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„Die Deutschen engagieren sich stärker als die Israelis“

Israelis kaufen deutsche Autos, Deutsche decken sich mit Hightech-Entwicklungen made in Israel ein. So weit, so erwartbar. Doch auch israelische Fahrzeuge finden Abnehmer in der Bundesrepublik, weiß Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv. Er hat außerdem untersucht, aus welchen Motiven beide Länder Direktinvestitionen tätigen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im deutsch-israelischen Warenhandel gibt es einen Exportüberschuss zugunsten Deutschlands, im Dienstleistungshandel sieht es genau umgekehrt aus, erläutert Grisha Alroi-Arloser im Interview.
  • Bei den Direktinvestitionen hat Israel zwar wertmäßig die Nase vorn, tatsächlich sei aber das Engagement der deutschen Unternehmen in Israel größer, so Alroi-Arloser.
  • Getrieben sind die Investitionsaktivitäten der hiesigen Firmen in Israel von dem Wunsch, an den dortigen Innovationen teilzuhaben, etwa im Bereich des autonomen Fahrens.
Zur detaillierten Fassung

Der deutsch-israelische Warenhandel hatte 2016 ein Volumen von 5,7 Milliarden Euro, wenn man die Rüstungsgüter außen vor lässt. Was wird denn vor allem exportiert?

Im Warenhandel gibt es einen deutlichen Exportüberschuss zugunsten Deutschlands. Die drei größten Warengruppen, die aus Deutschland nach Israel gehen, sind Fahrzeuge – also Autos, Busse und Lkws –, sowie Produkte der chemischen und der metallverarbeitenden Industrie.

Und umgekehrt?

Obwohl die israelischen Exporte nur knapp ein Drittel des Gesamtvolumens des deutsch-israelischen Warenhandels ausmachen, ist die Struktur ganz ähnlich: Wir exportieren ebenfalls viele Produkte der chemischen und der metallverarbeitenden Industrie, nur bei den Fahrzeugen sind wir schwächer, das sind meist Luftverkehrsmittel wie zum Beispiel Drohnen. Hinzu kommen landwirtschaftliche Produkte, die mit 3 Prozent zu Buche schlagen, sowie medizinisch-technische Apparate.

Wie sieht es im Dienstleistungssektor aus?

Grisha Alroi-Arloser ist Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv 2016 war das erste Jahr, in dem der Export an Dienstleistungen aus Israel nach Deutschland den Export an Waren übertroffen hat, wenn auch nur knapp. Im Dienstleistungsbereich gibt es einen deutlichen Exportüberschuss zugunsten Israels. Die israelischen Dienstleistungsexporte nach Deutschland machten 2016 fast 1,6 Milliarden Dollar aus, während die Dienstleistungsexporte von Deutschland nach Israel nur etwa 350 Millionen Dollar betrugen. Das Außenhandelsdefizit Israels wird von Jahr zu Jahr kleiner, weil die Deutschen mehr und mehr Software- sowie Forschungs- und Entwicklungsleistungen in Israel einkaufen.

Wirkt sich das auch auf die wechselseitigen Investitionstätigkeiten aus?

Wir haben vor kurzem anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer eine Studie zum Thema „Why do German companies invest in Israel? And why do Israeli firms invest in Germany?“ in Auftrag gegeben. Diese Studie analysiert mehr als 80 Direktinvestitionen in beiden Ländern, die deutlich zeigen, dass die israelischen Investitionen in Deutschland vor allem getrieben sind durch den Wunsch, den deutschen Markt mit eigenen Produkten und Dienstleistungen zu erreichen oder die eigenen Chancen im öffentlichen Beschaffungswesen der Bundesrepublik zu verbessern.

Die deutschen Investitionen in Israel sind getrieben vom Wunsch, an den israelischen Innovationen teilzuhaben.

Die deutschen Investitionen in Israel sind weniger von der Absicht des Marktzugangs geprägt, sondern vom Wunsch, Zugang zu israelischen Technologien für die eigene Nutzung zu bekommen oder am Innovations-Ökosystem Israels teilhaben zu können.

Wer engagiert sich mehr – die deutschen oder die israelischen Unternehmen?

In jüngster Zeit konnte man sehr deutlich beobachten, dass sich mehr und mehr deutsche Konzerne auf unterschiedlichste Weise in Israel engagiert haben. Das sind fast alles Unternehmen, die auch schon in den vergangenen 50 Jahren den israelischen Markt bedient haben – zum Beispiel Bosch, Siemens oder Henkel. Diese Firmen sind jetzt mit ihren Technologie-Scouting- und Risikokapital-Aktivitäten nach Israel gekommen und haben hier Innovationszentren gegründet. Dazu gehören die Deutsche Telekom, SAP, die Software AG, Merck, Axel Springer, Pro7, Innogy, VW, Mercedes, Porsche und BMW – um nur einige zu nennen.

Wie funktioniert das konkret?

Am Anfang kommt erst mal eine Person nach Israel, dann werden es sehr schnell zwei und drei und teilweise sogar noch mehr. Diese Leute sehen sich im Grunde von morgens bis abends Start-ups an, die in ihre Branche reichen, und versuchen, Technologien zu finden und abzugreifen sowie Kooperationen zu schaffen und zu investieren.

Und wie sieht es mit den israelischen Investitionen in Deutschland aus?

Da gibt es natürlich die große Investition von Teva, das 2010 den deutschen Hersteller Ratiopharm gekauft hat. Ansonsten gibt es kleinere israelische Investitionen sowie Übernahmen und Kooperationen, wo es um den bereits angesprochenen Marktzugang geht. Das spielt sich vor allem in der Sparte der Technologieunternehmen ab sowie im Bereich des Marketings mit dem Ziel, von Deutschland aus das europäische Ausland, Zentraleuropa und zum Teil sogar arabische Staaten beliefern zu können, die man aus Israel nicht direkt beliefern kann.

Es gibt also nicht nur einen deutschen Waren-, sondern auch einen deutschen Investitionsüberschuss im bilateralen Verhältnis?

Es gibt mehr Engagement von deutscher Seite in Israel, wobei die Zahlen eine andere Sprache sprechen. Die israelischen Investitionen in Deutschland sind in Dollar oder Euro gerechnet um ein Vielfaches höher als die deutschen Investitionen in Israel. Das liegt an der Mammutinvestition von Teva in Ratiopharm – das waren über 5 Milliarden Dollar – sowie an den vielen Immobilienengagements israelischer Anleger, die in Büros, Altenheime,Supermärkte und Einkaufszentren in Deutschland investieren.

Und in was genau investieren deutsche Unternehmen in Israel?

Vor drei Jahren hat die Axel Spinger AG die Onlineplattform yad2 übernommen, im Jahr 2016 hat VW 300 Millionen Euro in die Taxi-App Gett investiert. Ich bin mir sicher, dass die deutschen Investitionen in Israel noch zunehmen werden. Viele Entwicklungen rund um das autonome Fahren entstehen in Israel und die meisten deutschen Autohersteller haben ihre Fühler längst Richtung Tel Aviv ausgestreckt.

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