Dienstleistungshandel: Kritische Abhängigkeiten
Der Dienstleistungshandel der EU hat in den vergangenen Jahren massiv zugelegt. Wichtigster Partner sind dabei die Vereinigten Staaten. Die engen Verflechtungen führen in manchen Bereichen zu kritischen Abhängigkeiten – und das nicht nur aufseiten der Europäer.
- Der Dienstleistungshandel der EU entwickelte sich in den vergangenen Jahren dynamisch. Größter Partner außerhalb der Staatengemeinschaft sind die USA.
- Die Abhängigkeit der EU von den Vereinigten Staaten ist bei einzelnen Dienstleistungsarten hoch, allerdings sind auch die USA auf Europa als Partner im Dienstleistungshandel angewiesen.
- Die EU sollte beides berücksichtigen, wenn sie im Handelsstreit mit den USA über ihre Strategie nachdenkt, etwa wenn es um die Option der zusätzlichen Besteuerung amerikanischer Tech-Konzerne geht.
Nationale politische Interessen werden auf internationaler Ebene heutzutage mehr denn je mithilfe wirtschaftlicher Drohkulissen durchgesetzt. Prominente Beispiele sind China, das die Ausfuhren kritischer Rohstoffe einschränkt, und die USA mit ihrer erratischen Zollpolitik. Umso wichtiger ist es aus EU-Sicht, die eigenen wirtschaftlichen Problemfelder zu kennen und zugleich zu wissen, mit welchen Hebeln man im Zweifel selbst Druck auf Verhandlungspartner ausüben kann.
Ein zunehmend wichtiger Bereich ist dabei der Dienstleistungssektor, denn hier ist das Handelsvolumen zuletzt stark gestiegen:
Im Jahr 2023 hat die EU Dienstleistungen im Wert von fast 2,8 Billionen Dollar exportiert. 2005 erzielte sie erst 1 Billion Dollar mit entsprechenden Ausfuhren. Auch die Dienstleistungsimporte sind stark gestiegen auf zuletzt knapp 2,7 Billionen Dollar.
Damit entwickelte sich der Handel mit Dienstleistungen deutlich dynamischer als jener mit Waren.
Die Handelsströme im Dienstleistungssektor
Das IW hat sich die bilateralen Ströme der Dienstleistungen nun auf Basis einer neuen Datenbank der OECD und der Welthandelsorganisation genauer angesehen. Dabei ist es zunächst wichtig, zwischen dem Handel innerhalb der EU und jenem mit Drittstaaten zu unterscheiden. Der Intra-EU-Handel belief sich export- und importseitig im Jahr 2023 auf jeweils gut 1,4 Billionen Dollar. Die EU hat außerdem Dienstleistungen im Wert von insgesamt knapp 1,4 Billionen Dollar in Drittländer exportiert und für mehr als 1,2 Billionen Dollar Serviceleistungen aus Drittländern importiert.
Zwar sind die USA im Dienstleistungssektor weniger abhängig von der EU als umgekehrt. Dennoch können sie nicht ohne Weiteres auf die EU als Partner im Dienstleistungshandel verzichten.
Wichtigste Handelspartner im Dienstleistungssektor außerhalb der europäischen Staatengemeinschaft sind die USA:
Insgesamt hat die EU im Jahr 2023 Dienstleistungen im Wert von rund 349 Milliarden Dollar aus den Vereinigten Staaten importiert und solche im Wert von 255 Milliarden Dollar dorthin exportiert.
Damit verhält es sich bei den Dienstleistungen genau umgekehrt zum Warenhandel, wo die EU mehr in die USA exportiert als von dort importiert. Ebenso schwächt sich durch das europäische Defizit bei den Dienstleistungen das Argument der Schieflage beim Handel insgesamt ab, mit dem die Amerikaner ihre verschärfte Zollpolitik teils begründen.
Auch wenn die EU mehr Dienstleistungen aus den USA importiert, als sie dorthin exportiert: In einigen Dienstleistungssegmenten ist die Exportabhängigkeit der EU von den USA besonders groß (Grafik):
41 Prozent der EU-Exporte von audiovisuellen und damit verbundenen Diensten gingen 2023 in die Vereinigten Staaten.
Ihr Exportwert war mit 6 Milliarden Dollar aber vergleichsweise gering. Den höchsten Exportwert unter den fünf Dienstleistungsarten, bei denen die EU vom Absatz in den USA am abhängigsten ist, verzeichneten mit 26 Milliarden Dollar die Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum. Dazu gehören etwa Markenrechte oder Lizenzen für Computer-Software und Patente.
Auch die EU-Importabhängigkeit von den USA ist bei Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum besonders ausgeprägt. Der US-Anteil liegt hier bei zwei Dritteln und auch absolut gesehen ist dies mit 96 Milliarden Dollar der mit Abstand größte Einfuhrposten. Ebenfalls oberhalb der 50-Prozent-Marke an allen EU-Dienstleistungsimporten liegen die von US-Unternehmen erbrachten Post- und Kurierdienste.
USA im Dienstleistungshandel auf die EU angewiesen
Aber auch die USA sind im Dienstleistungshandel auf Europa angewiesen (Grafik). So gehen fast drei Viertel der US-Exporte im Segment „Fertigungsleistungen an Werkstoffen anderer Eigentümer“ in die EU. Bei Post- und Kurierdiensten sowie den Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum liegt der Anteil jeweils über 50 Prozent. In letzterer Dienstleistungskategorie ist zudem der US-Exportwert in die EU mit rund 96 Milliarden Dollar besonders hoch.
Auf der Importseite der US-Abhängigkeit von EU-Dienstleistungen stehen die Instandhaltungs- und Reparaturdienstleistungen an erster Stelle. Das größte Volumen hat indes ein anderer Bereich:
Die USA importierten im Jahr 2023 Computerdienstleistungen im Wert von 32 Milliarden Dollar aus der EU. Das entspricht einem Einfuhranteil von annähernd 39 Prozent.
Zwar sind die USA in der Gesamtschau im Dienstleistungssektor weniger abhängig von der EU als umgekehrt. Dennoch können die Vereinigten Staaten nicht ohne Weiteres auf die EU als Partner im Dienstleistungshandel verzichten, da die transatlantischen Verflechtungen sehr eng sind und die EU gerade als Absatzmarkt für US-Unternehmen schwer ersetzbar ist. Beide Aspekte sollte die EU berücksichtigen, wenn sie im Kontext des Handelsstreits mit den USA über ihre Strategie nachdenkt, etwa wenn es um die Option der zusätzlichen Besteuerung amerikanischer Tech-Konzerne geht.