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Drei vor, zwei zurück

Seit dem PISA-Schock 2001 hat sich im deutschen Bildungssystem viel bewegt. Zurzeit wird allerdings so manche Reform wieder zurückgedreht. Die Studiengebühren, die im vergangenen Jahrzehnt eingeführt worden waren, sind bereits Geschichte.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit dem PISA-Schock 2001 hat sich im deutschen Bildungssystem viel bewegt.
  • Im Jahr 2010 betrugen die Bildungsausgaben in Deutschland für einen unter 30-Jährigen 3.372 Euro – fünf Jahre zuvor waren es real gerechnet nahezu 15 Prozent weniger.
  • Der Anteil der Grundschüler, die eine Ganztagsschule besuchen, ist zwischen 2002 und 2012 von 4 Prozent auf mehr als 28 Prozent gestiegen.
Zur detaillierten Fassung

Seit über zehn Jahren wird das Bildungssystem reformiert – mit teils erfreulichen Resultaten, wie die jüngsten PISA-Ergebnisse gezeigt haben (vgl. iwd 50/2013). So ist beispielsweise der Anteil der Risikoschüler in Deutschland stark zurückgegangen. Und auch in vielen anderen Punkten hat die deutsche Bildungspolitik Fortschritte erzielt:

  1. Die öffentlichen Ausgaben für die Bildung junger Menschen sind seit dem Jahr 1975 deutlich gestiegen, besonders stark war die Zunahme im vergangenen Jahrzehnt:

Im Jahr 2010 betrugen die Bildungsausgaben in Deutschland für einen unter 30-Jährigen 3.372 Euro – fünf Jahre zuvor waren es real gerechnet nahezu 15 Prozent weniger.

  1. Die Betreuungsbedingungen an den Schulen haben sich ebenfalls verbessert. Während sich ein Grundschullehrer im Jahr 2000 rein rechnerisch noch um 20,6 Schüler kümmern musste, betreute er 2011 im Schnitt nur noch 17 Schüler.
  1. Nachhaltig verändert hat sich auch die Infrastruktur für die Schüler – nämlich durch die Einführung von Ganztagsschulen, die individueller auf jeden Schüler eingehen können (Grafik):

Der Anteil der Grundschüler, die eine Ganztagsschule besuchen, ist zwischen 2002 und 2012 von 4 Prozent auf mehr als 28 Prozent gestiegen.

  1. Weil immer weniger Lehrer frühzeitig in Pension gehen, fallen weniger Kosten an. Im Jahr 2000 schieden noch rund 64 Prozent der Lehrkräfte, die in den Ruhestand wechselten, wegen Dienst­unfähigkeit aus. Auch aufgrund der Pensionsabschläge, die 2001 eingeführt wurden, ging der Anteil der frühzeitigen Pensionierungen bis 2011 auf 18,9 Prozent zurück.
  1. Gesunken ist auch die Zahl der Sitzenbleiber: Im Jahr 2000 wiederholten noch fast 2 Prozent der Grundschüler eine Klasse, 2012 waren es nur noch 0,5 Prozent.

Doch auch an den deutschen Hochschulen hat sich einiges getan:

  1. Die Zahl der MINT-Absolventen steigt: Über einen Abschluss in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik verfügten 2012 rund 35 Prozent der Hochschulabsolventen in Deutschland – das sind bei insgesamt steigenden Absolventenzahlen 2,4 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2000.
  1. Immer mehr Ausländer wandern als Studenten nach Deutschland ein und tragen so zur Fachkräftesicherung bei: Der Anteil der Bildungsausländer an den Studenten ist zwischen den Wintersemestern 2000/01 und 2012/13 von insgesamt 7,3 auf 8,5 Prozent gestiegen.
  1. Deutsche Hochschulen finanzieren ihre Forschung zunehmend über Drittmittel. Gerade einmal 10 Prozent der gesamten Hochschulausgaben kamen im Jahr 2000 über Drittmittel herein, 2011 waren es nahezu 15 Prozent.

Es gibt jedoch auch Rückschritte in der Bildungspolitik:

Die Abschaffung der Studiengebühren – derzeit zahlen lediglich Studenten in Niedersachsen noch eine Campusmaut – ist kontraproduktiv.

Effizienter und gerechter wäre es, Steuergelder in die frühkindliche Bildung zu investieren, sodass alle Kinder von den Angeboten profi­tieren und nicht nur ein Teil einer Generation wie bei den Studenten.

Problematisch ist auch die Einschränkung der Hochschulautonomie, wie sie in Nordrhein-Westfalen angedacht ist. Die Landesregierung will Unis künftig dazu verpflichten, detailliert Auskunft über alle durch Drittmittel finanzierten Forschungsprojekte zu geben. Das gefährdet den Innovationsstandort NRW, denn Firmen dürften Forschungs­kooperationen in Zukunft vermehrt mit Hochschulen in Bundesländern abschließen, die keine Veröffentlichungspflicht vorschreiben.

Bildungspolitisch fatal wäre auch die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit (G9). Obwohl die ostdeutschen Flächenländer zeigen, dass der G8-Unterricht zu guten Ergebnissen bei Schulvergleichstests führt, sind einige westdeutsche Bundesländer eingeknickt und bieten eine Wahlfreiheit an (Tableau).  

Um der verkürzten Schulzeit zum Durchbruch zu verhelfen, sollte die Fülle des Lehrstoffs reduziert und der Ganztagsunterricht systematisch angeboten werden.

Schlecht vorbereitet sind die meis­ten Schulen auch auf die Inklusion – den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern. Um diese Aufgabe zu bewältigen, müssen Lehrer fortgebildet, Lehrertandems ermöglicht und eine angemessene sozialpädagogische Betreuung an den Schulen sichergestellt werden.

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