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Die Regel ist eher die Ausnahme

„Fördern und Fordern“ – das ist die Grundidee der Hartz-IV-Reformen. Doch wenn die Job-Center diesen umfangreichen Auftrag erfüllen sollen, brauchen sie vor allem eines: ausreichend Personal. Tatsächlich aber erreichen 44 Prozent der Job-Center bei der Betreuung jugendlicher Arbeits­loser nicht einmal den im Sozialgesetzbuch vorgesehenen Betreuungsschlüssel – in einer berühmten Stadt in Baden-Württemberg ist es besonders schlimm.

Kernaussagen in Kürze:
  • Viele Job-Center kümmern sich zu wenig um jugendliche Arbeitslose
  • Fast die Hälfte der Job-Center erreicht nicht den vorgesehenen Betreuungsschlüssel
  • Im schlimmsten Fall kommt ein Fall-Manager auf 444 Jugendliche
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Sie haben grundsätzlich dieselbe Aufgabe, aber ganz unterschiedliche Kunden. Während sich die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen um die Empfänger von Arbeitslosengeld I kümmern, von denen gut drei Viertel mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, betreuen die Fallmanager in den Job-Centern (Kasten) die Empfänger von Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz-IV-Empfänger. Und von denen hat mehr als die Hälfte keine Ausbildung, ist also wesentlich schwerer zu vermitteln:

Im Jahr 2014 war fast die Hälfte aller arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger länger als ein Jahr ohne Job.

Weiterbildung tut also not. Um passgenaue Kurse vermitteln zu können, müssen die Fallmanager in den Job-Centern ihre Hilfeempfänger aber genau kennen, sprich sich intensiv mit ihnen beschäftigen. Und auch das „Fordern“ – also die ständige Konfrontation mit Hilfsangeboten und die konsequente Einforderung von eigenen Bemühungen – gelingt nur, wenn die Fallmanager ausreichend Zeit haben, sich um jeden Fall zu kümmern. Das gilt insbesondere für Jugendliche, die oft noch keine Erfahrungen mit dem Arbeitsmarkt haben.

Der Gesetzgeber hat den Job-Centern, die gemeinsam von Arbeits­agenturen und Kommunen betrieben werden, deshalb konkrete Vorgaben gemacht. Für die Gruppe der unter 25-jährigen Hilfeempfänger sieht das Sozialgesetzbuch „im Regelfall“ einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 75 vor. Doch Papier ist geduldig (Grafik):

Von den 303 gemeinsam betriebenen Job-Centern erfüllen 134 den Betreuungsschlüssel von 1 zu 75 nicht – eine Fehlquote von 44 Prozent. Am schlechtesten schneidet Calw ab, in der Hermann-Hesse-Stadt betreut ein Fallmanager 444 Jugendliche.

Job-Center: Defizite in Großstädten Bei den älteren Arbeitslosen reicht laut Sozialgesetzbuch zwar eine Betreuungsrelation von 1 zu 150. Doch auch diese Marke konnten im vergangenen Jahr 106 Job-Center – also gut ein Drittel – nicht erreichen.

Die Ursachen für diese Verfehlungen herauszufinden, ist relativ schwer, denn die Umstände in den einzelnen Kommunen sind sehr verschieden. So standen zum Beispiel von den Job-Centern, die 2014 bei der Betreuung Jugendlicher am schlechtesten abschnitten, zwei 
– Starnberg und Ostallgäu – in den vorangegangenen Jahren durchaus gut da, sodass 2014 möglicherweise Sonderfaktoren eine Rolle spielten. Die Job-Center in Calw, der Wesermarsch und in Leverkusen dagegen verfehlten auch in den Jahren 2011 bis 2013 die vorgesehene Betreuungsrelation.

Manchmal schlägt ein schlechter Betreuungsschlüssel auch gar nicht auf die Integrationsleistung der Job-Center durch. Leverkusen etwa hatte 2014 zwar mit 1 zu 117 das bundesweit fünftschlechteste Ergebnis, konnte aber 23,5 Prozent seiner Arbeitslosen vermitteln – und übertraf damit sowohl NRW (21,2 Prozent) als auch strukturell vergleichbare Kommunen (22,9 Prozent). Ein Sonderfall ist Berlin. Dort gibt es gleich zwölf Job-Center (Grafik) – sehr gute und ziemlich schlechte.

Der Betreuungsschlüssel

Betreute unter 25 Jahren pro Jobcenter-Betreuer im Jahr 2014

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