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Eigener Erfolg steht auf dem Spiel

Zwölf Jahre nach dem Beinahe-Kollaps der Wirtschaft steht das Land am Bosporus solide da: Die Wirtschaft wächst, die Einkommen steigen und die Staatsfinanzen sind stabil. Allerdings könnten die jüngsten Auseinandersetzungen um den grundsätzlichen Kurs des Landes diese Erfolge ernsthaft gefährden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Zwölf Jahre nach dem Beinahe-Kollaps der Wirtschaft steht die Türkei solide da: Die Wirtschaft wächst, die Einkommen steigen und die Staatsfinanzen sind stabil.
  • Die Staatsverschuldung beträgt weniger als 40 Prozent des BIP und das Defizit im laufenden Haushalt liegt bei vergleichsweise moderaten 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.
  • Die türkische Bevölkerung ist konsumfreudig und jung, mehr als die Hälfte ist jünger als 30 Jahre – zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 30 Prozent.
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Als die neu gegründete islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) im Jahr 2002 an die Macht kam, waren die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Türkei alles andere als gut. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war gerade um fast 6 Prozent eingebrochen und das Land steckte in einer schweren Finanzkrise, ausgelöst durch das marode Bankensystem. Dies führte zu Kapitalflucht, Hyperinflation, gigantischen Staatsschulden und Kursverlusten der türkischen Lira.

Milliardenschwere Hilfspakete des Internationalen Währungsfonds retteten die Türkei vor der Staatspleite. Schon Kemal Derviş, Wirtschaftsminister der alten Regierung, brachte harte Sparauflagen und Reformen auf den Weg. Und auch die neue Regierung der AKP setzte – zunächst unter Abdullah Gül und ab 2003 unter dem heutigen Premier Recep Tayyip Erdoğan – den eingeschlagenen Kurs erfolgreich fort (Grafik):

Das reale BIP der Türkei ist zwischen 2002 und 2012 um jahresdurchschnittlich gut 5 Prozent gestiegen.

Und auch in Sachen öffentliche Finanzen steht Ankara gut da (Grafik):

Die Staatsverschuldung beträgt weniger als 40 Prozent des BIP und das Defizit im laufenden Haushalt liegt bei vergleichsweise moderaten 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der türkischen Industrie zieht mittlerweile immer mehr ausländische Investoren an. Im Global Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums hat sich die Türkei im Jahr 2012 von Platz 59 auf Platz 43 verbessert und liegt somit vor Ländern wie Portugal, Ungarn und der Slowakei.

Doch hinter dem wirtschaftlichen Glanz der Türkei verbergen sich noch immer zahlreiche Probleme, die die erreichte Stabilität gefährden können. So ist die Schattenwirtschaft nach wie vor stark ausgeprägt, die Inflationsrate schrammt knapp an einem zweistelligen Wert vorbei und die Arbeitslosenquote liegt bei fast 10 Prozent.

Hinzu kommt, dass die Einkommen in den vergangenen Jahren zwar kräftig gestiegen sind – doch davon haben längst nicht alle Türken etwas: In der Provinz Istanbul beispiels­weise verdienen die Menschen im Durchschnitt annähernd dreimal so viel wie in Südostanatolien. Unter den OECD-Ländern waren im Jahr 2011 nur in Mexiko die Einkommensunterschiede noch größer.

Auch das hohe Leistungsbilanzdefizit und die Abhängigkeit von ausländischen Investoren stellen immer noch ein beachtliches Risiko für die türkische Wirtschaft dar. Die innenpolitische Instabilität ist deshalb so gefährlich, weil sie Inves­toren nervös werden lässt, was zu Kapitalflucht und damit zu einer ernsthaften Leistungsbilanzkrise führen kann.

Das vielleicht größte Problem aber ist das zunehmende Demokratiedefizit. Die Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Ausgangspunkt der jüngsten Proteste, lassen sich anhand des World Press Freedom Index veranschaulichen:

Im Jahr 2008 rangierte die Türkei gemeinsam mit Armenien auf Platz 102 von 173 Ländern; 2013 ist das Land bereits auf Platz 154 zurückgefallen und liegt nun in Sachen Presse­freiheit hinter Ländern wie Russland, Afghanistan und Irak.

Das Demokratiedefizit ist auch das größte Hindernis für die EU-Mitgliedschaft der Türkei. Das Land hat zwar bereits seit 2005 den Status eines Beitrittskandidaten. Doch im letzten Fortschrittsbericht von Oktober 2012 hat die Europäische Kommission unter anderem kritisiert, dass die Regierung Erdoğan keine Verbesserung der Grundrechte erreicht habe, sondern es sogar zu weiteren Einschränkungen gekommen sei.

Diese Rückschritte sind umso bedauerlicher, weil das Land das Poten­zial für eine langfristig stabile Entwicklung hat.

Die türkische Bevölkerung ist konsumfreudig und jung, mehr als die Hälfte ist jünger als 30 Jahre – zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 30 Prozent.

Hinzu kommt die geopolitische Lage der Türkei, die kaum besser sein könnte – das Land ist sowohl in Europa als auch im Nahen Osten ein geschätzter Handelspartner. Seine Funktion als Drehscheibe zwischen Ost und West wird noch gestärkt, wenn die Türkei ihre geplanten Infrastrukturprojekte umsetzt und für eine bessere Anbindung an wichtige Handelspartner sorgt.

Auch wenn Wachstumsraten von über 8 Prozent wohl nicht mehr zu erwarten sind, kann die türkische Wirtschaft auch in den nächsten Jahren kräftig zulegen – das steht und fällt allerdings vor allem mit dem Reformwillen der amtierenden Regierung.

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