Faktencheck Verteilung Lesezeit 5 Min. Lesezeit 1 Min.

Die Schere im Kopf

Wer die angeblich zunehmende Ungleichheit in Deutschland thematisiert, erntet meist viel öffentlichen Beifall – egal, ob die Behauptung stimmt oder nicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat deshalb eine ganze Reihe populärer Thesen zum Thema Einkommens- und Vermögensverteilung auf ihren Wahrheitsgehalt hin abgeklopft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Rund um das Thema Verteilung kursieren viele Klischees – das IW Köln hat die gängigsten Stereotype einem Faktencheck unterzogen.
  • Die wichtigsten Ergebnisse: In puncto Einkommens- und Vermögensungleichheit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld.
  • Die Reallöhne sind zuletzt vor allem in den unteren Einkommenszehnteln gestiegen und die Schere zwischen Arm und Reich ist trotz Niedrigzinsphase nicht weiter aufgegangen.
Zur detaillierten Fassung

„Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auf.“ „Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.“ „Uns drohen Verhältnisse wie in den USA.“ Wer das behauptet, kann sich der Likes und Retweets sicher sein. Doch der Beifall in den – sozialen – Medien sollte keine Grundlage für politische Entscheidungen bilden. Was ist also dran an den populären Thesen? Ein Faktencheck:

1. Stimmt es, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland besonders groß sind?

Ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum einkommensstärksten Zehntel verdient in Deutschland 3,4-mal so viel wie einer an der Schwelle zum ärmsten Zehntel. Damit ist der Verdienstabstand hierzulande deutlich größer als etwa in Italien, Schweden und Norwegen, wo dieser Faktor unter 2,5 liegt. Die USA kommen jedoch auf einen wesentlich höheren Wert: Dort fahren die Topverdiener mindestens das Fünffache des untersten Lohn- und Gehaltszehntels ein (Grafik).

Deutschland ist in puncto Erwerbseinkommen also nicht auffallend egalitär, aber auch nicht elitär: Seine Einkommensspreizung bewegt sich im Mittelfeld der Industrieländer auf einem Niveau mit Österreich und Australien.

Deutschlands Einkommensspreizung bewegt sich im Mittelfeld der Industrieländer auf einem Niveau mit Österreich und Australien.

Jetzt könnten Kritiker einwerfen, dass in dieser Analyse nur Vollzeitbeschäftigte betrachtet werden und zudem andere Einkommensarten wie Kapitaleinkünfte und Mieteinnahmen fehlen, diese aber erst die wahren Einkommensunterschiede begründen. Tatsächlich scheint die Kluft größer zu sein, wenn das gesamte Einkommen in den Vergleich einfließt – allerdings nur, wenn die gesetzlichen Renten außen vor bleiben.

Schaut man sich also die reinen Markteinkommen vor Steuern und Sozialabgaben und ohne die staatlichen Alterseinkünfte an, liegt Deutschland mit einem Gini-Koeffizienten (Definition siehe Grafik) von 0,50 auf der Skala der Ungleichheit nur auf Platz 17 in der EU-28. Die einfache Erklärung für das relativ große Ausmaß an Ungleichheit: Mit rund 20 Millionen Ruheständlern hat Deutschland eine große Bevölkerungsgruppe, die kaum über Markteinkommen verfügt. Länder mit einem höheren Anteil an privater Altersvorsorge – ansonsten aber gleichen Bedingungen – schneiden deshalb bei der Verteilungsanalyse der Markteinkommen vermeintlich besser ab.

Einschließlich der gesetzlichen Renten belegt Deutschland im Verteilungsranking der EU-28 schon Platz 13. In der Nettorechnung, also nach Steuern und Sozialabgaben inklusive staatlicher Transferleistungen, kommt die Bundesrepublik sogar auf Platz 10.

2. Stimmt es, dass sich das Vermögen auf wenige Superreiche konzentriert und die breite Masse kaum etwas besitzt?

Deutschlands Gini-Koeffizient für die Vermögensverteilung ist der achthöchste von 20 verglichenen Industrieländern (Grafik). Damit scheint die Bundesrepublik näher an den USA mit ihrer unübersehbar gespaltenen Gesellschaft zu liegen als beispielsweise an Belgien oder Italien. Doch auch in diesem Vergleich bleiben gesetzliche Rentenansprüche unberücksichtigt.

Rechnet man die Rentenanwartschaften ein, versechsfacht sich das mittlere Vermögen der erwachsenen Bundesbürger im Sozio-oekonomischen Panel von 18.000 auf gut 107.000 Euro.

Der Gini-Koeffizient fällt dann von 0,78 auf 0,59, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gezeigt hat.

Rechnet man die Rentenanwartschaften ein, versechsfacht sich das mittlere Vermögen der erwachsenen Bundesbürger im Sozio-oekonomischen Panel von 18.000 auf gut 107.000 Euro.

