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Deutsche werden sesshaft

Die Zeiten, in denen die Bundesbürger den Ausbildungs- und Arbeitsplätzen hinterherwanderten, sind offenbar vorbei. Dafür kommen neuerdings so viele Migranten ins Land wie schon lange nicht mehr. Sie zieht es vor allem in die Arbeitsplatzhochburgen im Süden Deutschlands und nach Nordrhein-Westfalen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Zeiten, in denen die Bundesbürger den Ausbildungs- und Arbeitsplätzen hinterherwanderten, sind offenbar vorbei, doch dafür kommen neuerdings so viele Migranten ins Land wie schon lange nicht mehr.
  • Im Jahr 2002 wanderten insgesamt noch 141.650 Menschen von einem in ein anderes Bundesland – 2012 belief sich die Zahl nur auf 43.640.
  • Mit per saldo 437.000 Immigranten ist nach vorläufigen Zahlen im Jahr 2013 die höchste Zuwanderung seit 1993 erzielt worden.
Zur detaillierten Fassung

Während die Zahl der Migranten aus dem Ausland sprunghaft ansteigt und die wachsende Bevölkerung insbesondere in den angesagten Großstädten zu Engpässen auf dem Wohnungsmarkt führt (vgl. iwd 3/2014 und 21/2014), haben sich die Wanderungen zwischen den Bundesländern zuletzt stark verringert.

Noch vor zehn Jahren verließen viele Ostdeutsche wegen fehlender Ausbildungsplätze und Jobs ihre Heimat und gingen bevorzugt nach Süddeutschland, wo das Angebot größer war. Folglich nahm in Bayern und Baden-Württemberg die Bevölkerung per saldo im Jahr 2002 um je 40.000 Personen zu. Sachsen-Anhalt und Sachsen verloren dagegen jeweils mehr als 20.000 Einwohner.

Im Jahr 2002 wanderten insgesamt noch 141.650 Menschen von einem in ein anderes Bundesland – 2012 belief sich die Zahl nur auf 43.640.

Die Zahlen von 2002 sind allerdings durch den Sonderfall Niedersachsen überzeichnet: Damals kamen noch rund 90.000 Spätaussiedler ins Land, die zunächst meist im niedersächsischen Friedland aufgenommen wurden und danach in andere Bundesländer weiterzogen.

Heute ziehen eigentlich nur noch Bayern und Berlin mit 15.500 beziehungsweise 12.100 Netto-Zuzüglern in nennenswertem Umfang Menschen aus anderen Bundesländern an. Und auch die Abwanderung aus dem Osten kommt allmählich zum Stillstand. Die neuen Bundesländer (ohne Berlin) verloren 2012 nur noch 14.800 Einwohner; Brandenburg und Sachsen stehen sogar schon auf der Gewinnerseite.

Dagegen macht jetzt ein Land im Westen die Erfahrung, dass Menschen ihre Heimat verlassen, wenn anderswo attraktive Jobs locken – Nordrhein-Westfalen. Von dort zogen 2012 rund 16.000 Personen in ein anderes Bundesland – dieser Verlust war damit höher als in allen fünf Ostländern zusammen.

Die ökonomischen Bedingungen sind also weiterhin ein wesentlicher Treiber der Inlandsmigration. Angesichts der insgesamt günstigeren Arbeitsmarktlage ist die Notwendigkeit, anderswo eine Stelle anzutreten, jedoch geringer als früher.

Auch die demografische Entwicklung hat dazu beigetragen, dass aus den Binnenwanderungsströmen ein Rinnsal geworden ist. Aus dem Osten machten sich nach der Wende vor allem junge Menschen auf den Weg nach Westen, um sich dort einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle zu suchen.

