Gender Pay Gap Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Die Lohnlücke ist kleiner als gedacht

Frauen verdienen in Deutschland noch immer gut ein Fünftel weniger als Männer, sagt die offizielle Statistik. Doch diese durchschnittliche Lohnlücke in der Gesamtwirtschaft ist wenig aussagekräftig. Berücksichtigt man nämlich ihre Ursachen, schmilzt sie nach IW-Berechnungen deutlich zusammen. Da wahrscheinlich selbst das noch zu hoch greift, ist das geplante Lohngerechtigkeitsgesetz der Bundesregierung unnötig.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut Eurostat verdienen Frauen in Deutschland über alle Branchen gerechnet durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als Männer – nur in Tschechien, Österreich und Estland ist die Lohnlücke noch größer.
  • Bereinigt man diesen Wert jedoch um all jene Faktoren, die die Höhe des Arbeitsentgelts beeinflussen, schrumpft der sogenannte Gender Pay Gap auf 6,6 Prozent zusammen.
Zur detaillierten Fassung

Bereits seit 2006 verbietet in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz eine ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern. Daher verwundert es auf den ersten Blick, dass das Statistische Bundesamt für die Gesamtwirtschaft eine nach wie vor gravierende Lohnlücke ausweist – im vergangenen Jahr betrug der sogenannte Gender Pay Gap rund 21 Prozent. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Statistische Amt der Europäischen Union für das Jahr 2014 (Grafik):

Laut Eurostat verdienen Frauen in Deutschland über alle Branchen gerechnet 21,6 Prozent weniger als Männer – nur in drei Ländern ist diese Zahl noch größer.

Für das Bundesfamilienministerium ist das offenbar Grund genug, mit einem Lohngerechtigkeitsgesetz nachzusteuern. Kern des Gesetzentwurfs ist es, Unternehmen mit 500 Beschäftigten und mehr zu verpflichten, ihre Entgeltregelungen durch ein zertifiziertes Verfahren überprüfen zu lassen. Zudem sollen alle Beschäftigten einen individuellen Auskunftsanspruch haben. Durch diese und andere Maßnahmen soll eine mögliche Ungleichbehandlung aufgedeckt werden.

Schon die Diagnose stimmt nicht

Abgesehen davon, dass mit dem Gesetz ein enormer bürokratischer Aufwand verbunden wäre – schon die Durchschnittszahl selbst ist alles andere als aussagekräftig. Denn wer sie zum Maßstab nimmt, ignoriert, dass ein Großteil der Lohnunterschiede erklärbar ist.

Über alle Branchen gerechnet verdienen Frauen in Deutschland laut Eurostat 21,6 Prozent weniger als Männer - IW-Berechnungen dagegen haben eine bereinigte gesamtwirtschaftliche Lohnlücke von lediglich 6,6 Prozent ergeben.

Um einen statistisch belastbaren Gender Pay Gap zu berechnen, muss man all jene Faktoren berücksichtigen, die die Höhe des Arbeitsentgelts beeinflussen. Genau das hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) getan – auf Basis international vergleichbarer Daten für das Jahr 2013. Das Ergebnis (Grafik):

Die bereinigte gesamtwirtschaftliche Lohnlücke in Deutschland beträgt lediglich 6,6 Prozent – nur in vier Ländern ist der Unterschied noch kleiner.

Der Sprung von einem der letzten auf einen der vorderen Plätze oder auch umgekehrt mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber keine Ausnahme – wie zwei weitere Beispiele zeigen:

Die Niederlande haben nach offizieller Lesart eine Lohnlücke von 16,2 Prozent und landen damit auf Platz 19 von 28 Ländern. Nach der Bereinigung rangieren sie mit 2,5 Prozent auf Platz 1.

Slowenien hat laut Eurostat mit 2,9 Prozent die kleinste gesamtwirtschaftliche Lohnlücke aller untersuchten Staaten. Nach der Bereinigung fällt das Land jedoch von Platz 1 auf Platz 21 zurück.

Zwar dreht sich die Reihenfolge der Länder beim Wechsel von der durchschnittlichen zur bereinigten Größe nicht vollständig um. Gleichwohl fällt auf, dass der Unterschied in vielen westeuropäischen Staaten nach der Bereinigung wesentlich geringer ist als in zahlreichen mittel- und osteuropäischen Ländern.

Die Gründe für die Verdienstunterschiede

Dass die Bereinigung das Bild so stark verändert, liegt an besagten Einflussfaktoren. Wie eine IW-Untersuchung für das Jahr 2012 zeigt, gehören dazu unter anderem:

Die Qualifikation. Zwar ist es kein Geheimnis, dass Frauen heute generell besser ausgebildet sind als Männer – zum Beispiel stellen sie mehr als die Hälfte aller Uni-Absolventen. In der Beschäftigungsstruktur spiegelt sich das allerdings noch nicht vollständig wider. Denn tatsächlich haben nur rund 16 Prozent aller erwerbstätigen Frauen einen Hochschulabschluss – aber mehr als 21 Prozent der Männer.

Die Berufswahl und die Branche. Beim Blick auf die Bruttostundenlöhne fällt auf, dass Frauen häufiger Berufe wählen, in denen die Entlohnung relativ gering ist. Das wirkt sich auf die Verteilung der Geschlechter nach Branchen aus: So waren 2012 gut drei Viertel aller Beschäftigten in den Bereichen Erziehung, Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen sowie sonstige Dienstleistungen weiblich – der Bruttostundenlohn betrug dort durchschnittlich rund 12,50 Euro. Im Bergbau, im Verarbeitenden Gewerbe und auf dem Bau wurden dagegen im Schnitt 16,60 Euro pro Stunde gezahlt – der Frauenanteil betrug hier aber nur 28 Prozent.

Die Betriebsgröße. Frauen arbeiten häufiger als Männer in kleinen Betrieben mit geringeren Verdiensten. Im Jahr 2012 zum Beispiel betrug der Frauenanteil in Firmen mit weniger als 20 Beschäftigten fast 60 Prozent. Hinzu kommt, dass die Kriterien Betriebsgröße und Berufswahl eng zusammenhängen: Kleinere Firmen bieten überdurchschnittlich oft genau jene Dienstleistungsjobs an, die von Frauen bevorzugt werden – beispielsweise als Pflegekräfte, Friseure und Verkäufer.

Kein Grund für staatliche Eingriffe

Diese und andere berufsbezogene Kriterien wirken sich auf den Durchschnittsverdienst aus und erklären einen Großteil des offiziellen Gender Pay Gap von knapp 22 Prozent. Doch selbst die bereinigte gesamtwirtschaftliche Lohnlücke von 6,6 Prozent ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn hätte man weitere Daten, zum Beispiel über das unterschiedliche Verhalten von Frauen und Männern in Gehaltsverhandlungen, würde die bereinigte Lücke voraussichtlich noch weiter sinken. Für einen staatlichen Eingriff gibt es jedenfalls keinen Grund.

Ein weiteres Indiz gegen staatliche Eingriffe: In Ländern mit einem wirtschaftsfreundlicheren Umfeld – sprich größeren Freiheitsgraden für Unternehmen – ist die bereinigte Lohnlücke niedriger.

Vgl. IW-Report 16/2016
Jörg Schmidt: "Die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern im internationalen Vergleich - Empirische Befunde auf Basis des EU-SILC"

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