Dass die staatliche Rentenabsicherung nicht nur in Deutschland eine sehr wichtige Rolle spielt, zeigen die skandinavischen Länder. Auch dort ist die staatliche Absicherung im Alter auf hohem Niveau – und die Vermögensunterschiede sind auffallend groß. Der Zusammenhang: Die hohen Steuern und Abgaben zur Finanzierung der Renten erschweren die Vermögensbildung – und schmälern zudem den Anreiz zur privaten Vorsorge.

3. Stimmt es, dass die Ungleichheit immer weiter zunimmt?

Gebetsmühlenartig heißt es, die Reallöhne in Deutschland würden bereits seit Jahren nicht mehr steigen. Schaut man sich aber die Tarifabschlüsse an und nimmt dann noch die extrem niedrige Inflation in den Blick, ist diese Klage eher der Schere im Kopf geschuldet als einer etwaigen Schere zwischen Arm und Reich. Denn Tatsache ist:

Seit 2007, dem letzten Jahr vor der Finanzkrise, sind die tariflichen Stundenlöhne preisbereinigt um 8 Prozent gestiegen und die Bruttostundenlöhne real sogar um fast 12 Prozent.

Davon haben vor allem die Geringverdiener überdurchschnittlich profitiert, wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) mithilfe einer Auswertung von Daten des Sozio-oekonomischen Panels ermittelt hat. Demnach sind die realen Bruttoerwerbseinkommen von Vollzeitbeschäftigten im untersten Einkommensdezil von 2009 bis 2013 um 6,6 Prozent gestiegen und die im zweiten Dezil immerhin um 3,3 Prozent (Grafik).

Die realen Bruttoerwerbseinkommen von Vollzeitbeschäftigten sind im untersten Einkommensdezil von 2009 bis 2013 um 6,6 Prozent gestiegen.

So erklärt sich auch, dass der Lohnabstand zwischen dem obersten und dem untersten Einkommenszehntel heute auf dem gleichen Niveau liegt wie schon im Jahr 2006 – es hat also seither keine weitere Einkommensspreizung stattgefunden.

Skeptiker kontern, dass die Reichen dafür immer höhere Vermögen anhäufen, weil sie Immobilien, Aktien und Unternehmen besitzen, während die Kleinsparer in Zeiten der Niedrigzinsen leer ausgehen würden. Die Fakten sehen so aus:

Laut Bundesbank besitzen die vermögensreichsten 10 Prozent der Haushalte derzeit 59,8 Prozent des gesamten Vermögens. Das ist viel – aber es sind gerade einmal 0,6 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2010.

4. Stimmt es, dass die Mittelschicht schrumpft?

Zuletzt war es einmal mehr der oft bemühte Vergleich mit den USA, der diese Schlagzeile schrieb. Demnach schrumpfe die deutsche Mittelschicht im selben dramatischen Tempo wie jenseits des Atlantiks.

IW-Berechnungen bestätigen den langfristigen Trend – relativieren aber den jüngsten Alarmismus: In der IW-Abgrenzung hatte die Mittelschicht im engeren Sinn – mit einem Nettoeinkommen zwischen 80 und 150 Prozent des bedarfsgewichteten Medianeinkommens – 2013 einen Anteil von rund 47 Prozent an der Bevölkerung. Auf dem Höchststand Mitte der 1990er Jahre waren es noch fast 55 Prozent, kurz nach der Wiedervereinigung aber nur 50 Prozent (Grafik).

Vergrößert hat sich in dieser Zeit die Gruppe der Einkommensarmen mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens: Ihr Anteil ist von etwa 11 auf gut 15 Prozent gestiegen. Der Anteil der Reichen erhöhte sich parallel von weniger als 3 auf 3,7 Prozent. Dazugewonnen hat aber auch die obere Mittelschicht, die heute 16,5 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Das sind etwa 2 Prozentpunkte mehr als vor 20 Jahren – ein Ausdruck des gestiegenen Wohlstands.

Besonders interessant wird das Bild jedoch am aktuellen Rand, wenn man die Menschen mit Migrationshintergrund wieder herausrechnet, die 2013 im Sozio-oekonomischen Panel erstmalig zu ihren Einkommens- und Vermögensverhältnissen befragt wurden. Dann zeigt sich nämlich, dass der Rückgang der Mittelschicht gegenüber 2012 ebenso wie der Anstieg der Armutsquote weitgehend auf die neu berücksichtigte Migrantengruppe zurückzuführen ist.

Lässt man diese Neu-Befragten außen vor, hat sich die Mittelschicht seit 2005 nur geringfügig verkleinert – und zwar vor allem zugunsten einer breiteren oberen Mittelschicht.

IW-Report 29/2016

Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Faktencheck Gerechtigkeit und Verteilung – eine empirische Überprüfung wichtiger Stereotype

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