Die Baby-Baisse der Nachwendezeit – in den neuen Bundesländern war die Geburtenzahl von 1990 bis 1994 um mehr als die Hälfte auf knapp 80.000 gesunken – hat nun aber dazu geführt, dass den kleineren Abgangsklassen rechnerisch genügend Lehrstellen und Jobs zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig kommen verstärkt junge Menschen aus dem Westen, um an den weniger überlasteten ostdeutschen Hochschulen zu studieren. Im Wintersemester 2013 stammten in Thüringen vier von zehn Studenten aus den Westländern oder aus dem Ausland. In Sachsen, dem größten ostdeutschen Bundesland, kam sogar die Hälfte der 21.000 Studienanfänger von anderswo. Ein Rückgang der Studentenzahlen aufgrund der schwächeren Abiturjahrgänge konnte so verhindert werden.

Bekräftigt werden diese Befunde, wenn man die stärksten Wanderungsströme zwischen den Bundesländern betrachtet (Grafik). Demnach zieht es Rheinländer und Westfalen vor allem in den prosperierenden Süden der Republik. Aber auch Berlin ist für die Bürger aus Nordrhein-Westfalen ein attraktives Ziel. Speziell junge Leute und Kreative lieben die Hauptstadt.

Berlin selbst verliert nur an ein Bundesland Einwohner, nämlich an Brandenburg. Wegen der günstigen Mieten und Baulandpreise – bei gleichzeitig recht guten Verkehrsanbindungen – ziehen mehr Menschen in den Speckgürtel als von dort in die Hauptstadt. Ähnliches gilt für Hamburg und sein Umland. Und auch Berlin nimmt Hamburg Einwohner weg.

Der Rückgang der Binnenmigration wird neuerdings durch einen anderen Trend überlagert. Seit Beginn der europäischen Krise nimmt die Zuwanderung nach Deutschland stetig zu (Grafik).

Mit per saldo 437.000 Immigranten ist nach vorläufigen Zahlen im Jahr 2013 die höchste Zuwanderung seit 1993 erzielt worden.

Wie sich der Wind gedreht hat, macht ein kurzer Blick zurück deutlich. Noch Anfang des Jahrtausends galt Deutschland als der kranke Mann Europas. Dementsprechend wurde es Zug um Zug vom Ein- zum Auswanderungsland. Im Jahr 2008 verließen unter dem Strich rund 56.000 Personen die Bundesrepublik, im Jahr darauf weitere 13.000 Menschen.

Die neue Einwanderungswelle ist vor allem für Süddeutschland ein Glücksfall. Polen, Spanier, aber auch Rumänen lindern dort den Arbeitskräftemangel – und ersetzen somit die Sachsen oder Thüringer, die jetzt nicht mehr kommen.

Interessanterweise kann NRW mit mehr als 81.000 ausländischen Migranten seine Binnenabwanderung mehr als ausgleichen. Die große Zahl der Zuzügler erklärt sich zum einen damit, dass viele Ausländer bevorzugt dorthin gehen, wo sie bereits Bekannte und Verwandte haben und eine entsprechende Infrastruktur wie zum Beispiel Läden und Kultureinrichtungen vorfinden – und Nordrhein-Westfalen ist schon seit langer Zeit ein Ziel für Menschen aus Osteuropa und dem Süden der Europäischen Union.

Zum anderen ist Nordrhein-Westfalen das bevölkerungsreichste Bundesland und muss von daher auch die meisten Asylbewerber aufnehmen. So wurde 2012 rund jeder fünfte der 65.000 Antragsteller in NRW untergebracht.

Ein Phänomen ist Berlin, das ungeachtet der immer noch hohen Arbeitslosigkeit – im April 2014 betrug die Quote 11,4 Prozent – bei der Binnen- wie Außenmigration weit oben auf der Zielliste steht. Während in München oder Frankfurt der gut bezahlte Job Grund für den Zuzug ist, spricht für Berlin offenbar die Stadt selbst. Im Jahr 2013 zogen 34.000 Menschen aus dem In- und Ausland neu in die weltweit gehypte deutsche Hauptstadt.

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