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Die neue Welt der niedrigen Zinsen

Ob die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank für die Bundesbürger gut oder schlecht ist, hängt nicht unbedingt davon ab, ob sie arm oder reich sind. Viel wichtiger ist die Relation zwischen Vermögen und Schulden – und die hängt mit dem Alter zusammen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Niedrigzinspolitik der EZB schadet den Anlegern, nutzt aber den Verschuldeten.
  • Schuldner mussten 2014 im Schnitt nur 3,9 Prozent Zinsen zahlen – 2008 waren es noch 5,3 Prozent.
  • Viele jüngere Haushalte haben gerade erst eine Immobilie gekauft und mit einer Hypothek finanziert. Deswegen profitieren junge Menschen stärker von den niedrigen Schuldzinsen als ältere Menschen.
Zur detaillierten Fassung

Spätestens seit die Europäische Zentralbank am 4. September 2014 beschlossen hat, ihren Leitzins auf das historische Tief von 0,05 Prozent zu senken, macht in Deutschland das böse Wort von der „Enteignung der Sparer“ die Runde.

Dieser Vorwurf ist durchaus eine nähere Betrachtung wert: Verstärkt die aktuelle, extrem expansive Geldpolitik die Ungleichheit in der Bevölkerung? Schließlich leiden die Kleinsparer sehr wohl darunter. Zwar wird ihnen nichts weggenommen, aber sie müssen auf Zinsen verzichten und ihre Ersparnisse verlieren real an Wert. Demgegenüber klettern die Immobilienpreise und Aktienkurse immer weiter, weil sehr viel Geld im Umlauf ist und angelegt werden will. Sind also die Reichen die Gewinner und die Armen die Verlierer?

Was zunächst plausibel klingt, hält jedoch einem tieferen Blick in die Statistiken nicht stand, wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) mithilfe einer Analyse der Vermögensverteilung in Deutschland herausgefunden hat. Ja, sagen die IW-Ökonomen, es findet eine Umverteilung statt, aber eben nicht zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Verschuldeten und Spa­rern. Der Grund dafür liegt auf der Hand (Grafik):

Konsumentenkredite und Baudarlehen zusammengenommen, mussten Schuldner im Jahr 2014 im Schnitt nur 3,9 Prozent Zinsen zahlen – 2008 waren es noch 5,3 Prozent.

Die durchschnittlichen Sparzinsen sind in dieser Zeit von 2,8 auf 0,4 Prozent gesunken. Für einen durchschnittlichen Erwachsenen heißt das: Seine Zinserträge sind in den vergangenen sechs Jahren um 450 Euro auf gerade noch 95 Euro eingebrochen. Im Gegenzug haben sich seine Zinsaufwendungen um 209 Euro auf 768 Euro verringert.

Wer von dieser Entwicklung nun konkret profitiert, hängt davon ab, ob jemand zu den fleißigen Sparern oder aber zu den Verschuldeten gehört – und ob und in welchem Ausmaß jemand Immobilien- und Aktienvermögen besitzt.

  1. Arm und Reich im Vergleich. Die 10 Prozent der Haushalte in Deutschland mit dem kleinsten Nettovermögen sind im Schnitt überschuldet, ihre Kredite übersteigen ihre Vermögenswerte um mehr als die Hälfte. Diese Gruppe stellt sich durch das niedrige Zinsniveau besser (Kasten) – immer im Durchschnitt gesehen. Das gilt jedoch nicht für jene Armen, die zwar wenig auf der hohen Kante haben, aber schuldenfrei sind. Ihnen entsteht durch die entgangenen Zinserträge ein glasklarer Nachteil.

Das vermögensreichste Haushaltszehntel dagegen hat wenig Schulden, nämlich lediglich knapp 6 Prozent seines Bruttovermögens. Weil diese Gruppe aber immerhin fast 14 Prozent des Vermögens zinsbringend angelegt hat, musste sie unter dem Strich durch die niedrigen Zinserträge ein Minus hinnehmen.

Tendenziell steigt mit dem Vermögen auch der Anteil an Aktien und Immobilien. Allerdings spielen Aktien hierzulande generell keine große Rolle, selbst die Reichsten halten nur 2,6 Prozent ihres Vermögens in Unternehmensanteilen. Bei den Immobilien hängt die Frage, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern gehört, weniger vom Besitz selbst ab, sondern davon, wie viel des Kaufpreises man über Kredite finanzieren muss. In diesem Punkt unterscheiden sich Arm und Reich viel stärker als bei den Vermögensanteilen.

  1. Jung und Alt im Vergleich. Jüngere Haushalte besitzen aufgrund ihrer kürzeren Erwerbsbiografie weniger Vermögen als ältere (Grafik):

Die unter 35-Jährigen haben abzüglich ihrer Schulden im Schnitt 38.000 Euro Vermögen, während die 55- bis 64-Jährigen auf 177.000 Euro kommen.

Viele Jüngere haben gerade erst eine Immobilie gekauft und mit einer Hypothek finanziert. Deswegen profitieren junge Menschen stärker von den niedrigen Schuldzinsen. Im Alter sieht es umgekehrt aus: Die Schulden sind langsam, aber sicher abbezahlt und die entgangenen Zins­erträge schlagen stärker ins Kontor.

Demzufolge gingen der Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren im Jahr 2014 je Haushalt 642 Euro an Einlagezinsen im Vergleich zu 2008 verloren, sie sparte aber nur 126 Euro an Kreditzinsen.

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