Doppelinterview Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

„Der Papierkram ist für die Unternehmen eine Zumutung“

Mithilfe von 150 Willkommenslotsen unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium kleine und mittlere Unternehmen in allen praktischen Fragen der Flüchtlingsintegration. Birgit Barfuß ist eine dieser Lotsinnen. Auf ihren Job vorbereitet hat sie das KOFA-Team des IW Köln, zu dem Sarah Pierenkemper gehört. Im iwd-Interview berichten die beiden, welche organisatorischen und kulturellen Hürden bei der Vermittlung von Flüchtlingen zu überwinden sind.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im iwd-Interview berichten Birgit Barfuß vom Bildungswerk BAU Hessen-Thüringen und Sarah Pierenkemper vom KOFA-Team des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln von ihren Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.
  • Willkommenslotsen wie Birgit Barfuß bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen den Arbeitsagenturen, den Ausländerbehörden und den Unternehmen.
  • Die Unternehmen benötigen vor allem Hilfe bei der Bewältigung des vielen Papierkrams.
Zur detaillierten Fassung

Frau Barfuß, Sie arbeiten seit einem Jahr als Willkommenslotsin. Wie vielen Flüchtlingen haben Sie bisher zu einem Job verholfen?

Barfuß: Die Zahlen sind noch relativ gering, weil es Monate der Vorbereitung gebraucht hat. Doch jetzt läuft es richtig an und es gibt Phasen, in denen ich fast täglich einen Vorstellungstermin für einen Geflüchteten ausmachen kann. Insgesamt habe ich knapp 100 Vermittlungsaktivitäten gestartet, inklusive der Praktikantenstellen.

Frau Pierenkemper, es gibt in Deutschland 150 Willkommenslotsen, denen rund 450.000 arbeitsuchende Flüchtlinge gegenüberstehen. Wie soll das gehen?

Pierenkemper: Auf den ersten Blick scheint das nicht realistisch zu sein, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Außerdem geht es ja im Moment auch darum, die Unternehmen für das Thema erst mal zu sensibilisieren. Hinzu kommt, dass es neben den Willkommenslotsen auch noch eine Reihe von Länderprogrammen sowie regionalen Programmen gibt, die sich ebenfalls um die Integration der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt bemühen.

Frau Barfuß, können Sie sich noch an Ihre erste erfolgreiche Vermittlung erinnern?

Barfuß: Ja, denn das ist wirklich ideal gelaufen: Ein junger Somalier hat bei einem ganz kleinen Betrieb hier in Frankfurt, der von einem betagten Senior geführt wird, zuerst ein Praktikum absolviert. Momentan durchläuft er dort eine Einstiegsqualifizierung, demnächst kann er in diesem Betrieb eine Ausbildung als Fliesenleger beginnen. Es gab zwar immer wieder Komplikationen wegen falscher Amtsbescheide und auch mit dem Antrag der Einstiegsqualifizierung, doch dieser Flüchtling hat einen ganz tollen ehrenamtlichen Betreuer, der immer wieder hilft, solche Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Und wie ist es mit Misserfolgen?

Barfuß: Ein junger Afghane, der ebenfalls eine Einstiegsqualifizierung als Fliesenleger hätte beginnen können, hat diese aus heiterem Himmel abgesagt, weil er eine Frau kennengelernt hatte, die er heiraten wollte. Er meinte, er bräuchte nun ganz viel Geld und wolle deshalb lieber als Teppichverkäufer arbeiten. Keiner konnte ihn davon überzeugen, nicht sofort zu heiraten oder die Qualifizierungsmaßnahme doch noch zu absolvieren.

Verstehen Sie sich als Ansprechpartnerin für Flüchtlinge oder als Anlaufstelle für jene Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen wollen?

Barfuß: Für die Willkommenslotsen gibt es eine ganz klare Aufgabenbeschreibung: Wir sind Ansprechpartner für die Unternehmen.

