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Die Phantomschmerzen

Sitzt Deutschland auf Forderungen von 500 Milliarden Euro gegenüber den Euro-Partnern, und ist das Geld im schlimmsten Fall verloren? Über die Relevanz der sogenannten Target2-Salden streiten sich die Gelehrten. Eine Rückschau auf das deutsche Zentralbanksystem von 1948 bis 1957 gibt Anlass zur Entwarnung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Über die Relevanz der sogenannten Target2-Salden streiten sich die Gelehrten.
  • Der Geldtransfer bei länderübergreifenden Geschäften läuft über das zweistufige Zentralbanksystem der Eurostaaten, das aus der Europäischen Zentralbank (EZB) und den nationalen Zentralbanken besteht.
  • Die Deutsche Bundesbank hatte im Februar 2014 fast 500 Milliarden Euro an Forderungen gegenüber der EZB – im Jahr 2006 waren es gerade einmal 5 Milliarden Euro.
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Zunächst einmal erscheint die Sache ganz einfach: Angenommen, ein portugiesischer Betrieb bestellt bei einem deutschen Unternehmen eine Maschine. Der Geldtransfer bei solchen länderübergreifenden Geschäften läuft über das zweistufige Zentralbanksys­tem der Eurostaaten, das aus der Europäischen Zentralbank (EZB) und den nationalen Zentralbanken besteht. Das heißt: Die Hausbank des portugiesischen Kunden gibt die Überweisung an die portugiesische Zentralbank, die reicht sie an die EZB weiter, die wiederum an die Deutsche Bundesbank, und von dort geht das Geld schließlich an die Hausbank des Lieferanten in Deutschland.

Solange die Geschäfte zwischen Deutschland und Portugal – sowie zwischen allen anderen Eurostaaten – hin- und hergehen, ist alles in Ordnung. Problematisch wird es, wenn deutsche Firmen ihre Waren zwar nach Portugal, Griechenland oder in andere Euroländer liefern, die aber umgekehrt nichts oder viel weniger nach Deutschland verkaufen – und sich gleichzeitig die portugiesische Geschäftsbank nicht am Interbankenmarkt, also über andere Banken, finanzieren kann und deshalb den Weg über die EZB gehen muss. Denn dann entsteht auf der Ebene der Zentralbanken ein Ungleichgewicht: Die portugiesische Zentralbank hat Verbindlichkeiten gegenüber der EZB, die Deutsche Bundesbank Forderungen – das sind die sogenannten Target2-Salden.

Genau diese Ungleichgewichte haben seit der Finanzkrise enorm zugenommen (Grafik):

Die Deutsche Bundesbank hatte im Februar 2014 fast 500 Milliarden Euro an Forderungen gegenüber der EZB – im Jahr 2006 waren es gerade einmal 5 Milliarden Euro.

Skeptiker wie der ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sehen darin „Gefahren für unser Geld und unsere Kinder“, der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält das Ungleichgewicht nicht für „ein eigenständiges Problem“, sondern nur für ein Symptom für das fehlende Vertrauen der Banken untereinander. Früher, vor der Krise, liehen sich die Banken gegenseitig Geld, heute ist der Interbanken­handel vielerorts lahmgelegt, sodass die EZB einspringen muss.

Doch Problem hin oder her – neu ist das Phänomen jedenfalls nicht. Auch Deutschland hatte von 1948 bis 1957 ein zweistufiges Zentral­banksystem, bestehend aus den Landeszentralbanken und der Bank deutscher Länder. Auch damals gab es gravierende Ungleichgewichte, nämlich zwischen den einzelnen Bundesländern, die ihren Zahlungsverkehr untereinander über die Landeszentralbanken abwickelten. Baden-Württemberg zum Beispiel hatte 1955 Forderungen von nahezu 7,5 Milliarden D-Mark, gleichzeitig standen für Nordrhein-Westfalen rund 6,7 Milliarden D-Mark an Verbindlichkeiten in den Büchern.

Als dann 1957 die Bundesbank gegründet wurde, also das zweistufige in ein einstufiges Zentralbanksystem überführt wurde, geschah – nichts. Die damaligen großen Ungleichgewichte hatten keinerlei negative Effekte, es waren lediglich buchhalterische Posten.

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