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Der rote Drache ändert seinen Kurs

Die Konjunktur im Reich der Mitte kühlt weiter ab. Überraschend kommt dies nicht, denn die rückläufigen Wachstumsraten sind eine Folge der zwingend notwendigen Neuorientierung des chinesischen Modells.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Weltwirtschaftsmotor China läuft langsamer - zum ersten Mal seit 1999 lag das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 unter der 8-Prozent-Marke.
  • Laut Weltbank muss immer noch jeder vierte Chinese mit nicht einmal 2 Dollar täglich auskommen.
  • Im Jahr 2012 war der Konsum laut der chinesischen Regierung die treibende Kraft des BIP-Zuwachses.
Zur detaillierten Fassung

Der Weltwirtschaftsmotor China läuft langsamer. Zum ersten Mal seit 1999 lag das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 unter der 8-Prozent-Marke. Und eine Wiederbelebung der lange Zeit üblichen zweistelligen Wachstumsraten ist nicht in Sicht. Für 2013 erwartet die seit März amtierende Regierung unter Li Keqiang nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um real 7,5 Prozent – Tendenz fallend.

Ein Plus von weniger als 7 Prozent ist jedoch für das Riesenreich China problematisch, wird dadurch doch das Ziel gefährdet, die Wirtschaftsleistung bis 2020 zu verdoppeln und so jene zig Millionen Chinesen am steigenden Wohlstand teilhaben zu lassen, die noch immer unterhalb der Armutsgrenze leben.

Die Wachstumsschwäche Chinas kommt nicht überraschend, denn auch am Reich der Mitte geht die globale Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbei. Hinzu kommt eine geplante Neuorientierung des chinesischen Wachstumsmodells. Das Wirtschaftswachstum, so steht es im zwölften Fünfjahresplan, soll „inklusiv und umweltfreundlich“ sowie durch den „heimischen Konsum“ vorangetrieben werden. Gemeint ist Folgendes:

Inklusiv. Die wachsende Nachfrage nach chinesischen Produkten auf dem Weltmarkt hat in der Vergangenheit allein die florierende Ostküs­te des Landes begünstigt. Das westliche Hinterland dagegen lebt weiterhin mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft.

Laut Weltbank muss immer noch jeder vierte Chinese mit nicht einmal 2 Dollar täglich auskommen.

Die große Einkommensungleichheit soll unter anderem durch eine Erhöhung des Mindestlohns, eine Verbesserung des Steuersystems und den Ausbau der sozialen Sicherung reduziert werden, verspricht der neue Regierungschef.

Umweltfreundlich.

Mittlerweile ist China zum weltweit größten Emittent von Treibhausgasen geworden. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass das Land im Jahr 2012 mehr als 8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid allein durch seinen Energieverbrauch produzierte – das war knapp ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstoßes. Die Regierung in Peking will aus diesem Grund den Schadstoffausstoß in der Schwerindustrie bis zum Jahr 2017 um mindestens ein Drittel reduzieren.

Konsumbasiert. Jahrzehntelang haben die Investitionen den größten Beitrag zum rasanten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts geleistet (Grafik). Die Folgen sind Überkapazitäten und eine hohe Ausbeutung von Umweltressourcen. In Zukunft soll die Wirtschaftsleistung daher durch den Binnenkonsum vorangetrieben werden. Der Fortschritt hin zu konsumgetriebenem Wachstum macht sich bereits bemerkbar – schon 2011 leisteten der private und öffentliche Verbrauch einen größeren Wachstumsbeitrag als die Inves­titionen.

Im Jahr 2012 war der Konsum laut der chinesischen Regierung die treibende Kraft des BIP-Zuwachses.

Auch der Außenhandel Chinas hat sich in den vergangenen Monaten abgeschwächt. So waren die gesamtwirtschaftlichen Exporte im Juni zum ersten Mal seit Januar 2012 rückläufig. Neben der geringen Nachfrage aus der Europäischen Union und den USA ist auch die Aufwertung der chinesischen Währung für den Exportrückgang mitverantwortlich.

Der Warenhandel mit Deutschland ist ebenfalls leicht geschrumpft (Grafik):

Laut Deutscher Bundesbank sind die Warenimporte aus China im Jahr 2012 um knapp 4 Prozent zurückgegangen, während die deutschen Warenexporte um nahezu 3 Prozent gestiegen sind.

Dieser Trend machte sich vor allem im ersten Halbjahr bemerkbar: Zum ersten Mal seit 24 Jahren hat Deutschland im Zeitraum von Januar bis Juni 2012 mehr Waren nach China exportiert als von dort importiert und einen Leistungsbilanzüberschuss erzielt.

Trotz schwacher Wachstumszahlen wird aus Peking keine weitere Lockerung der Geldpolitik erwartet, denn die Inflation war zuletzt wieder höher. Mit 2,7 Prozent lag die Teuerung im Juli zwar deutlich unter dem Regierungsziel von 3,5 Prozent. Doch die Preise für Nahrungsmittel sind sogar um 5 Prozent gestiegen – und das trifft vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten.

Allerdings ist eine Reihe von Strukturreformen vorgesehen, die auf eine Öffnung des Kapitalmarktes abzielen. Der jahrelange Kreditboom soll gestoppt und die Finanzaufsicht verstärkt werden. Außerdem will die Regierung ihre Wechselkurspolitik ändern. Das Ziel ist es, die üblichen Interventionen der Notenbank zur Stützung des Renminbi zurückzufahren und stattdessen eine mehr marktkonforme Entwicklung zuzulassen.

Die Neuorientierung des Wachstumsmodells im Reich der Mitte wird von vielen Investoren und Analysten weltweit mit großer Aufmerksamkeit betrachtet. Auf lange Sicht ist der Kurswechsel zwar richtig und sogar zwingend notwendig. Allerdings könnte er kurzfristig mit erheblichen Wachstumseinbußen verbunden sein.

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