An- und Ungelernte Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Die Gefangenen

Menschen ohne Berufsabschluss können auf dem Arbeitsmarkt nur schwer Fuß fassen. Sie haben überdies oft nur einfache Jobs, in denen sie sich nicht weiterentwickeln. Damit sind sie quasi auf den sogenannten Jedermannsarbeitsmärkten gefangen. Nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels ist es aber an der Zeit, die Situation von An- und Ungelernten nachhaltig zu verbessern – durch passgenaue Qualifizierungsangebote.

Kernaussagen in Kürze:
  • Nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels ist es aber an der Zeit, die Situation von An- und Ungelernten nachhaltig zu verbessern – durch passgenaue Qualifizierungsangebote.
  • Jeder siebte Erwachsene hierzulande besitzt keinen Berufsabschluss.
  • Rund die Hälfte aller An- und Ungelernten ist bestenfalls in der Lage, kurze und einfache Texte zu lesen und diese begrenzt zu verstehen.
Zur detaillierten Fassung

Der demografische Wandel und der technische Fortschritt fordern die Wirtschaft heraus: Es werden mehr qualifizierte Kräfte gebraucht, während gut ausgebildeter Nachwuchs immer schwerer zu finden ist. Angesichts dessen gilt es, alle Fachkräftepotenziale zu nutzen – so auch die 7,5 Millionen Personen zwischen 16 und 64 Jahren, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Anders gerechnet:

Jeder siebte Erwachsene hierzulande besitzt keinen Berufsabschluss.

Was unterscheidet diese Menschen von Qualifizierten?

1. Sie sind seltener erwerbstätig und damit häufiger armutsgefährdet.Fast 57 Prozent aller 16- bis 64-jährigen Geringqualifizierten sind berufstätig. Die Erwerbstätigenquote der Personen mit Berufsabschluss beträgt 82 Prozent (Grafik).

Zudem ist unter den erwerbstätigen An- und Ungelernten rund jeder Fünfte unregelmäßig oder geringfügig beschäftigt. Dagegen haben lediglich 6 Prozent der Personen mit Berufsabschluss einen solchen Job.

Diese Umstände spiegeln sich auch im Einkommen wider: Der durchschnittliche Stundenlohn von Fachkräften beträgt 17 Euro, der von An- und Ungelernten dagegen nur 12 Euro. Dementsprechend ist mehr als jeder vierte An- und Ungelernte armutsgefährdet – aber nur jeder Zehnte mit Berufsabschluss.

2. Sie haben nur geringe Grundkompetenzen. Daten einer internationalen Vergleichsstudie zeigen, dass Personen ohne Berufsabschluss große Probleme beim Lesen und Rechnen haben (Grafik).

Rund die Hälfte aller An- und Ungelernten ist bestenfalls in der Lage, kurze und einfache Texte zu lesen und diese begrenzt zu verstehen.

Zum Vergleich: Nur 15 Prozent der Personen mit Berufsabschluss gehören zur Problemgruppe der Lese- und Rechenschwachen.

Nun könnte man meinen, dass An- und Ungelernte im Rahmen eines Jobs Kompetenzen erwerben und so fehlende formale Qualifikationen ausgleichen. Doch der Mechanismus greift bei dieser Gruppe nicht. Selbst unter den berufstätigen An- und Ungelernten verstehen immer noch 45 Prozent Texte allenfalls rudimentär.

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, warum das Training on the Job bei den An- und Ungelernten nicht wirkt:

  • Sie arbeiten häufiger körperlich, der Kopf wird nicht gefordert.
  • Sie üben öfter Beschäftigungen aus, die sich wiederholen, was letztlich nicht zu einer Erweiterung der Kompetenzen führen kann.
  • Sie bilden sich seltener berufsbezogen weiter.

Um die Situation An- und Ungelernter zu verbessern und ihre Zahl nachhaltig zu reduzieren, kann an vielen Punkten angesetzt werden:

Frühkindliche und schulische Bildung ausbauen. Der Besuch einer Kita kann die Startchancen von Kindern aus bildungsfernen Familien erhöhen. Auch in der Schule muss nachgebessert werden – etwa durch mehr Ganztagsschulen.

Abbrüche verhindern. Starthilfe benötigen Jugendliche auch vor Beginn ihrer Lehre. Durch eine bessere Berufsorientierung – zum Beispiel durch Praktika und eine individuelle Berufsberatung in den Schulen – lässt sich vermeiden, dass eine Ausbildung abgebrochen wird.

Teil- und Nachqualifizierungsangebote ausbauen. Für viele An- und Ungelernte ist eine gezielte Qualifizierung der nahezu einzige Weg, im Berufsleben voranzukommen. Weil vor allem Ältere aus finanziellen und zeitlichen Gründen häufig keine reguläre Berufsausbildung nachholen können, sollte man ihnen den Erwerb von Teilqualifikationen anbieten. Diese unterteilen einen anerkannten Ausbildungsberuf in einzelne Module. Jeder Interessent kann dann Bausteine absolvieren, die zu seinem individuellen Qualifikationsbedarf passen. Die erworbenen Kompetenzen werden zertifiziert.

Sind alle Module in beliebiger Reihenfolge und ohne zeitliches Limit durchlaufen, steht der Weg zu einer externen Prüfung offen. Am Ende hat der Absolvent einen staatlich anerkannten Berufsabschluss.

Weiterbildungsangebote und Förderung transparenter gestalten. Es gibt viele Weiterbildungsangebote und Förderprogramme, die für An- und Ungelernte sowie ihre Arbeitgeber infrage kommen. In diesem Dschungel das Passende zu finden, ist jedoch schwierig. Deswegen sollten unterschiedliche Programme zusammengefasst und bundesweit einheitlich umgesetzt werden. So hat etwa die Arbeitgeberinitiative „Eine TQ besser!“ 2014 ein länderübergreifendes gemeinsames Gütesiegel für Teilqualifikationen eingeführt.

Regina Flake, Lydia Malin, Lena Middendorf, Susanne SeydaQualifizierung von An- und Ungelernten – Eine empirische Bestandsaufnahme der Lebenssituation und PotenzialeIW-Analysen Nr. 100, Köln 2014, 88 Seiten, 19,90 EuroVersandkostenfreie Bestellung unter: iwmedien.de/bookshop

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