Kommentar zu 65 Jahre Ehrenamt Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Ehre, wem Ehre gebührt

Wer sich bürgerschaftlich engagiert, tut dies per Definition der Sache wegen – und nicht, um Geld zu verdienen. Und der Bundespräsident belohnt solche gemeinwohldienlichen Aktivitäten nicht mit Geld, sondern mit dem Bundesverdienstkreuz, steht dabei aber im Ruf, vor allem die „üblichen Verdächtigen“ zu ehren. Der Auswahlprozess muss sich ändern, sagt Knut Bergmann, Leiter des IW-Hauptstadtbüros.

Kernaussagen in Kürze:
  • Vor 65 Jahren wurde das erste Bundesverdienstkreuz verliehen.
  • Heute werden vor allem Prominente geehrt.
  • Um das zu ändern, braucht es mehr Informationen zum Auswahlverfahren.
Zur detaillierten Fassung

Vor 65 Jahren, am 19. September 1951, wurde das Bundesverdienstkreuz zum ersten Mal verliehen: an einen Kumpel. Franz Brandl hatte zwei andere Bergmänner unter Einsatz seines Lebens gerettet, nachdem ein Wassereinbruch den Schacht in 300 Meter Tiefe geflutet hatte. Brandl war ein Arbeiter, gebildet war er nicht. Heute dagegen haftet dem Bundesverdienstkreuz der Ruf an, eher dem Bildungsbürgertum und besseren Kreisen vorbehalten zu sein: Politikern, Prominenten, vermögenden Stiftern.

Studien haben gezeigt, dass Orden und andere Ehrenzeichen Menschen dazu motivieren, sich freiwillig zu engagieren. Das ist heute notwendiger denn je: Ohne all die Bürger, die sich um die Flüchtlinge kümmern, hätte man Merkels „Wir schaffen das“ schon längst mit dem Prädikat „vielleicht doch nicht“ versehen müssen.

Es sind eher die Bildungsbürger, die für ihr Engagement ausgezeichnet werden. Viele, die sich in Vereinen und Bürgerinitiativen engagieren, kommen nicht auf die Idee, jemanden vorzuschlagen. Und dem Staat fehlt es an Personal und Expertise, geeignete Kandidaten auszuwählen.

Zwar ist es begrüßenswert, dass das Bundesverdienstkreuz nicht mehr so inflationär vergeben wird wie früher – 2015 wurden 1.404 Personen ausgezeichnet, zu Beginn der Neunziger waren es noch an die 6.000 Ehrungen jährlich. Doch wenn der Orden überproportional oft an die „üblichen Verdächtigen“ verliehen wird, besteht die Gefahr, dass sich der motivierende Effekt abnutzt. Zumal es eher die weniger gebildeten Schichten sind, die sich wünschen, dass ihr ehrenamtliches Engagement stärker durch Ehrungen und Orden honoriert wird:

Ein Drittel dieser Menschen sagt, die staatliche und gesellschaftliche Anerkennung von Ehrenämtern sei verbesserungswürdig.

Auf dem Wunschzettel jener, die sich selbst als hochgebildet einschätzen, steht dagegen etwas ganz anderes: dass die durch das Ehrenamt entstandenen Kosten oder die erhaltenen Aufwandsentschädigungen steuerlich absetzbar sind. Den größten Verbesserungsbedarf sehen übrigens alle Gruppen bei der Beratung und Fragen der Haft- und Unfallversicherung (Grafik).

Das Problem des Auswahlprozesses aber bleibt, denn die Suche nach verdienten Bürgern fällt dem Staat nicht leicht. Um selbst an mögliche Kandidaten heranzutreten, fehlt es oft an Personal und Expertise. Gleichzeitig kommen viele Menschen, die sich in Vereinen oder Bürgerinitiativen engagieren, gar nicht auf die Idee, jemanden vorzuschlagen. Auch, weil sie nicht wissen, welche Art von Engagement für eine Ehrung überhaupt infrage kommt.

Übrig bleiben deshalb jene, die sich mit den entsprechenden Verfahren auskennen. Das zeigt auch die hohe Erfolgsquote der Bewerbungen: Gerade einmal vier von zehn werden abgelehnt.

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