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Der Schein trügt

Auf den ersten Blick ist die deutsche Wirtschaft robust – das Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr der aktuellen IW-Prognose zufolge um 1½ Prozent und 2017 noch um gut 1¼ Prozent wachsen. Doch die Konjunktur wird anfälliger – zu den größten Risiken zählen steigende Lohnstückkosten, eine Wende bei den Energiepreisen und die schwierige Wirtschaftslage in wichtigen Schwellenländern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Bruttoinlandsprodukt wird der IW-Prognose zufolge im Jahr 2016 um 1 1/2 Prozent und 2017 noch um gut 1 1/4 Prozent wachsen, die Konjunktur wird aber anfälliger.
  • Von den vom IW Köln befragten Unternehmen erwarten annähernd 40 Prozent für das laufende Jahr einen Produktionsanstieg, rund 15 Prozent einen Rückgang.
  • Die deutschen Exporte werden 2016 in realer Rechnung nur noch um 2 1/4 Prozent wachsen – deutlich schwächer als zuvor.
Zur detaillierten Fassung

Vorerst bleibt die deutsche Wirtschaft wohl auf Kurs – gegenüber dem vergangenen Herbst hat das IW Köln seine Prognose für das Jahr 2016 nicht revidiert. Diese Stabilität zeigt sich auch in den Ergebnissen der jüngsten IW-Befragung von insgesamt gut 3.000 Unternehmen in Deutschland (Grafik):

Annähernd 40 Prozent der Unternehmen erwarten für das laufende Jahr einen Produktionsanstieg, rund 15 Prozent einen Rückgang.

Damit hat sich das Bild seit dem vergangenen Herbst kaum verändert (vgl. iwd 48/2015).

Auffällig ist jedoch, dass sich die Perspektiven der exportorientierten Wirtschaftsbereiche leicht eingetrübt haben – in der Industrie gehen inzwischen 19 Prozent der Firmen von einer sinkenden Produktion aus. Die stärker auf das Inland ausgerichteten Branchen wie das Baugewerbe sind dagegen zuversichtlicher geworden. Diese Spaltung der Konjunktur zieht sich wie ein roter Faden durch die Prognose und Umfrage des IW Köln:

  1. Außenhandel. Das globale Umfeld ist schwierig. Zum einen leiden die Schwellenländer unter anderem daran, dass die Rohstoffpreise eingebrochen und Strukturreformen verschleppt worden sind. Zum anderen steckt die EU in einer Orientierungskrise – so ist im Kampf gegen die in vielen EU-Ländern noch immer hohe Staatsverschuldung keine Strategie erkennbar und die Wiedereinführung von Grenzkontrollen stellt die Freizügigkeit in Europa infrage.

All dies beeinträchtigt zusammen mit hausgemachten Problemen wie den steigenden Lohnstückkosten auch den deutschen Exportsektor. Zwar rechnen noch rund 27 Prozent der vom IW Köln befragten Unternehmen für 2016 mit höheren Ausfuhren als 2015 und nur gut 15 Prozent mit einem Minus. Doch vor allem der Anteil der Pessimisten ist seit dem Herbst 2015 gestiegen. Die IW-Prognose fällt entsprechend nüchtern aus (Tableau):

Die deutschen Exporte werden 2016 in realer Rechnung nur noch um 2¼ Prozent wachsen – deutlich schwächer als zuvor.

Die Importe legen dagegen in diesem Jahr aufgrund der robusten Binnenkonjunktur um 3¼ Prozent zu, sodass der Außenhandel insgesamt die Konjunktur leicht abbremst.

  1. Investitionen. Weil sich das Exportklima abgekühlt hat, ist die Neigung der Firmen, in neue Maschinen zu investieren, nicht allzu groß.

Laut IW-Konjunkturumfrage wollen zwar immer noch gut 36 Prozent der Unternehmen 2016 ihre Investitionen steigern und lediglich 18 Prozent reduzieren. Doch gegenüber den Vorjahren hat der Elan nachgelassen – und vor allem die Betriebe im Osten sowie generell die Industriefirmen halten sich zurück.

Deutlich erholen werden sich allerdings die Bauinvestitionen, unter anderem weil die Verunsicherung an den Finanzmärkten die Bürger noch stärker auf Immobilienwerte setzen lässt und die Flüchtlingszuwanderung sowohl den privaten als auch den öffentlichen Bau ankurbelt.

  1. Konsum. Die zusätzlichen Ausgaben für die Versorgung und Integration der Flüchtlinge werden den Staatskonsum 2016 steigen lassen. Die Zuwanderung schlägt sich aber auch im privaten Verbrauch nieder, sodass die gesamten Konsumausgaben um 2 Prozent zulegen. Im kommenden Jahr schwächt sich das Wachstum des privaten Konsums jedoch ab – der Schub durch sinkende Energiepreise fällt dann weg.
  2. Arbeitsmarkt. Dank der Impulse aus dem Inland setzt sich der Beschäftigungsaufbau fort:

Gut 31 Prozent der Unternehmen wollen 2016 zusätzliche Mitarbeiter einstellen – lediglich etwas mehr als 16 Prozent gehen von einem Personalabbau aus.

Vor allem in Ostdeutschland und im Baugewerbe haben sich die Aussichten seit dem Herbst verbessert.

Zur weiteren Belebung des Arbeitsmarktes tragen auch die Flüchtlinge bei, wenngleich noch in überschaubarem Maße. Für 2016 rechnet das IW Köln mit 64.000 bis 77.000 erwerbstätigen Flüchtlingen, im kommenden Jahr könnten es bis zu 170.000 sein. Allerdings wird durch den Andrang auf den Arbeitsmarkt dann auch die Arbeitslosenquote leicht steigen.

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