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Die Liebe zum Bargeld

Die Bundesbürger bezahlen ihre Einkäufe viel seltener mit EC- oder Kreditkarte als die meisten anderen Bürger der Europäischen Union. Das liegt zum Teil daran, dass sie häufig gar nicht elektronisch abrechnen wollen – manchmal aber auch daran, dass sie es nicht können.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesbürger bezahlen häufiger bar und seltener mit Kreditkarte als die meisten anderen EU-Bürger.
  • Die Dichte der Geldautomaten ist hierzulande relativ hoch, es gibt aber vergleichsweise wenige Verkaufsstellen, die bargeldloses Bezahlen anbieten.
  • Elektronische Bezahlformen machen in Deutschland dennoch Boden gut. Grund dafür ist das vermehrte Onlineshopping.
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Einst sei Deutschland Vorreiter bei Innovationen im Zahlungsverkehr gewesen, drohe nun aber den Anschluss zu verlieren. So kritisierte unlängst die Unternehmensberatung Boston Consulting Group in einem Gutachten die Zurückhaltung der Bundesbürger beim elektronischen Bezahlen. Dabei gehört diesem die Zukunft, glaubt beispielsweise Deutsche-Bank-Vorstandschef John Cryan. Er spekulierte beim Davoser Weltwirtschaftsforum 2016, in zehn Jahren werde es wohl kein Bargeld mehr geben, weil es einfach „schrecklich ineffizient“ sei.

Doch die Bargeldgegner bohren bei den Bundesbürgern ein dickes Brett. Noch im Jahr 2014 wechselten hierzulande bei acht von zehn Bezahlvorgängen Münzen und Scheine den Besitzer. Fast irgendwo in Europa wird so selten die Karte gezückt wie in Deutschland:

Im Jahr 2016 bezahlte jeder Deutsche im Schnitt 49-mal mit Giro- oder Kreditkarte – Dänen und Schweden dagegen kauften mehr als 300-mal mit Plastikgeld ein.

Mehr als 200-mal pro Jahr bedienen Finnen, Briten, Niederländer, Esten und Luxemburger ein Bezahlterminal. Noch seltener als die Bundesbürger verzichten lediglich Bulgaren, Rumänen, Griechen und Italiener aufs Bargeld.

Die Deutschen zahlen im Vergleich zu anderen EU-Bürgern eher selten mit Giro- oder Kreditkarte.

Die unterschiedlichen nationalen Vorlieben hängen auch damit zusammen, wie verbreitet einerseits Geldautomaten sind – und wie es andererseits um die Dichte von Verkaufsstellen bestellt ist, die das bargeldlose Bezahlen anbieten (Grafik):

Während in Deutschland 2016 auf einen Bankautomaten lediglich 13 Terminals für bargeldloses Bezahlen in Geschäften kamen, waren es in Schweden 91 – und in Luxemburg sogar 311.

In vielen Ländern verhält sich beides spiegelbildlich: Wo es wenige Geldautomaten gibt, kann man fast überall mit Karte zahlen – so etwa in Skandinavien. Hierzulande ist es dagegen umgekehrt: Gut 1.000 Bankautomaten je 1 Million Einwohner sind im europäischen Vergleich eher viel, knapp 14.000 Verkaufsstellen mit Bezahlterminal dagegen recht wenig.

Welches Zahlungsmittel die Deutschen im konkreten Fall nutzen, machen die meisten davon abhängig, wie viel Bargeld sie gerade griffbereit haben und wie hoch der zu begleichende Betrag ist, so das Ergebnis einer Befragung der Bundesbank aus dem Jahr 2014. Grundsätzlich haben demnach aber auch zwei Drittel der Bundesbürger das Gefühl, ihre Ausgaben besser kontrollieren zu können, wenn sie sehen, wie sich ihr Portemonnaie leert. An der Kartenzahlung schätzen 71 Prozent der Befragten schlicht die einfachere Handhabung.

Dass elektronische Bezahlformen trotz allem aber auch in Deutschland Boden gut machen, hat indes einen anderen Grund: das Internet. Beim immer intensiver genutzten Onlineshopping kommt bar zahlen gar nicht infrage. Es dominieren spezielle Internetbezahlverfahren wie PayPal mit einem Anteil von 41 Prozent am Umsatz sowie Überweisungen und die Kreditkarte mit 23 beziehungsweise knapp 18 Prozent.

Einen weiteren Aufschwung dürften PayPal und Co. erleben, wenn 2018 in Deutschland die europäische Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) in Kraft tritt. Sie verschafft unter anderem den sogenannten Fintechs – also Firmen außerhalb des Bankensektors, die Zahlungsdienstleistungen wie das Ausführen von Überweisungen anbieten – Zugang zu Kontoinformationen, sofern der Bankkunde oder die -kundin zugestimmt hat. Herausgegeben werden dabei nur die für den konkreten Zweck benötigten Daten, und es ist sichergestellt, dass diese nicht in falsche Hände geraten.

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