Für die Willkommenslotsen gibt es eine ganz klare Aufgabenbeschreibung: Wir sind Ansprechpartner für die Unternehmen.

Warum überlässt man diese Aufgabe nicht den Bundesagenturen für Arbeit?

Pierenkemper: Die Willkommenslotsen bilden ja genau die Schnittstelle zwischen den Arbeitsagenturen, den Ausländerbehörden und den Unternehmen. Sie sollen den Prozess, Flüchtlinge in eine Ausbildung oder in Arbeit zu bringen, einfacher gestalten. Gerade kleine und mittlere Betriebe können diese Aufgabe kaum allein bewältigen.

Warum brauchen Unternehmen, die Flüchtlinge einstellen wollen, Hilfe?

Barfuß: Wegen des vielen Papierkrams! Jede Stelle – ob es nun die Ausländer-, die Sozialbehörden oder die Bundesagenturen für Arbeit sind – arbeitet anders. Sich da jedes Mal von Neuem durchzuwursteln, das kann man den Unternehmen nicht zumuten.

Wie können sich die Willkommenslosten auf diese Willkür einstellen, dass einige Behörden und Arbeitsagenturen dieselben Vorgänge in unterschiedlicher Weise handhaben?

Pierenkemper: Das hat nichts mit Willkür zu tun, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass diese Einrichtungen bei ihren Entscheidungen teilweise einen Ermessensspielraum innerhalb der rechtlichen Vorgaben haben und es regionale Unterschiede gibt. Deshalb ist es aus unserer Sicht besonders wichtig, dass die Willkommenslotsen den persönlichen Kontakt zu den Mitarbeitern in Behörden und Arbeitsagenturen suchen.

Die Willkommenslotsen sollten den persönlichen Kontakt zu den Mitarbeitern in Behörden und Arbeitsagenturen suchen.

Die Basisschulung zum Willkommenslotsen dauert einen Tag. Was lässt sich innerhalb so kurzer Zeit vermitteln?

Pierenkemper: Die Teilnehmer kommen mit einem profunden Vorwissen rund um das Thema Flüchtlinge in die Schulungen. Im Rahmen der Schulung geben wir ihnen so etwas wie einen Werkzeugkoffer an die Hand: Informationen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen, zu Initiativen und Förderprogrammen sowie dazu, wie man sich richtig vernetzt. Außerdem haben wir eine Hotline eingerichtet, bei der Willkommenslotsen auch nach der Schulung dringende Fragen sofort klären können.

Wie finden Willkommenslotsen Kontakt zu Flüchtlingen?

Barfuß: Die meisten Flüchtlinge lerne ich durch Projekte wie „Wirtschaft integriert“ kennen. Auch in unserem jährlich stattfindenden „BauCamp“, bei dem sich Jugendliche zwei Wochen lang über Ausbildungsberufe in der Bauwirtschaft informieren können, machen Menschen mit Fluchthintergrund mit. Und schließlich komme ich noch durch das Bildungswerk der hessischen Wirtschaft und durch Flüchtlingsorganisationen mit ihnen in Kontakt.

Viele Betriebe möchten am liebsten anerkannte Flüchtlinge beschäftigen, deren Aufenthaltsstatus gesichert ist und die keine Abschiebung zu befürchten haben.

Barfuß: Das ist für die Flüchtlinge keine Option. Sie können nicht erst dann anfangen, eine berufliche Perspektive zu suchen, wenn über ihren Status definitiv entschieden wurde. Denn das kann Jahre dauern.

Die Finanzierung der Willkommenslotsen durch das Bundeswirtschaftsministerium und andere Träger läuft voraussichtlich Ende 2018 aus. Wie geht es danach weiter?

Pierenkemper: Wir wissen momentan nicht, ob und wie die Finanzierung weiterlaufen wird. Aber bis dahin können die Unternehmen ja noch besser lernen, wie sie Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen meistern. Denn auch im Jahr 2019 wird die Integration von Flüchtlingen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de