Wochenarbeitszeit Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Ein Geburtstag zum Nachdenken

Die Vereinbarung zur 35-Stunden-Woche ist jetzt 25 Jahre alt. Allerdings hat sie sich nur in wenigen Branchen durchgesetzt – vorrangig im Westen. Inzwischen gibt es sogar Forderungen, wieder länger zu arbeiten, weil die Fachkräfte knapp werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die 35-Stunden-Woche wurde erstmals 1995 in den westdeutschen Industriebereichen M+E und Druck Wirklichkeit.
  • Im Jahr 2003 versuchte die IG Metall, die 35-Stunden-Woche auch in der ostdeutschen Stahl- und M+E-Industrie zu erzwingen, hatte aber nur in der Stahlbranche Erfolg.
  • Nach wie vor streuen die Arbeitszeiten zwischen West und Ost sowie zwischen den Branchen, selbst in Westdeutschland ist die 35-Stunden-Woche nur in wenigen Branchen Alltag.
Zur detaillierten Fassung

Die Geschichte der Arbeitszeitverkürzung begann in den 1960er Jahren. Damals wurde die Fünf-Tage-Woche eingeführt nach dem Motto: „Samstags gehört Vati mir“. Gut ein Jahrzehnt später setzten die Gewerkschaften das Thema Arbeitszeitverkürzung erneut auf die Agenda. In der Stahlindustrie forderte die IG Metall 1978/79 erstmals konkret die 35-Stunden-Woche – bei vollem Lohnausgleich.

Sie begründete das mit den Arbeitsmarktfolgen der ersten Ölpreiskrise: Wenn es weniger Arbeit – und mehr Arbeitslose – gibt, müsse die vorhandene Arbeit breiter verteilt werden. Zum Hintergrund: Von 1972 bis 1978 legten die Ölpreise um mehr als 600 Prozent zu und die Arbeitslosenquote stieg von 1,1 auf 4,3 Prozent.

Die IG Metall konnte sich mit ihrer Forderung, die Arbeit umzuverteilen, zunächst nicht durchsetzen. Anfang der 1980er Jahre startete sie einen neuen Anlauf und drohte mit Streiks – und die Drucker wurden mit ins Boot geholt.

Nach einem mehrwöchigen Arbeitskampf 1984, der mit 5,6 Millionen Ausfalltagen einen seitdem nicht mehr erreichten Nachkriegshöchststand markierte, einigten sich die zuständigen Gewerkschaften und die Arbeitgeber darauf, die Wochenarbeitszeit in der M+E-Industrie und in der Druckindustrie bei vollem Lohnausgleich von 40 auf 38,5 Stunden zu verkürzen.

Im Gegenzug wurde den Arbeitgebern in der M+E-Industrie eine größere Flexibilität zugesagt:

Je nach Beschäftigtengruppe konnte ein Korridor zwischen 37 und 40 Stunden genutzt werden. Die 38,5-Stunden-Woche musste nur im betrieblichen Durchschnitt gelten.

Eine endgültige Vereinbarung zum stufenweisen Übergang zur 35-Stunden-Woche konnten die Gewerkschaften erst 1990 durchsetzen. Fünf Jahre später wurde die 35-Stunden-Woche dann in den westdeutschen Industriebereichen M+E und Druck Wirklichkeit.

In Ostdeutschland wurde auch nach der Wende länger gearbeitet als im Westen – in der M+E-Industrie zum Beispiel 38 Stunden pro Woche. Im Jahr 2003 versuchte die IG Metall, die 35-Stunden-Woche auch in der ostdeutschen Stahl- und M+E-Industrie mit Streiks zu erzwingen.

Während der Arbeitskampf in der Stahlindustrie erfolgreich war, scheiterte er in der M+E-Industrie.

Dementsprechend streuen die Arbeitszeiten nach wie vor zwischen West und Ost sowie zwischen den Branchen: In Westdeutschland beträgt das Wochenpensum im Schnitt 37,5 Stunden, in Ostdeutschland jedoch 38,7 Stunden. Das heißt aber auch: Die 35-Stunden-Woche ist selbst in Westdeutschland nur in wenigen Branchen Alltag (Grafik).

Außerdem hat die 40-Stunden-Woche längst nicht ausgedient. Sie gilt etwa im Bauhauptgewerbe und in der Landwirtschaft. Die Beamten des Bundes müssen sogar 41 Wochenstunden ran, die Ärzte in Unikliniken 42 Stunden.

Demzufolge liegt die tarifliche Wochenarbeitszeit für 33,9 Prozent der westdeutschen Beschäftigten zwischen 37,5 und 38,5 Stunden und für weitere 33,3 Prozent bei mindes­tens 39 Stunden (Grafik Seite 1). In Ostdeutschland fallen sogar mehr als 86 Prozent der Beschäftigten in diese beiden Gruppen.

Nachdem die Debatte um die tarifliche Wochenarbeitszeit länger ruhte, hat sie sich jüngst belebt. So fordert die Gewerkschaft ver.di aktuell in den Tarifverhandlungen mit der Deutschen Post eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 38,5 auf 36 Stunden – wiederum bei vollem Lohnausgleich. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden auf 37 Stunden durchsetzen.

Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels sind pauschale Arbeitszeitverkürzungen aber nicht mehr zeitgemäß (Interview). Sinnvoller wäre es, die Verbreitung flexibler Arbeitszeitmodelle weiterzuentwickeln, so wie es die IG Metall und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall seit den 1980er Jahren wiederholt getan haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de