Interview 17.01.2017 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

„Die Integration von Flüchtlingen wird uns noch viele Jahre beschäftigen“

Seit März 2016 existiert das „NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge“, eine Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), gefördert durch das Bundeswirtschaftsministerium. Projektleiterin Christina Mersch erklärt auf iwd.de, warum bisher nur wenige Flüchtlinge eine Arbeitsstelle in Deutschland gefunden haben.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im „NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ sind überwiegend kleine und mittelständische Firmen vertreten.
  • Das persönliche Engagement der Eigentümer kleinerer Betriebe und ihrer Belegschaften ist enorm hoch.
  • Von diesem Enthusiasmus in der Flüchtlingsintegration könnte so mancher Großkonzern etwas mitnehmen.
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Ihr Netzwerk ist knapp ein Jahr alt, 1.125 Unternehmen machen bereits aktiv mit. Wie viele Flüchtlinge haben diese Betriebe schon in Arbeit gebracht?

Auf eine entsprechende Umfrage im Oktober unter unseren damals knapp 1.000 Unternehmen haben 300 geantwortet: Sie haben circa 2.500 Plätze für Flüchtlinge geschaffen. Darunter sind Praktikums- und Ausbildungsplätze, Einstiegsqualifizierungen, Hilfsarbeitertätigkeiten und einige Fachkraftstellen. Auch einige wenige Führungspositionen konnten mit Flüchtlingen besetzt werden.

Das ist angesichts von derzeit rund 350.000 arbeitsuchenden Flüchtlingen in Deutschland nicht viel.

Stimmt, aber das ist ja auch nicht so einfach. In unserem Netzwerk sind überwiegend kleine und mittelständische Unternehmen vertreten und ein 10-Mann-Betrieb kann schwerlich 20 Stellen schaffen. Kleinere Betriebe haben zudem nicht die zeitlichen und personellen Kapazitäten, die ganzen Verfahren und Vorschriften, die man bei der Beschäftigung von Flüchtlingen beachten muss, zu verstehen.

Was die Flüchtlingsintegration angeht, ist das persönliche Engagement der Eigentümer kleinerer Betriebe und ihrer Belegschaften enorm hoch.

Die großen Unternehmen könnten sich in puncto Flüchtlingsintegration mehr anstrengen, findet Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Zu Recht?

Auch die großen Betriebe werden keine Arbeitsplätze schaffen, die sie am Ende des Tages nicht brauchen. Was die Großunternehmen aber machen, ist, viele Praktikumsplätze anzubieten. Das hilft, herauszufinden, was eine einzelne Person wirklich kann und tun will. Davon wiederum profitieren die kleinen und mittleren Unternehmen, die zwar einen Flüchtling einstellen wollen, aber keine Kapazitäten für die Kompetenzerfassung haben.

Und was können umgekehrt die DAX-Konzerne von den Mittelständlern lernen?

Was die Flüchtlingsintegration und die Überwindung von Hindernissen angeht, ist das persönliche Engagement der Eigentümer kleinerer Betriebe und ihrer Belegschaften enorm hoch. Von diesem Enthusiasmus könnte so mancher Großkonzern etwas mitnehmen.

Viele Flüchtlinge wollen möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Wie überzeugen Sie diese jungen Leute, zuerst eine Ausbildung zu absolvieren – und damit zwei oder drei Jahre auf ein höheres Einkommen zu verzichten?

Genaugenommen sind es häufig sogar fünf bis sechs Jahre, wenn man noch die Zeit für ein Praktikum und eine Einstiegsqualifizierung berücksichtigt. Weil viele Flüchtlinge das Modell der dualen Ausbildung überhaupt nicht kennen, sagen ihnen manche Unternehmen: „Du kannst bei uns den Beruf des Elektrikers oder des Maurers studieren.“ Das hilft, ebenso wie Vorbilder, also andere Flüchtlinge, die im Idealfall in der jeweiligen Muttersprache erklären können, warum sie eine Ausbildung angefangen haben.

Das Integrationsgesetz garantiert Flüchtlingen, die eine Ausbildung absolvieren, einen bis zu fünf Jahre währenden sicheren Aufenthalt in Deutschland. Wissen die geflohenen Jugendlichen das überhaupt?

Das ist ja vor allem für jene Flüchtlinge relevant, die einen Duldungsstatus haben. In den Unternehmen jedenfalls ist diese Botschaft angekommen, bei den Flüchtlingen dürfte sich das wohl eher in der jeweiligen Community herumsprechen.

Wie lange wird es dauern, bis die Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind, in den Arbeitsmarkt integriert sind?

Wir haben dazu keine eigenen Prognosen. Aber wir gehen davon aus, dass uns das Thema noch viele Jahre beschäftigen wird.

Was bedeutet das für Ihre Initiative? Wenn der Integrationsprozess irgendwann einmal abgeschlossen ist, ist das Netzwerk überflüssig, oder?

Die Themen des Netzwerks werden sich auf jeden Fall über die Jahre verändern. Momentan dreht sich vieles um den Spracherwerb der Flüchtlinge, später dürfte es dann vor allem um die interkulturelle Zusammenarbeit in den Betrieben gehen und schließlich um Fragen des Familiennachzugs, beispielsweise die Integration von Frauen ins Berufsleben. Und im Idealfall braucht es uns dann irgendwann nicht mehr, weil die Unternehmen gut informiert sind und ausreichend Unterstützung bekommen haben oder wissen, wohin sie sich sonst noch wenden können.

Können sich bei Ihnen auch Betriebe informieren, die nicht zum Netzwerk gehören oder womöglich nicht mal IHK-Mitglied sind?

Ja, wir sind für alle Unternehmen da, auch für Handwerksbetriebe und für die freien Berufe. In der Außenwirkung mag das manchmal untergehen, aber wir agieren branchenunabhängig.

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