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Die Hütte brennt

Eisen- und Stahlerzeugung gilt zwar als „Old Industry“, doch für die nachgelagerten Branchen wie den Maschinenbau und die Autoindustrie ist der hochwertige Werkstoff essenziell. Allerdings steht die deutsche Stahlindustrie stark unter Druck: Vor allem chinesische Stahlhütten suchen wegen der Wachstumsschwäche im eigenen Land nach neuen Absatzmärkten.

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Dass empörte Bauern in Brüssel demonstrieren, ist man gewohnt, aber Stahlarbeiter? Und dann auch noch zusammen mit ihren Bossen? Tatsächlich aber ist genau das geschehen, als Mitte Februar Malocher und Manager auf die Straße gingen, um von der EU-Kommission Schutzzölle gegen billigen Importstahl zu fordern.

Die Stahlindustrie steht unter Druck. Vor allem seit China aufgrund der nachlassenden Nachfrage im eigenen Land große Mengen an Stahl exportiert, fallen die Preise weltweit. Im vergangenen Jahr beliefen sich die europäischen Importe aus China auf 6,9 Millionen Tonnen, 2014 waren es noch 4,5 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Europa selbst produzierte im vergangenen Jahr knapp 170 Millionen Tonnen Rohstahl.

Hinzu kommt, dass China den Werkstoff extrem günstig verkauft: Für Stahl aus der Volksrepublik sind zuletzt Dumpingspannen von bis zu 60 Prozent nachgewiesen worden. Beide Faktoren haben dazu geführt, dass die Stahlpreise überall massiv gesunken sind:

Im Jahr 2015 gab es weltweit einen Preisrutsch um rund ein Drittel bei den wichtigsten Stahlsorten.

Auch die deutsche Stahlindustrie ist von dieser Entwicklung betroffen. So sank der Umsatz der Branche im Jahr 2014 um 3,4 Prozent auf rund 46 Milliarden Euro (Grafik). In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres ging es im selben Tempo weiter abwärts. Weil gleichzeitig auch die Einkaufspreise für Erz, Kohle und Schrott sanken, konnte dieser Verlust zwar kompensiert werden, nichtsdestotrotz nimmt der Druck durch chinesischen Importstahl weiter zu.

Daran dürften auch die Brüsseler Reaktionen vergleichsweise wenig ändern: Zwar hat die EU-Kommission nach den Stahlarbeiterprotesten insgesamt 37 „Verteidigungsmaßnahmen“ ergriffen, darunter zahlreiche Strafzölle für Importstahl, doch für Stahl aus China betragen die Zollsätze nur zwischen 13,8 und 16 Prozent. Die USA zum Beispiel erheben auf chinesischen Stahl bis zu 66 Prozent Zoll.

Zusätzlichen Druck befürchtet die europäische Stahlindustrie durch die geplante Reform des Emissionsrechtehandels. In den nächsten Jahren sollen die Preise für CO2-Verschmutzungszertifikate steigen, die Industrieunternehmen und Stromerzeuger in der EU für jede erzeugte Tonne Treib­hausgas kaufen müssen. Aus Klimaschutzgründen ist dies nachvollziehbar, doch die Stahlindustrie ist ein Wirtschaftszweig, der etwa dreimal so energieintensiv arbeitet wie der Durchschnitt aller Industriebranchen.

Der Branche fällt es deshalb besonders schwer, Zusatzbelastungen in Form von Förderzuschlägen für erneuerbare Energien oder den europäischen Emissionshandel zu schultern. Auch deshalb haben die Metallerzeuger in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren keine Neuinvestitionen getätigt, nicht einmal die Abschreibungen wurden wieder vollständig reinvestiert.

Verteuern sich die CO2-Zertifikate wie geplant, müssten die deutschen Stahlfirmen laut Wirtschaftsvereinigung Stahl rund 1 Milliarde Euro mehr pro Jahr für den Kauf von Verschmutzungsrechten aufwenden.

Je teurer die Emissionsrechte, des­to höher der Ansporn für Investitionen in den Klimaschutz – diese Grundidee des Emissionshandels greift zudem in der deutschen Stahl­industrie nicht, weil ihre Herstellungsverfahren technologisch bereits soweit ausgereizt sind, dass durch neue Technik keine nennenswerten Emissionsreduktionen mehr zu erwarten sind.

Wenn aufgrund teurerer Zertifikate die europäische Stahlverhüttung unrentabel wird und Werke schließen müssten, hätte dies zudem einen klimapolitisch unerwünschten Effekt: Denn dann wird CO2-arm hergestellter Stahl aus Europa durch Stahl aus veralteten chinesischen, indischen oder russischen Werken ersetzt, dessen Produktion die Umwelt weit stärker belastet.

Kein Wunder, dass die heimischen Stahlarbeiter weiterhin besorgt sind: Die nächste Demonstration soll Mitte April in Duisburg-Rheinhausen stattfinden.

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