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„Die deutschen PISA-Ergebnisse sind besser, als viele glauben“

Christina Anger, Expertin für Bildung, Zuwanderung und Innovation im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, ordnet das Abschneiden der deutschen Schüler beim PISA-Test ein.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschland liegt beim internationalen Bildungsvergleich PISA weiterhin deutlich über dem OECD-Schnitt im oberen Drittel der untersuchten Länder.
  • Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund weisen hierzulande geringere Kompetenzen auf als Kinder, auf die beides nicht zutrifft.
  • Weil immer mehr Schüler in Deutschland Migrationshintergrund haben, sind die im Vergleich zur letzten PISA-Studie konstant gebliebenen Durchschnittsleistungen aber als Bildungserfolg zu werten.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland belegt in der aktuellen PISA-Studie Platz 16 von 72. Wie sind die Ergebnisse der deutschen Schüler zu bewerten?

Deutschland liegt weiterhin deutlich über dem OECD-Schnitt im oberen Drittel. Im Vergleich zur letzten PISA-Studie sind die Leistungen konstant geblieben. Es gab allerdings im Gegensatz zu früheren Erhebungen keine weiteren Verbesserungen.

Der Schwerpunkt lag dieses Mal auf den Naturwissenschaften. Welche Erkenntnisse lassen sich aus den Daten ziehen?

Auffällig ist, dass die Risikogruppe – also die Kinder, die nur über wenige Kompetenzen verfügen und damit als nicht ausbildungsreif gelten – mit 17 Prozent sehr groß ist. Deutschland liegt damit zwar unter dem OECD-Schnitt, die Quote ist dennoch zu hoch. Es gab hier auch keinen Fortschritt.

Bei der Untersuchung wurden den Schülern neben diversen Aufgaben auch Fragen zum Unterricht gestellt. Was wollten die Forscher wissen?

Die Schüler wurden nach ihrem Interesse an Naturwissenschaften und ihrer Motivation in diesen Fächern befragt. Dabei hat Deutschland unterdurchschnittlich abgeschnitten. Wir haben in der letzten Woche anhand einer IW-Studie gesehen, dass mehr als 200.000 Fachkräfte im MINT-Bereich fehlen. Wenn den Schülern schon das Interesse und die Begeisterung für Naturwissenschaften fehlen, ist das mit Blick auf die spätere Berufswahl ein Problem.

Wie kann man dem entgegentreten?

Die Lehrer müssen die Begeisterung für Naturwissenschaften bei den Schülern wecken. Viele Kinder haben gesagt, sie könnten sich nicht vorstellen, dass Naturwissenschaften für ihr späteres Leben wichtig werden können. Hier fließt sicher die Gestaltung des Unterrichts ein, und auch der Transfer muss geschaffen werden.

Es ist durchaus als Erfolg zu werten, dass ähnliche Ergebnisse wie bei der letzten Studie erreicht wurden.

Ein wichtiges Thema der Politik ist Chancengerechtigkeit für alle Kinder. Sind wir dabei einen Schritt vorwärts gekommen?

Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg ist geringer geworden. Jetzt erleben wir aber auch hier eine Stagnation. Im Bereich der Naturwissenschaften ist dieser Zusammenhang stärker als im OECD-Durchschnitt. Kinder mit einer schwachen sozialen Herkunft oder einem Migrationshintergrund weisen somit geringere Kompetenzen auf als Kinder aus besseren sozialen Verhältnissen oder Kinder ohne Migrationshintergrund.

Gibt es auch positive Erkenntnisse aus der Studie, die es hervorzuheben gilt?

Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist deutlich gestiegen. Die Schülerzusammensetzung hat sich damit verändert und wird sich in den nächsten Jahren weiter verändern. Viele Flüchtlingskinder, die 2015 nach Deutschland kamen, sind noch gar nicht im Bildungswesen. Insgesamt ist damit die Herausforderung, die Ergebnisse zu halten, viel größer geworden. Deshalb ist es durchaus als Erfolg zu werten, dass mit einer anderen Schülerzusammensetzung ähnliche Ergebnisse erreicht wurden.

Welche Aufgaben kommen nun auf das Bildungswesen zu?

Wir müssen die Flüchtlingskinder schnell integrieren. Es ist wichtig, dass die Kinder schnell in die Kindergärten kommen und in Schulen integriert werden sowie eine Sprachförderung erhalten, damit sie gute Voraussetzungen für einen Schulabschluss erreichen. Die Herausforderung bleibt damit groß, in der nächsten PISA-Erhebung die erzielten Ergebnisse weiterhin konstant zu halten. Viele Kinder kommen nun mit anderen Startvoraussetzungen in die Schule.

Wir dürfen aber auch nicht die Leistungsstarken vernachlässigen. Wir fördern die Leistungsschwächeren, was richtig ist. Dennoch brauchen wir individuelle Förderung in beide Richtungen, um auch in der Leistungsspitze gut abzuschneiden.

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