Demografischer Wandel Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Deutschlands Zukunft neu vermessen

Deutschlands Einwohnerzahl wird in den kommenden 15 Jahren kaum oder gar nicht zurückgehen, sagt das Statistische Bundesamt. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kommt in seiner neuen Bevölkerungsprognose zu einem anderen Ergebnis.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das IW Köln hat eine neue Bevölkerungsprognose erstellt.
  • Demnach wird Deutschland 2030 nur noch 78,7 Millionen Einwohner zählen – gut 2,2 Millionen weniger als in der Berechnung des Statistischen Bundesamts.
  • Der Schwerpunkt der Alterspyramide wird sich deutlich nach oben verschieben – dies hat gravierende ökonomische Folgen.
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Deutschland schrumpft und altert. Seit hierzulande über den demografischen Wandel diskutiert wird, also seit etwa dreißig Jahren, gilt diese Erkenntnis als Allgemeinplatz. Umso mehr Erstaunen hätte es eigentlich hervorrufen müssen, dass das Statistische Bundesamt dem Land aktuell zwar immer noch Alterungserscheinungen attestiert, aber von einem Bevölkerungsrückgang nichts mehr wissen will – zumindest nicht für die kommenden 15 Jahre (Grafik):

Laut Statistischem Bundesamt wird Deutschland im Jahr 2030 noch 79 bis 81 Millionen Einwohner haben, also kaum weniger als heute.

In der vorherigen Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2009 waren die Statistiker noch von einem Rückgang auf 77 bis 79 Millionen Bundesbürger ausgegangen. Der Hauptgrund für diese veränderten Perspektiven ist eine Korrektur der Nettozuwanderung nach oben: In seiner neuen Abschätzung geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass in der näheren Zukunft per saldo, also abzüglich der Auswanderer, etwa eine halbe Million Menschen pro Jahr kommt und sich die Nettozuwanderung erst später bei jährlich 100.000 oder 200.000 einpendelt.

Ganz so eindeutig ist die Sache jedoch nicht: Die vor kurzem veröffentlichte – methodisch anders vorgehende – Bevölkerungsprognose des IW Köln gibt keine Entwarnung. Das Institut hat die langfristigen Trends zu Geburtenrate, Sterblichkeit und Zuwanderung in separaten Zeitreihen fortgeschrieben und kommt so zu Ergebnissen mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit:

Das IW Köln rechnet vor allem mit einer geringeren Zuwanderung als die Wiesbadener. Der derzeit so starke Zustrom aus Südeuropa beruht schließlich auf der dortigen schlechten Wirtschaftslage. Sobald es wieder aufwärts geht, kommen voraussichtlich weniger Spanier und Portugiesen nach Deutschland.

Daran, dass die Gesellschaft altert, zweifelt zwar niemand mehr. Die IW-Prognose veranschaulicht aber noch einmal, wie stark sich der Altersschwerpunkt der Bevölkerungspyramide mit der sogenannten Babyboomer-Generation der heute um die 50-Jährigen nach oben verlagert (Grafik):

Im Jahr 2030 werden in Deutschland 7,4 Millionen 65- bis 70-Jährige leben – 2,5 Millionen mehr als 2012.

Heute sind rund 29 Millionen Bundesbürger jünger als 35 Jahre, im Jahr 2030 wird das lediglich noch auf 25,7 Millionen Deutsche zutreffen. Im Gegenzug werden jedoch 26,5 Millionen Menschen 60 Jahre und älter sein, während das Land derzeit nur 22,3 Millionen Ältere zählt. Diese Verschiebungen haben gravierende ökonomische Folgen:

  1. Kapitalmarkt. Viele Rentner werden ihr Vermögen verflüssigen, also vom einst angelegten Geld leben. Die Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten geht dadurch tendenziell zurück und die Kapitalrenditen geraten unter Druck.
  • Wohnungsmarkt. Auch und gerade ältere Menschen bevorzugen die gute Infrastruktur der Städte. In ländlichen Gebieten wird deshalb der Leerstand zunehmen, während in den Großstädten die Nachfrage nach Wohnraum weiter steigt und die Mieten sowie Kaufpreise nach oben treibt.
  • Arbeitsmarkt. Wenn die Babyboomer ab 2020 in den Ruhestand gehen, sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter deutlich – und die Fachkräfteengpässe verschlimmern sich.
  • Produkt- und Dienstleistungs­märkte. Die Unternehmen müssen sich auf die Konsumwünsche älterer Menschen einstellen. Wie konsumfreudig die künftigen Alten überhaupt sein werden, wird sich ohnehin erst noch zeigen. Recht wahrscheinlich ist eine Verschiebung des Kaufverhaltens weg von materiellen Gütern wie Kleidung und Technik hin zum Dienstleistungskonsum, angefangen von Wellnessangeboten bis zur Unterstützung im Haushalt.

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