Lohnquote Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Die Lohnquote ist stabiler als vermutet

Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen ist in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben. Die Lohnquote liefert also keinen Beleg für eine umfassende Umverteilung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen. Ohnehin bildet die Quote die Realität nur unvollständig ab.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Lohnquote in Deutschland hat sich seit der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2009 bei etwa 68 Prozent stabilisiert.
  • Die gesamten Arbeitseinkommen – einschließlich der Arbeitseinkünfte der Selbstständigen – machten 2016 sogar knapp 76 Prozent des Volkseinkommens aus.
  • Im Vergleich von 15 Industrieländern lag die Lohnquote zuletzt zwischen gut 40 Prozent in Irland und fast 60 Prozent in Dänemark.
Zur detaillierten Fassung

Populisten zufolge ist die Globalisierung verantwortlich für wirtschaftlichen Niedergang und eine zunehmende Ungleichheit. Angesichts solcher Behauptungen wird in Deutschland auch die Frage diskutiert, ob die Arbeitseinkommen zugunsten der Kapitaleinkommen an Bedeutung verloren haben. Wäre das so, würde die personelle Einkommensverteilung ungleicher und selbst ein insgesamt steigender Wohlstand käme dann bei vielen Arbeitnehmern nicht an – schließlich haben die Haushalte sehr unterschiedliche Kapitaleinkünfte.

Lohnquote in Deutschland ziemlich stabil

Eine zunehmende Schieflage ist in Deutschland allerdings nicht zu erkennen (Grafik):

Die Lohnquote – der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen – hat sich seit 2009 bei etwa 68 Prozent stabilisiert.

Dass die Quote in früheren Jahren stark schwankte, liegt weniger an den Arbeitnehmerentgelten, sondern vor allem an der anderen Komponente des Volkseinkommens, den Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Sie folgen deutlich stärker dem Auf und Ab der Konjunktur.

Die Lohnquote – der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen – hat sich seit 2009 bei etwa 68 Prozent stabilisiert.

Diese Einkommensgröße beruht zudem auf einer Vielzahl von Schätzungen und ist ein Sammelposten, der auch die Vermögenseinkommen der privaten Haushalte umfasst.

Arbeitseinkommensquote ist realitätsnäher

Auch an anderer Stelle ist die Zuordnung ungewöhnlich: Die Arbeitseinkommen der Selbstständigen und der mithelfenden Familienangehörigen zählen ebenfalls zu den Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Viel plausibler ist es, diese – geschätzten – Einkommen zu den Arbeitsentgelten der abhängig Beschäftigten zu addieren, um die gesamten Arbeitseinkünfte in einer Volkswirtschaft abzubilden. Das Ergebnis ist die Arbeitseinkommensquote:

Die gesamten Arbeitseinkommen machten in Deutschland im Jahr 2016 knapp 76 Prozent des Volkseinkommens aus.

Damit lag die Quote um 7,5 Prozentpunkte über der „klassischen“ Lohnquote. Aber auch die Arbeitseinkommensquote hat sich in letzter Zeit nur wenig verändert.

Große Niveauunterschiede im Ausland

Beim Blick über die nationalen Grenzen hinweg zeigt sich, dass die relativ stabile Einkommensverteilung in Deutschland kein Sonderfall ist. International vergleichbare Lohnquoten lassen sich allerdings nur auf Basis der Bruttowertschöpfung berechnen. Diese Produktionsgröße ist weiter gefasst als das Volkseinkommen, ein großer zusätzlicher Posten darin sind die Abschreibungen. Folglich fällt die auf dieser Basis ermittelte Lohnquote für Deutschland deutlich niedriger aus – im Zeitraum der Jahre 2011 bis 2015 betrug sie im Schnitt 56 Prozent (Grafik).

Der internationale Vergleich offenbart erhebliche Niveauunterschiede:

Während die durchschnittliche Lohnquote der Jahre 2011 bis 2015 in Dänemark, Frankreich und Finnland nahe an die 60-Prozent-Marke reichte, lag sie in Irland und Italien nur wenig über 40 Prozent.

Diese große Spanne lässt sich unter anderem damit erklären, dass der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist – und deren Arbeitseinkommen in der Lohnquote nicht enthalten sind.

Wie in Deutschland ist aber auch im Ausland kein genereller Abwärtstrend der Lohnquote zu beobachten. Verglichen mit der ersten Hälfte der 1990er Jahre gab es zwar in fünf Ländern – Irland, USA, Österreich, Deutschland und Portugal – einen deutlichen Rückgang. In Frankreich und im Vereinigten Königreich legte die Quote aber merklich und in Dänemark sowie in Belgien leicht zu.

Gerade in jüngster Zeit zeigte die Entwicklung der Lohnquote in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften sogar eher nach oben – in neun von 15 Ländern war die Quote im Schnitt der Jahre 2011 bis 2015 höher als im vorangegangenen Fünfjahreszeitraum, nicht zuletzt auch in Deutschland. In Belgien und Frankreich erreichte sie sogar den höchsten Wert seit Anfang der 1990er Jahre.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de