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Der Staat muss Perspektiven bieten

Die Zahl der Asylbewerber in Deutschland ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Viele von ihnen sind jung, ein großer Teil nicht einmal volljährig. Um sich integrieren zu können, brauchen die Flüchtlinge möglichst schnell eine Ausbildungs- und Arbeitsperspektive. Dazu muss der Staat allerdings einige rechtliche Hindernisse abbauen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im ersten Halbjahr 2015 wurden in Deutschland fast 172.000 neue Asylbewerber gezählt, die meisten davon aus den Westbalkanstaaten und Syrien.
  • Fast 137.000 Asylantragsteller waren jünger als 35 Jahre, nahezu 50.000 davon sogar höchstens 17 Jahre alt.
  • Um den Asylbewerbern bessere Arbeitsmarktperspektiven zu eröffnen, müsste der Staat unter anderem die sogenannte Vorrangprüfung abschaffen, den Zugang zur Hochschule erleichtern und die Abschiebung für ältere Auszubildende aussetzen.
Zur detaillierten Fassung

Kriege, politische Verfolgung, wirtschaftliche Misere – in einigen Teilen der Welt sehen immer mehr Menschen für sich keine Zukunft mehr. Die Folge: Kamen 2012 knapp 348.000 Asylbewerber in die EU sowie in die Schweiz, nach Norwegen, Island und Liechtenstein, waren es 2014 schon gut 662.000. Und allein im ersten Halbjahr 2015 sind weitere 373.000 Asylanträge gestellt worden.

Vor allem nach Deutschland zieht es immer mehr Flüchtlinge (Grafik):

Im Frühjahr 2012 stellten pro Monat weniger als 5.000 Menschen einen Asylantrag in Deutschland – im Juni 2015 waren es mehr als 35.000.

Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 2015 in der Bundesrepublik fast 172.000 neue Asylbewerber gezählt. Allein 31.500 stammten aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien. Mit insgesamt 47 Prozent machten allerdings Menschen aus den Westbalkanstaaten den größten Teil der Asylbewerber aus. Sie dürften vor allem aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Lage geflohen sein. Ihre Chancen auf Asyl sind entsprechend gering.

Andere dürfen dagegen meist in Deutschland bleiben. Im ersten Halbjahr 2015 sind beispielsweise fast 94 Prozent aller Asylbescheide an syrische Staatsbürger positiv ausgefallen. Doch bis zu einer solchen Entscheidung müssen die Asyl­bewerber zum Teil recht lange warten. Trotz rückläufiger Tendenz dauerte ein Asylverfahren nach den neuesten offiziellen Zahlen im Schnitt noch 6,6 Monate. Ob dieser Wert angesichts der vielen Anträge gehalten werden kann, ist allerdings zu bezweifeln.

Für die Integration der Flüchtlinge ist es jedoch sehr wichtig, dass sie möglichst schnell einen Zugang zum Arbeitsmarkt oder zu einer Ausbildung bekommen. Dies gilt umso mehr, als viele Flüchtlinge sehr jung sind (Grafik):

Fast 137.000 der Menschen, die im ersten Halbjahr 2015 einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, waren jünger als 35 Jahre – und annähernd 50.000 davon waren höchstens 17 Jahre alt.

Das Potenzial dieser Menschen sollte nicht erst dann zum Tragen kommen, wenn der Asylantrag positiv beschieden wurde. Derzeit aber dürfen Asylbewerber in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland grundsätzlich nicht erwerbstätig sein. Und vom vierten bis 15. Monat ist dies unter anderem nur möglich, wenn die Bundesagentur für Arbeit in einer sogenannten Vorrangprüfung feststellt, dass für die betreffende Stelle kein einheimischer Bewerber zur Verfügung steht.

Auch der Zugang zum Bildungssystem ist eingeschränkt. Zwar dürfen Asylbewerber direkt nach ihrer Einreise die Schule besuchen. Doch im weiteren Bildungsverlauf wird es schwieriger. Ein Studium ist zwar aufenthaltsrechtlich generell erlaubt, die Immatrikulationsregelungen an manchen Hochschulen geben Asylbewerbern aber faktisch kaum eine Chance auf einen Studienplatz. Dies gilt insbesondere für die Hochschulen in Berlin.

Das berufliche Bildungssystem steht den Asylbewerbern nach den ersten drei Monaten Aufenthalt zwar offen – doch wessen Asylantrag negativ beschieden wird, der kann seine berufliche Ausbildung nur dann abschließen, wenn er sie im Alter von unter 21 Jahren begonnen hat. Älteren Azubis droht die Abschiebung.

Viele Bildungsangebote für Asylbewerber beruhen auf ehrenamtlichem Engagement und helfen den Neuankömmlingen vor allem dabei, Deutsch zu lernen. Von einem flächendeckenden Angebot kann aber keine Rede sein – nicht einmal an den staatlichen Integrationskursen dürfen Asylbewerber teilnehmen.

Um den Asylbewerbern bessere Arbeitsmarktperspektiven zu eröffnen, müsste der Staat daher an einigen rechtlichen Schrauben drehen:

  1. Vorrangprüfung abschaffen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt sollte die Integrationsperspektiven der Asylbewerber berücksichtigen – und nicht zuerst hiesige Fachkräfteengpässe. Daher sollte die Prüfung, ob für eine freie Stelle nicht auch einheimische Bewerber verfügbar wären, abgeschafft werden.
  2. Hochschulausbildung ermöglichen. Wenn Asylbewerber in ihrem Heimatland kurz vor der Immatrikulation standen oder das Studium wegen ihrer Flucht abbrechen mussten, sollten sie auch in Deutschland studieren dürfen. Wo nötig, wären die Zugangsvoraussetzungen entsprechend anzupassen.
  3. Abschiebung für ältere Auszubildende aussetzen. Fliehen junge Menschen vor Krieg und Verfolgung in ihrem Heimatland, unterbricht dies zwangsläufig ihren Bildungsweg. In Deutschland müssen sie dann meist erst ausreichende Sprachkenntnisse erwerben, sodass sie zu Beginn ihrer beruflichen Ausbildung oft schon älter als 21 Jahre sind. Daher sollte die bisherige Beschränkung des Abschiebestopps auf unter 21-jährige Azubis aufgehoben werden.
  4. Zugang zum Integrationskurs gewähren. Da der Integrationskurs gerade mit Blick auf das Erlernen der deutschen Sprache eine sehr gute Qualifikationsbasis bietet, sollten Asylbewerber nach dreimonatigem Aufenthalt an einem solchen Kurs teilnehmen dürfen – vor allem jene, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ihrem Asylantrag am Ende stattgegeben wird.

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