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Private Pflege Lesezeit 4 Min.

Doppelte Herausforderung durch Beruf und Pflege

Viele Menschen in Deutschland, die Angehörige oder Freunde privat pflegen, arbeiten parallel. Nicht selten reduzieren die Pflegenden infolge der übernommenen Verantwortung ihren Erwerbsumfang. Den umgekehrten Fall – nach Beginn der Pflegetätigkeit wird die Arbeitszeit ausgedehnt – gibt es allerdings auch.

Kernaussagen in Kürze:
  • Von den 18- bis unter 50-jährigen Pflegenden in Deutschland waren im Jahr 2022 rund 75 Prozent erwerbstätig und arbeiteten im Durchschnitt 35 Stunden je Woche.
  • Pflegende im Erwerbsalter üben deutlich seltener eine Vollzeittätigkeit aus als Nicht-Pflegende.
  • Von allen Pflegenden im erwerbsfähigen Alter haben rund 625.000 mit Aufnahme der Pflegetätigkeit ihren Erwerbsumfang reduziert, während 440.000 trotz Pflegeverantwortung ihre Arbeitszeit ausgedehnt haben.
Zur detaillierten Fassung

Private Pflege ist in Deutschland für viele Menschen ein Thema: Laut Sozio-oekonomischem Panel (SOEP) gab es im Jahr 2022 hierzulande insgesamt 5,65 Millionen Personen, die andere Menschen mit Pflegetätigkeiten unterstützten. Eingerechnet sind dabei sowohl die Pflege im engeren Sinne als auch Hilfeleistungen im Haushalt oder eine ergänzende Betreuung von Menschen, die in einem Pflegeheim leben – etwa, wenn ein Angehöriger mit der pflegebedürftigen Person spazieren geht.

Für viele Pflegende ist die Betreuung eines nahestehenden Menschen eine große Herausforderung – schon allein aus dem Grund, dass immerhin rund 4,2 Millionen privat Pflegende im Jahr 2022 jünger als 66 Jahre waren und damit in der Regel parallel im Erwerbsleben bestehen müssen:

Von den 18- bis unter 50-jährigen Pflegenden waren im Jahr 2022 rund 75 Prozent erwerbstätig und arbeiteten im Durchschnitt 35 Stunden je Woche. Zugleich wendeten sie an jedem Werktag durchschnittlich drei Stunden für Pflegetätigkeiten auf.

Um diese Zahlen noch besser einordnen zu können, hat das IW die Erwerbstätigkeit von Pflegenden und Nichtpflegenden näher verglichen. Einige Unterschiede fallen dabei ins Auge (Grafik):

Im Schnitt übten im Jahr 2022 knapp 45 Prozent aller Pflegenden im Alter von 18 bis 65 Jahren eine Vollzeittätigkeit aus – bei jenen, die keine Pflegeverantwortung hatten, war der Anteil knapp 10 Prozentpunkte höher.

So viel Prozent der 18- bis 65-Jährigen in Deutschland waren im Jahr 2022 in Vollzeit/in Teilzeit/nicht erwerbstätig Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Dieser Effekt geht fast vollständig darauf zurück, dass pflegende Männer, vor allem in der Altersgruppe der 50- bis 65-Jährigen, deutlich seltener in Vollzeit erwerbstätig sind als ihre nicht pflegenden Altersgenossen.

Im Schnitt übten in Deutschland im Jahr 2022 knapp 45 Prozent aller Pflegenden im Alter von 18 bis 65 Jahren eine Vollzeittätigkeit aus – bei jenen, die keine Pflegeverantwortung hatten, war der Anteil knapp 10 Prozentpunkte höher.

Bei den Frauen sind die Unterschiede zwischen Pflegenden und Nichtpflegenden deutlich geringer. In den Erwerbstätigkeitsdaten schlägt sich allerdings nieder, dass Frauen in der Gruppe der pflegenden 18- bis 65-Jährigen mit knapp 2,6 Millionen gegenüber Männern (gut 1,6 Millionen) deutlich in der Mehrheit sind. Daher fällt der geringere Erwerbsumfang dieser Frauen ins Gewicht:

Mit 35 Prozent war der Anteil der in Vollzeit erwerbstätigen an allen privat pflegenden Frauen zuletzt deutlich niedriger als der entsprechende Anteil bei den Männern (60 Prozent).

Zugleich hatten 2022 mehr als 29 Prozent jener Frauen im erwerbsfähigen Alter, die privat Pflegetätigkeiten ausübten, einen Teilzeitjob – während dies nur für gut 8 Prozent der pflegenden Männer dieser Altersgruppe galt.

Zusätzlich zu diesem statischen Vergleich haben die IW-Forscher analysiert, wie sich der Erwerbsumfang verändert, wenn jemand Pflegeverantwortung übernimmt. Die Ergebnisse zeigen, dass ein großer Teil der Pflegenden weiterhin in gewohntem Maße seiner Arbeit nachgeht (Grafik):

Rund 90 Prozent jener 1,9 Millionen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, die zum Befragungszeitpunkt in Vollzeit tätig waren und eine Person pflegten, hatten auch davor eine Vollzeitstelle.

Erwerbsumfang von 18- bis 65-jährigen Pflegenden in Deutschland im Jahr 2022 in Prozent, vor und nach der Übernahme von Pflegeverantwortung Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Gut 7 Prozent hatten zuvor nur einen Teilzeitarbeitsplatz oder waren gar nicht erwerbstätig – haben also mit der Übernahme der Pflegetätigkeiten ihren Erwerbsumfang sogar ausgedehnt.

Die umgekehrte Entwicklung gibt es allerdings auch: Von jenen etwa 0,9 Millionen 18- bis 65-jährigen Pflegenden, die im Jahr 2022 nicht erwerbstätig waren, hatte knapp jeder Vierte vor dem Beginn der Pflegetätigkeit einen Vollzeitjob. Weitere knapp 12 Prozent waren teilzeitbeschäftigt, bevor sie Pflegeverantwortung übernahmen.

Insgesamt haben von allen Pflegenden im erwerbsfähigen Alter rund 625.000 mit Aufnahme der Pflegetätigkeit ihren Erwerbsumfang reduziert, während 440.000 trotz Pflegeverantwortung ihre Arbeitszeit ausgedehnt haben.

Viele nicht erwerbstätige Pflegende wollen gerne wieder arbeiten

Die Motive für die jeweiligen Entscheidungen – etwa, inwieweit finanzielle Notwendigkeiten dazu gezwungen haben, trotz der zeitlichen Belastung durch die Pflege auch noch mehr zu arbeiten – lassen sich aus den vorliegenden Daten nicht entnehmen. Aufschlussreich ist allerdings ein weiterer Befund aus dem SOEP:

Demnach sagen 63 Prozent der 18- bis unter 50-jährigen Pflegenden, die derzeit nicht erwerbstätig sind, dass sie „ganz sicher“ wieder eine Beschäftigung anstreben.

Weitere 23 Prozent würden „wahrscheinlich“ wieder arbeiten wollen.

Zwar geben auch hier die Daten keine genaue Auskunft darüber, unter welchen Umständen ein Wiedereinstieg in den Job gewünscht ist. Die Politik sollte die IW-Befunde aber in jedem Fall zum Anlass nehmen, die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit zu verbessern – indem sie beispielsweise die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen weiter flexibilisiert. Denn je mehr Pflegende den nötigen Handlungsspielraum erhalten, um Job und Pflege unter einen Hut zu bekommen, desto weniger wertvolles Arbeitskräftepotenzial geht verloren.

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