dem Automobilbau und dem Maschinenbau zu den traditionell starken deutschen Industriezweigen, die regional fest verankert sind.

Viele Unternehmen der Branche schließen sich zu sogenannten Clust­ern zusammen. Die Vorteile: Ressourcen können gemeinsam genutzt werden, es bestehen enge Input-Output-Beziehungen in der Wertschöpfungskette und es wird ein gemeinsamer Pool an Fachkräften ausgebildet und beschäftigt.

Diese Charakteristika eines industriellen Clusters (vgl. iwd 24/2013) gelten für die Chemieindus­trie noch mehr als für andere Branchen. Der Grund ist, dass chemische Prozessketten und Stoffkreisläufe nur dann optimal ausgenutzt werden können, wenn die Unternehmen auch räumlich nahe beieinander sind. Deshalb sind viele deutsche Chemiebetriebe in Chemieparks angesiedelt, die jeweils ein Cluster bilden oder zumindest seinen Kern beheimaten.

In einer Fachvereinigung innerhalb des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) sind 37 solcher Industrieparks organisiert. Im Jahr 2010 beschäftigten die dort ansässigen Chemieunternehmen 235.000 Mitarbeiter, das waren 60 Prozent aller Kräfte des Wirtschaftszweigs. Die Branchenabgrenzung des VCI ist allerdings etwas breiter gefasst als die des Statistischen Bundesamts und geht von insgesamt 390.000 Chemiebeschäftigten aus.

Weitere 100.000 Arbeitsplätze in diesen Parks bieten andere Branchen wie Anlagenbauer, Wartungs- und Logistikfirmen.

Traditionell ballt sich die deutsche Chemie an Rhein und Main: Die Standorte an den großen Wasserstraßen waren und sind für den Transport der Rohstoffe wichtig. Ganz abgesehen davon, dass Wasser für viele chemische Prozesse und zur Kühlung unabdingbar ist.

Die großen Chemieparks in Leverkusen, Ludwigshafen oder Frankfurt-Höchst werden noch immer mit führenden Konzernen wie Bayer oder Hoechst in Verbindung gebracht, beheimaten heute aber Dutzende eigenständige Firmen, die miteinander kooperieren und die Infrastruktur gemeinsam nutzen. Angedockt an die Chemieunternehmen sind überdies viele Dienstleister, angefangen von Kanzleien bis hin zu Reisebüros.

In Bayern hingegen sind viele der Chemiefirmen erst während der Industrialisierungswelle nach dem Krieg gegründet worden. Sie sind regional weniger stark konzentriert. Ein Cluster mit drei Chemieparks gibt es in der Region Burghausen/Trostberg an der österreichischen Grenze.

In Ostdeutschland hat die Branche ihre Schwerpunkte im südlichen Sachsen-Anhalt und in den Nachbarregionen in Sachsen und Brandenburg. Hier bildete die Braunkohle die Basis der Chemieindustrie. Die qualmenden DDR-Chemiekombinate in Bitterfeld oder Leuna sind aber längst Vergangenheit. Mit Milliardeninvestitionen wurden nach der Wende neue, hochmoderne Anlagen geschaffen. Diese erreichen zwar nicht die Größe der führenden westdeutschen Chemiecluster, bieten aber in den drei Ost-Bundesländern immerhin 26.500 Beschäftigten einen Arbeitsplatz (Grafik).

Zu den aktuellen Problemen der Chemischen Industrie gehören in erster Linie die hohen Energiekos­ten. Die Branche ist sehr energie­intensiv, und deshalb sind ausländische Konkurrenten, die Strom und Gas wesentlich billiger einkaufen können, im Vorteil.

In den Vereinigten Staaten beispielsweise ist aufgrund des Schiefer­gasbooms (Stichwort: Fracking) der Gaspreis auf etwa ein Drittel des westeuropäischen Niveaus gefallen. Deutschland dagegen ist vom russischen Gas abhängig. Hinzu kommt:

Die deutsche Industrie zahlt infolge der Energiewende und einer hohen Steuerbelastung einen der höchsten Strompreise in Europa – und etwa doppelt so viel wie die amerikanische Konkurrenz.

Investoren entscheiden sich deshalb bei ihrer Suche nach Stand­orten für neue Großanlagen derzeit oft für Nordamerika oder Asien, das neben niedrigeren Kosten auch mit einer wachsenden Nachfrage nach den jeweiligen Endprodukten punktet. Ein weiterer Hemmschuh für den aktuell noch starken Standort Deutschland ist die Fachkräfte­sicherung, die durch den demografischen Wandel und die Rente mit 63 nicht einfacher wird.

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