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Der Vergleich hinkt

Die angekündigten Arbeitsmarktreformen in Frankreich werden oftmals mit den durchgreifenden Reformen der Agenda 2010 gleichgesetzt – zu Unrecht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die angekündigten Arbeitsmarktreformen in Frankreich werden oftmals mit den durchgreifenden Reformen der Agenda 2010 gleichgesetzt – zu Unrecht.
  • Zwischen 1992 und 2012 entstanden in Frankreich 3,7 Millionen neue Jobs – ein Plus von 17 Prozent. In der Bundesrepublik betrug der Zuwachs an Stellen lediglich 3,1 Millionen bzw. 8,6 Prozent.
  • Heute arbeiten rund 71 Prozent der 15- bis 64-jährigen Franzosen – im Jahr 1992 waren es erst 67 Prozent.
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Die von der Hartz-Kommission entwickelten und von der rot-grünen Bundesregierung in den Jahren 2003 bis 2005 durchgeführten Arbeitsmarktreformen haben die Arbeitslosigkeit in Deutschland spürbar reduziert. Der französische Arbeitsmarkt indes kränkelt vor sich hin (Grafik). Dabei konnte das Nachbarland in den vergangenen 20 Jahren durchaus beschäftigungspolitische Erfolge verzeichnen – einige davon stellen sogar die deutschen Ergebnisse in den Schatten:

Zwischen 1992 und 2012 entstanden in Frankreich 3,7 Millionen neue Jobs – ein Plus von 17 Prozent. In der Bundesrepublik betrug der Zuwachs an Stellen lediglich 3,1 Millionen bzw. 8,6 Prozent.

Dass die Arbeitslosigkeit westlich des Rheins trotzdem nicht gesunken ist, hat auch mit der Bevölkerungsentwicklung in Frankreich zu tun, die ganz anders verläuft als hierzulande. Während in Deutschland die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 1992 bis 2012 um knapp 600.000 Personen auf 53,9 Millionen sank, nahm sie jenseits des Rheins im selben Zeitraum um 3,6 Millionen auf 40 Millionen zu.

Heute arbeiten rund 71 Prozent der 15- bis 64-jährigen Franzosen – im Jahr 1992 waren es erst 67 Prozent.

Die demografische Entwicklung und die zunehmende Erwerbsneigung der Bevölkerung erklären allerdings nur einen Teil der Arbeitsmarktmalaise in Frankreich. Denn die Regierung hat lange Zeit ihre arbeitsmarktpolitischen Hausaufgaben nicht gemacht. Für die hohe Arbeitslosigkeit ist zudem auch der hohe Mindestlohn in Frankreich verantwortlich (vgl. iwd 14/2014). Dieser gilt – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auch für Jugendliche. Als Folge davon ist die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen in Frankreich mit 25 Prozent mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland – obwohl in Frankreich die Zahl der Jugendlichen zwischen 1990 und 2013 von 8,6 auf 7,9 Millionen geschrumpft ist.

Weil Arbeit zu teuer ist, will Präsident François Hollande mit seinem Programm „Pakt der Verantwortung“ die Unternehmen entlasten, indem er ihre Sozialversicherungsbeiträge um 30 Milliarden Euro reduziert. Darüber hinaus sollen Unternehmenssteuern gesenkt und Bürokratie abgebaut werden. Im Gegenzug sollen die Arbeitgeber mehr qualifizieren und konkrete Arbeitsplatzzusagen machen.

Das Programm geht zwar in die richtige Richtung. Denn anders als in Deutschland teilen sich französische Unternehmen die Sozialversicherungsbeiträge nicht hälftig mit ihren Mitarbeitern, sondern die Firmen müssen einen Beitragssatz von mehr als 25 Prozent für die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung schultern.

Mit den Reformen der Agenda 2010 kann Frankreich dennoch nicht mithalten. So bleiben etwa die vergleichsweise großzügigen Leistungen der Arbeitslosenversicherung unangetastet. In Frankreich bekommen Arbeitslose zwei Jahre lang Arbeitslosengeld, über 50-Jährige sogar drei Jahre lang. In Deutsch­land müssen sich Arbeitslose dagegen schon nach spätestens zwölf Monaten (Ältere nach 24 Monaten) mit dem wesentlich niedrigeren Arbeitslosengeld II bescheiden – der Anreiz, sich rasch um einen neuen Job zu kümmern, ist damit größer.

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