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Die geschrumpfte Nation

Am 5. Oktober wählen die Bulgaren ein neues Parlament – nur anderthalb Jahre nach dem letzten Urnengang. Die künftige Regierung muss ein Land führen, das zwar wirtschaftlich langsam vorankommt, aber nach wie vor das Wohlstands-Schlusslicht der EU ist.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die künftige Regierung Bulgariens muss ein Land führen, das zwar wirtschaftlich langsam vorankommt, aber nach wie vor das Wohlstands-Schlusslicht der EU ist.
  • Die gesamtwirtschaftlichen Arbeitskosten je Stunde lagen in Bulgarien 2013 bei rund 3,70 Euro – im Durchschnitt der EU-Länder waren sie mehr als sechs Mal so hoch.
  • Seit 1990 ist die Bevölkerung um 17 Prozent geschrumpft – laut Weltbank war der Rückgang in keinem anderen Land so dramatisch.
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Gegen die im August zurückgetretene Minderheitsregierung von Premier Plamen Orescharski hatte es in Sofia heftige Proteste gegeben – unter anderem, weil die Regierung einen umstrittenen Medien-Oligarchen zum obers­ten Geheimdienstchef ernannte.

Verglichen mit den politischen Querelen ist die wirtschaftliche Lage Bulgariens auf den ersten Blick gar nicht so schlecht. Abgesehen von einem Einbruch im globalen Krisenjahr 2009 ist das bulgarische Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit Ende der 1990er Jahre stetig und oft um mehr als 5 Prozent gewachsen. Auch 2013 ging es aufwärts (Grafik):

Das preisbereinigte BIP legte im vergangenen Jahr immerhin um knapp 1 Prozent zu.

Positiv ist auch, dass Bulgarien nach einem vorübergehenden Exportdefizit von mehr als 25 Prozent des BIP inzwischen wieder einen Außenhandelsüberschuss erwirtschaftet. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass die Arbeitslosenquote von zuletzt 13 Prozent auf aktuell 11,5 Prozent gesunken ist.

Als Produktionsstandort kann das Land nicht zuletzt mit niedrigen Kosten punkten:

Die gesamtwirtschaftlichen Arbeitskosten je Stunde lagen in Bulgarien 2013 bei rund 3,70 Euro – im Durchschnitt der EU-Länder waren sie mehr als sechs Mal so hoch.

Zudem ist die Steuerbelastung für die Unternehmen niedrig – der Körperschaftssteuersatz beträgt pauschal 10 Prozent. Dass Bulgarien Zugang zum europäischen Binnenmarkt bietet, macht den Standort für internationale Investoren zusätzlich attraktiv. Viele Automobilzulieferer aus dem asiatischen Raum beispielsweise produzieren bereits in Bulgarien für ihre Kunden in der EU.

Dank des wirtschaftlichen Aufwärtstrends hat sich das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen seit dem Jahr 2000 auf 14.500 Dollar verdoppelt. Doch von echtem Wohlstand ist Bulgarien weit entfernt – nach wie vor hat das Land das EU-weit niedrigste BIP je Einwohner.

Ein großes Problem ist die Infrastruktur – die Verkehrsnetze und das Gesundheitssystem sind mangelhaft. Zudem grassiert die Korruption – auf dem Korruptionswahrnehmungs­index von Transparency International liegt Bulgarien lediglich auf Platz 77 von 177 Ländern.

Die schlechte Lebensqualität veranlasst vor allem junge und gut ausgebildete Bulgaren, ihrer Heimat den Rücken zu kehren:

Seit 1990 ist die Bevölkerung um 17 Prozent geschrumpft – laut Weltbank war der Rückgang in keinem anderen Land so dramatisch.

Da verwundert es nicht, dass die Freizügigkeit, die bulgarische Arbeitnehmer innerhalb der EU seit diesem Jahr genießen, sich bislang kaum ausgewirkt hat: Wer gehen konnte, hat dies schon lange getan.

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