MIST-Staaten Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Die zweite Reihe rückt vor

Korruptionsskandale, Menschenrechtsverletzungen und Drogenkriege bringen so manches Schwellenland in die Schlagzeilen. Dabei sind neben Brasilien, China und Co. einige andere Staaten mittlerweile zu beachtlichen Wirtschaftsgrößen aufgestiegen, die auch ausländischen Inves­toren ein enormes Wachstumspotenzial bieten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Neben Brasilien, China und Co. sind einige andere Staaten mittlerweile zu beachtlichen Wirtschaftsgrößen aufgestiegen, die auch ausländischen Investoren ein enormes Wachstumspotenzial bieten.
  • Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei, die auch als MIST-Länder bezeichnet werden, gehören inzwischen zu den 20 größten Volkswirtschaften der Welt.
  • Die Exporte machen in Südkorea – ähnlich wie in Deutschland – ungefähr die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus.
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Jahrelang beeindruckten die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China mit teils zweistelligen Wachstumsraten. Nun straucheln die Boomländer – die Wettbewerbsfähigkeit brasilianischer Unternehmen ist am Boden, Indien kämpft mit Infrastrukturproblemen, Russland bekommt seine Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu spüren und China verbucht zum zweiten Mal in Folge das niedrigste Wirtschaftswachstum seit 1999.

Sicherlich sind die BRIC-Staaten nach wie vor wirtschaftliche Schwergewichte – dennoch lohnt es sich, einen Blick auf die Schwellenländer in der zweiten Reihe zu werfen:

Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei, die auch als MIST-Länder bezeichnet werden, gehören inzwischen zu den 20 größten Volkswirtschaften der Welt.

Diese Länder sind für fast 7 Prozent der Weltwirtschaftsleistung verantwortlich. Sie können zwar keine zweistelligen Wachstumsraten vorweisen und haben mitunter auch Demokratiedefizite und andere gravierende Probleme, gleichwohl bieten die MIST-Staaten ein nicht zu unterschätzendes Wachstumspotenzial, an dem längst auch interna­tionale Investoren partizipieren:

  1. Mexiko hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Lieblingsstandort der Automobilkonzerne entwickelt. Der VW-Konzern ist – nach Nissan – der zweitgrößte Autohersteller Mexikos. Die Investoren profitieren von der guten Infrastruktur, dem hohen Ausbildungsniveau und einem dichten Zulieferernetzwerk. Auch die Arbeitskosten sind vergleichsweise niedrig: Etwa 30 Dollar verdient ein Arbeiter in Mexiko in der Automobilindustrie pro Tag – weniger als sein Kollege in den USA pro Stunde.

Was Mexiko als Produktionsstandort besonders attraktiv macht, sind die konsequente Freihandelspolitik sowie die Nähe zum US-Markt. Mit über 40 Handelspartnern unterhält Mexiko mittlerweile Freihandelsabkommen, darunter mit den USA und der Europäischen Union. Somit eröffnet die Produktion in Mexiko ausländischen Firmen den zollfreien Zugang zum nordamerikanischen Markt. Daher ist es kein Wunder, dass gut drei Viertel der mexikanischen Exporte auf dem US-Markt abgesetzt werden.

Die Zollfreiheit mit der EU hat auch die Exporte nach Europa rasant gesteigert. Deutschland ist innerhalb der Europäischen Union nach Spanien das zweitwichtigste Hauptabnehmerland für Produkte „made in Mexiko“. Knapp die Hälfte der Importe aus dem Land der Mayas und der Azteken entfällt dabei auf Erzeugnisse der Automobil­industrie (Grafik).

  1. Südkorea dagegen ist – anders als Mexiko – längst kein Billiglohnland mehr. Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen liegt derzeit bei 33.189 Dollar und ist damit höher als beispielsweise in Spanien oder Portugal (Grafik). Dabei gehörte der Tigerstaat an der ostasiatischen Küs­te in den 1960er Jahren zu den ärmsten Ländern der Welt. Dass Südkorea heute eine dynamische Industrienation ist, liegt an der konsequent verfolgten exportorientierten Industrialisierungsstrategie:

Die Exporte machen in Südkorea – ähnlich wie in Deutschland – ungefähr die Hälfte der Wirtschafts­leistung aus.

Dabei entfällt knapp ein Drittel der Ausfuhren auf Elektronikprodukte wie Smartphones.

Südkorea ist eine der wichtigsten Exportdestinationen für die deutsche Wirtschaft im asiatischen Raum. Nur China und Japan sind für deutsche Unternehmen bessere Kunden. Der hohe Industrieanteil in Südkorea begünstigt die Nachfrage nach Produkten der deutschen Maschinenbauindustrie – auf sie entfällt knapp ein Viertel der hiesigen Exporte. Die gute Performance in Südkorea verdanken die deutschen Hersteller nicht zuletzt dem Freihandelsabkommen mit der EU, das 2012 in Kraft getreten ist. Aber auch die deutsche Automobilindustrie trägt mit etwa 20 Prozent zu den Ausfuhren nach Südkorea bei. Zwar ist die Konkurrenz durch südkoreanische Hersteller sehr groß, doch laut dem Verband der Automobil­industrie wachsen deutsche Premiumhersteller in Südkorea schneller als der Markt.

  1. In Indonesien liegt das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen gerade mal bei 5.214 Dollar. Dennoch konnte das Land in den vergangenen Jahren beeindruckende makroökonomische Daten aufweisen. Zwischen 2010 und 2013 wuchs die Wirtschaft in Indonesien im Jahresdurchschnitt um mehr als 6 Prozent. Und auch die Armut ist gesunken: Lebten im Jahr 2006 noch knapp 18 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, waren es zuletzt noch rund 11 Prozent.

Neben den niedrigen Lohnkosten, die die Exporte von personalintensiven Textil- und Bekleidungsprodukten begünstigen, ist Indonesien insbesondere aus zwei Gründen für internationale Investoren attraktiv. Zum einen ist das Inselland reich an Rohstoffen – es ist der weltgrößte Exporteur von Kraftwerkskohle und besitzt große Holzvorkommen. Zum anderen hat sich die indonesische Wirtschaft dank des starken Inlandskonsums (knapp 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und einer geringen Außenhandelsquote während der Finanz- und Wirtschaftskrise als sehr robust erwiesen.

  1. Auch in der Türkei, die sich schnell von der Finanzkrise erholt hat, sind die wirtschaftlichen Verhältnisse solide. Eine junge Bevölkerung sorgt für Konsumlaune – der private Verbrauch macht mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Große Infrastrukturprojekte werden die ohnehin schon günstige geopolitische Lage des Landes am Bosporus noch weiter aufwerten und die Attraktivität als Produktionsstandort steigern. Für Deutschland ist die Türkei der wichtigste Handelspartner unter den MIST-Ländern: Sie rangiert auf Platz 14 der größten deutschen Kunden und auf Platz 19 unter den Lieferanten. Knapp ein Drittel der deutschen Importe aus der Türkei sind Textilprodukte.

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