Investitionen Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Der Wohlstand wird ausgebremst

Deutsche Unternehmen investieren seit einigen Jahren eher verhalten in neue Maschinen und Geräte. Das bremst das Produktivitätswachstum – und gefährdet damit mittelfristig den Wohlstand. Die Gründe für den Inves­titionsattentismus sind nicht nur weltpolitischer Natur, sondern vielfach hausgemacht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Jahr 2012 sind die Investitionen in neue Maschinen, Geräte, Fahrzeuge und Produktionsanlagen preisbereinigt um 3 Prozent und im Jahr 2013 um 2,4 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2014 sind sie um 3 Prozent gewachsen.
  • Das Bruttoanlagevermögen stagniert bereits seit dem Jahr 2008 – die längste Phase ohne Kapitalaufbau seit 1991.
  • Hauptursache für die Investitionszurückhaltung der Unternehmen sind einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zufolge die großen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland hat zweifellos ein Ausrüstungsproblem: Im Jahr 2012 sind die preisbereinigten Investi­tionen in neue Maschinen, Geräte, Fahrzeuge und ganze Anlagen um
3 Prozent und im Jahr 2013 nochmals um 2,4 Prozent zurückgegangen. Klammert man die stark schwankenden Investitionen in Fahrzeuge aus, dann steht 2012 zwar noch mit einem kleinen Investitionsplus von 0,4 Prozent in den Büchern, dafür belief sich das Minus im Jahr darauf auf 2,7 Prozent.

Für 2014 ist bei den realen Ausrüstungen immerhin ein Zuwachs von rund 3 Prozent zu verzeichnen. Das Plus ist allerdings vor allem dem guten ersten Quartal im Jahr 2014 zu verdanken. Anschließend gaben die Ausrüstungsinvestitionen wieder merklich nach.

Auch die Entwicklung des Kapitalstocks liefert ein Indiz dafür, dass die Unternehmen eher zurückhaltend investieren. Denn real, also nach Abzug der Teuerung, stagniert das Bruttoanlagevermögen in Maschinen und Geräten bereits seit dem Jahr 2008 (Grafik). Das ist die längs­te Phase ohne einen Kapitalaufbau seit 1991 – nur im Zeitraum von 2002 bis 2005 war eine ähnliche Situation zu beobachten.

Warum aber stocken die Unternehmen ihr Sachkapital nicht weiter auf? Eine Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) von 2.900 Unternehmen im Herbst 2014 hat versucht, diese Frage zu beantworten. Demnach leiden die Investitionen vor allem unter den großen weltwirtschaftlichen Unsicherheiten (Grafik):

  • Niemand weiß, wie der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ausgeht.
  • Das Wachstum in den großen und mittlerweile auch ökonomisch gewichtigen Schwellenländern schwächelt. Wann sich diese Länder über strukturelle Anpassungen wieder nach oben arbeiten, lässt sich nicht vorhersagen.

In China zum Beispiel sorgt seit geraumer Zeit in hohem Maße der Staat für Wachstum. Ganze Städte wurden im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt sowie Straßen und Bahnlinien neu oder ausgebaut. Und die Exportwirtschaft profitierte von Wechselkursmanipulationen.

Jetzt geht es auf diesem Weg aber nicht mehr weiter, denn der Bedarf an neuen Wohnungen und Verkehrswegen ebbt ab und die chinesischen Unternehmen müssen sich zunehmend dem Wettbewerb stellen. Das geht allerdings nur über Innovationen, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Damit würden sich auch die Pers­pektiven der deutschen Exportwirtschaft verbessern – mit positiven Rückwirkungen auf deren Investi­tionsneigung.

  • Wie es in der Eurozone weitergeht, ist ebenfalls schwer zu sagen. Insbesondere die anhaltende Schwäche von großen Volkswirtschaften wie Frankreich und Italien blockiert Investitionen – denn nach wie vor sind diese Länder sehr große Absatzmärkte für die deutschen Export­unternehmen. Hinzu kommt:

Die zögerlichen Strukturreformen in vielen Euroländern erhöhen die Gefahr einer langen Phase schwachen Wachstums – das dämpft die Investitionsneigung der deutschen Unternehmen zusätzlich.

Die investiven Rahmenbedingungen haben sich aber auch in Deutschland selbst verschlechtert. Für die Hälfte der befragten Firmen zählen dazu vor allem die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten. Die Frühverrentung, der Mindestlohn mit seinen umfangreichen Dokumentationspflichten und die geplante strengere Regulierung der Zeitarbeit schaffen ebenfalls zusätzliche Kosten für die Unternehmen – und verringern deren Investitionserträge.

Konkret fühlt sich fast die Hälfte der Firmen bei ihren Investitionen durch das Arbeitsrecht ausgebremst. Ausufernde Genehmigungsverfahren und hohe Unternehmenssteuern sind für 43 beziehungsweise 35 Prozent der Unternehmen Investitionshürden.

Bevor sich die Politik also an teuren Investitionsprogrammen verausgabt, sollte sie sich bemühen, die Angebotsbedingungen für Unternehmen in Deutschland wieder zu verbessern. Dies fördert die Investitionsanreize und stärkt damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft – und hilft über die engen europäischen Wertschöpfungsketten auch Deutschlands Partnerländern in Europa.

Das IW Köln empfiehlt den wirtschaftspolitisch Verantwortlichen deshalb, Reformen auf drei Ebenen anzugehen:

1. Kosten in den Griff bekommen. Deutschland ist ein Hochkostenland. Das gilt nicht nur für die Arbeitskosten (vgl. iwd 3/2015), sondern auch für Energie. Allein die deutsche EEG-Umlage ist höher als der Industriestrompreis in den USA. Eine Reduktion dieser Sonderbelas­tung ist ebenso notwendig wie mehr Planungssicherheit für energieintensive Unternehmen.

2. Flexibilität erhalten. Die Politik muss ihr Versprechen einlösen, Bürokratie und Vorschriften abzubauen. So könnte zum Beispiel für jede neue bürokratische Regelung eine andere gestrichen werden.

3. Grundlagen für künftiges Wachstum schaffen. Die Infrastruktur in Deutschland ist noch gut und soll es bleiben. Deshalb muss beständig und effektiv in Straßen und Schienen investiert werden – nicht nur im Rahmen von Hauruck-Programmen. Zudem muss das Breitbandnetz ausgebaut werden. Die Mittel für eine ordentliche Infrastruktur sind da – die Politik muss Prioritäten setzen. Einen Grund für Steuererhöhungen gibt es nicht.

Fortsetzen müssen Regierung und Unternehmen auch ihre Anstrengungen in Sachen Qualifizierung. Denn ein wachsender Mangel an Fachkräften kann sich zu einem ausgemachten Investitionshindernis entwickeln. Besonders wichtig sind die duale Berufsausbildung und die Hochschulausbildung vor allem in den sogenannten MINT-Berufen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de