Lohnstückkosten Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Deutschland bleibt teurer Standort

Die hohen Überschüsse im deutschen Außenhandel seien durch Lohnzurückhaltung erkauft, monieren Kritiker und fordern deshalb höhere Löhne. Doch der Blick auf die deutschen Lohnstückkosten zeigt, dass von einem Kostendumping weder aktuell noch langfristig die Rede sein kann.

Kernaussagen in Kürze:
  • Es wird behauptet, die deutsche Wirtschaft hätte sich durch übermäßige Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile verschafft und einseitig auf den Export gesetzt.
  • Im Schnitt erwirtschaftet die Industrie in den 25 wichtigsten Konkurrenzländern je Arbeitsstunde eine um 15 Prozent niedrigere Leistung als in Deutschland.
  • Die Lohnstückkosten der ausländischen Industrieunternehmen in den 25 bedeutendsten Konkurrenzländern sind im Schnitt fast 5 Prozent niedriger als die der deutschen Firmen.
Zur detaillierten Fassung

Auch wenn es zuletzt in den von Schulden und Rezession geplagten Euroländern wieder etwas aufwärts ging – einige Ökonomen mahnen, die Krise sei noch lange nicht vorbei. Und so werden wohl auch in diesem Jahr jene Stimmen nicht verstummen, die Deutschland eine gehörige Portion Mitschuld an den Problemen der Krisenstaaten geben.

Die Anklage lautet: Die deutsche Wirtschaft hat sich durch übermäßige Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile verschafft und einseitig auf den Export gesetzt. Die Binnennachfrage dagegen ist aufgrund der niedrigen Löhne zu schwach, sodass andere Länder nicht genug Güter nach Deutschland verkaufen können. Das verhindert die wirtschaftliche Erholung im Ausland. Folglich, so das Urteil, müssen die Arbeitsentgelte in Deutschland kräftig angehoben werden.

Diese Argumentation verkennt allerdings gleich zwei Fakten:

  1. Der Außenhandel hat das Wirtschaftswachstum in Deutschland im vergangenen Jahr sogar gebremst und wird dies voraussichtlich auch 2014 tun. Von einer einseitigen Exportausrichtung der deutschen Wirtschaft kann also keine Rede sein (vgl. iwd 48/2013).
  2. Deutschlands Handelsbilanz­überschuss gegenüber den anderen Euroländern ist zuletzt deutlich geschrumpft.

Der Sachverständigenrat für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung kommt daher zu dem Schluss, dass stark steigende Löhne in Deutschland die Konjunktur in den Krisenländern nicht ankurbeln könnten.

Ohnehin ist fraglich, ob die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft überhaupt so hoch ist, wie die Kritiker behaupten. Zwar punkten die hiesigen Industrieunter­nehmen mit ihrer Produktivität:

Im Schnitt erwirtschaftet die Industrie in den 25 wichtigsten Konkurrenzländern je Arbeitsstunde eine um 15 Prozent niedrigere Leistung als in Deutschland.

Von allen großen Industrie­nationen weisen nur die USA eine höhere Produktivität als die Bundesrepublik aus. Frankreich dagegen liegt um etwa 20 Prozent unter dem deutschen Wert, Italien sogar um 40 Prozent (Grafik).

Die Lohnstückkosten und die Produktivität im internationalen Vergleich. Dennoch reicht der deutsche Produktivitätsvorsprung nicht aus, um das Handicap der hohen deutschen Arbeitskosten auszugleichen. Denn im Schnitt produziert die Industrie im Ausland zu Löhnen und Lohnnebenkosten, die um 19 Prozent unter dem deutschen Niveau liegen. Daraus ergibt sich:

Die Lohnstückkosten der ausländischen Industrieunternehmen in den 25 bedeutendsten Konkurrenzländern sind im Schnitt fast 5 Prozent niedriger als die der deutschen Firmen.

Blickt man nur auf die hier untersuchten EU-Staaten, dann sind die Arbeitskosten im Verhältnis zur Produktivität dort im Mittel zwar um knapp 2 Prozent höher als in der Bundesrepublik. Dahinter verbirgt sich jedoch eine große Spannweite. In Großbritannien und Frankreich etwa sind die Lohnstückkosten um ein Fünftel bzw. ein Sechstel höher als in Deutschland, dagegen produzieren kleine, aber gleichwohl exportstarke Industriestaaten wie die Niederlande zu deutlich geringeren Kosten.

Ohnehin lässt sich vom Niveau der Lohnstückkosten nur zum Teil auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes schließen. Fertigen die Industriefirmen zum Beispiel große Gütermengen auf sehr teuren Maschinen und mit einem hohen Automatisierungsgrad, dann können die Lohnstückkosten niedrig sein, ohne dass daraus eine hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit folgt. Denn in diesem Fall müssen die Unternehmen zugleich hohe Kapitalkosten für den Maschinenpark schultern.

Um mögliche Verschiebungen der Wettbewerbspositionen zu erfassen, sollte man auch die Entwicklung der Lohnstückkosten im In- und Ausland vergleichen. Doch auch dies offenbart kein Lohndumping der deutschen Industrie (Grafik):

Seit 1991 sind die Lohnstückkos­ten im deutschen Verarbeitenden Gewerbe insgesamt um gut 4 Prozent gestiegen. Im Ausland legten die Kos­ten je Produkteinheit auf Euro-Basis um 2 Prozent zu, in nationaler Währung stagnierten sie sogar.

Die Lohnstückkosten der ausländischen Industrieunternehmen sind im Schnitt fast 5 Prozent niedriger. Dass sich Deutschland dennoch den Vorwurf anhören muss, die Löhne gedrückt zu haben, liegt an der zwischenzeitlichen Entwicklung der Lohnstückkosten. Während sie im Ausland auf Basis der nationalen Währungen im Schnitt fast durchgängig konstant blieben und nur durch die Weltwirtschaftskrise in Bewegung gerieten, glich das Bild in Deutschland einer Achterbahnfahrt: Besonders prägend für das deutsche Image im Ausland waren offenbar die Jahre 2003 bis 2007, als die Lohnstückkosten um ein Siebtel sanken. Damals reagierte die Politik auf den aufgestauten Reformdruck mit der Agenda 2010 und vor allem den Hartz-Reformen. Damit bekam das Ziel, mehr Menschen einen Arbeitsplatz zu verschaffen, Vorrang vor Lohnerhöhungen.

Dieser Reformkurs verbesserte die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands tatsächlich und ließ die hiesige Wirtschaft recht gut durch die anschließende weltweite Krise kommen. Doch gerade in jüngster Zeit haben die Lohnstückkosten wieder angezogen, sodass unterm Strich kein Kostenvorteil gegenüber dem Ausland festzustellen ist.

Christoph SchröderProduktivität und Lohnstückkosten der Industrie im internationalen VergleichIW-Trends 4/2013

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de