Der Informationsdienst
des Instituts der deutschen Wirtschaft

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Bildung Lesezeit 4 Min.

Deutschland braucht mehr Technikunterricht

Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für ein technisches Studium – dabei ist die deutsche Industrie auf entsprechende Fachkräfte angewiesen. Die Wurzel des Problems: Technikunterricht spielt in den Schulen meist kaum eine Rolle.

Kernaussagen in Kürze:
  • In gleich zehn Bundesländern gibt es an den allgemeinbildenden Schulen im Schnitt insgesamt weniger als drei Wochenstunden Technikunterricht, im gymnasialen Bereich kommen nur vier Bundesländer auf mehr als eine Wochenstunde während der gesamten Schullaufbahn.
  • Grundsätzlich sollte Technik bis zum Ende der Sekundarstufe eins ein eigenständiges Pflichtfach mit einem Umfang von mindestens drei bis vier Wochenstunden sein.
  • Erste Schritte wären, Technik stärker als Wahlpflicht- oder Wahlfach in der Mittelstufe und der gymnasialen Oberstufe zu etablieren sowie in der Unter- und Mittelstufe echte technische Inhalte stärker in die naturwissenschaftlichen Fächer zu integrieren.
Zur detaillierten Fassung

Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung beruht zu einem wesentlichen Teil auf der hiesigen Industrie. Ob Maschinenbau, Automobilbranche oder Metall- und Elektro-Industrie: Die verschiedenen Bereiche des Verarbeitenden Gewerbes zeichnen sich durch große Innovationskraft aus und sichern so die Wettbewerbsfähigkeit des Landes.

Die Branchen leben davon, dass gut ausgebildete Ingenieure und technische Fachkräfte mit frischen Ideen auf dem Arbeitsmarkt nachrücken. Doch der Nachwuchs wird knapper:

Zwischen den Wintersemestern 2013/2014 und 2023/2024 ist die Zahl der inländischen Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften um fast 40 Prozent gesunken.

In den für die technische Produktentwicklung besonders relevanten Fächern Maschinenbau, Verfahrenstechnik, Elektrotechnik und Informationstechnik betrug das Minus sogar 52 Prozent.

Kaum Technikunterricht an Gymnasien

Dass sich immer weniger junge Menschen aus dem Inland in einem ingenieurwissenschaftlichen Fach einschreiben, dürfte zu großen Teilen daran liegen, dass solche Themen im Unterricht oft viel zu kurz kommen – wer in der Schule kaum mit Technik in Berührung kommt, entscheidet sich später eher nicht für ein Studium in diesem Bereich.

Vor allem an Gymnasien ist Technikunterricht selten: Ein entsprechendes eigenständiges Fach ist bislang in keinem Bundesland verpflichtend, Mischfächer mit Technikanteilen wie „Technik/Computer“ in Sachsen oder „Wirtschaft, Arbeit, Technik“ in Brandenburg und Bremen sind kaum verbreitet, technische Wahlfächer die Ausnahme statt der Regel. Vermeintlich technikorientierte Fächer wie „Natur und Technik“ in Bayern oder „Mensch-Natur-Technik“ in Thüringen enthalten in ihrem Lehrplan zudem kaum technische Unterrichtsinhalte, die über das hinausgehen, was auch bei einem rein naturwissenschaftlichen Unterricht zu erwarten wäre.

Technikunterricht spielt in den Schulen – vor allem an Gymnasien – in Deutschland kaum eine Rolle. Ein erster Schritt, um dies zu ändern, wäre, Technik stärker als Wahlpflicht- oder Wahlfach in der Mittelstufe und der gymnasialen Oberstufe zu etablieren.

Etwas besser sieht es im nicht gymnasialen Bereich aus. So ist der Technikunterricht in zwölf Bundesländern an allen anderen Schulformen in der Sekundarstufe eins verpflichtend, in Bayern und Nordrhein-Westfalen an allen außer den Realschulen. Vollständig verzichten nur Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf Pflichtunterricht in Technik. Darüber hinaus bieten die meisten nicht gymnasialen Schulen flächendeckend Technik als Wahlpflichtfach an.

Insgesamt gesehen setzt ein ostdeutsches Bundesland am stärksten auf technische Unterrichtsinhalte (Grafik):

Im Schnitt erhalten Schüler in Thüringen im Verlauf ihres Besuchs einer nicht gymnasialen Schule nahezu acht Wochenstunden Technikunterricht.

So viele Wochenstunden Technikunterricht erhalten Schüler im Durchschnitt insgesamt während ihres Besuchs der allgemeinbildenden Schulen Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Auf die insgesamt acht Wochenstunden kommt ein Schüler zum Beispiel, wenn er in vier Jahrgangsstufen jeweils zwei Schulstunden pro Woche Technikunterricht erhielt.

Rechnet man die Gymnasien hinzu, relativiert sich das Ganze aber schon etwas – Thüringen bleibt zwar Spitzenreiter, kommt über alle Schüler hinweg allerdings nur noch auf insgesamt rund fünf Wochenstunden. Der traurige Gesamtbefund:

In gleich zehn Bundesländern gibt es im Schnitt insgesamt weniger als drei Wochenstunden Technikunterricht, im gymnasialen Bereich kommen nur vier Bundesländer auf einen Wert von mehr als einer Wochenstunde während der gesamten Schullaufbahn.

Dass gerade die jungen Menschen, die später zur Bildungselite im Land gehören sollen, in ihrer Schulzeit meist keinen oder nur sehr wenig Technikunterricht erhalten, ist für eine Nation wie Deutschland, deren Wohlstand auf Technik basiert, ein Armutszeugnis. Das scheint auch die Bevölkerung so zu sehen:

Im Sommer 2025 waren in der IW-Personenbefragung gut drei Viertel der Erwachsenen dafür, Technikinhalte im Schulunterricht der Sekundarstufe eins zu stärken – nur rund 3 Prozent waren dagegen.

Grundsätzlich sollte Technik deswegen an allen allgemeinbildenden Schulen in Deutschland bis zum Ende der Sekundarstufe eins ein eigenständiges Pflichtfach mit einem Umfang von mindestens drei bis vier Wochenstunden sein – ein Ziel, das in der Praxis allerdings kurz- bis mittelfristig nicht zu erreichen sein dürfte. Vor allem an Gymnasien fehlt es derzeit noch an entsprechend ausgebildeten Lehrkräften, viele müssten erst entsprechende Studiengänge absolvieren oder zusätzliche Qualifikationen aufbauen.

Deshalb sind zunächst kleine Schritte nötig. Ein erster wäre, Technik stärker als Wahlpflicht- oder Wahlfach in der Mittelstufe und der gymnasialen Oberstufe zu etablieren – so könnten die Schulen das Unterrichtsangebot anfangs nach den bereits verfügbaren, fertig ausgebildeten Technik-Lehrkräften ausrichten. Parallel dazu sollten die Länder vor allem in der Unter- und Mittelstufe echte technische Inhalte stärker in ihren Lehrplänen zu den naturwissenschaftlichen Fächern integrieren.

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